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Seit 15 Jahren versorgt die Tafel Gescher Menschen mit Lebensmitteln

Eine unverzichtbare Anlaufstation

Gescher. Anfang 2006 waren die Hartz-IV-Gesetze seit gut einem Jahr in Kraft, in Deutschland gab es 4,5 Millionen Arbeitslose, und vielen machte die Preisentwicklung nach der Euro-Einführung noch zu schaffen. In dieser Situation entstand in Gescher eine Einrichtung, die bis heute segensreich wirkt: die Tafel, die sozial und wirtschaftlich Benachteiligte mit Lebensmitteln versorgt. Christa Sibbing brachte den Stein ins Rollen, informierte sich, gewann aktive Mitstreiter wie Franz-Josef Menker und stellte Räumlichkeiten an der Bahnhofstraße zur Verfügung. Hier fand vor 15 Jahren, genau am 4. Mai 2006, die erste Lebensmittelausgabe statt. „19 Kunden sind gekommen, eine Woche später haben wir schon 51 Pakete ausgegeben“, erinnern sich die Initiatoren. Seitdem sind unzählige Tonnen Lebensmittel über die Ladentheke gegangen – bis heute, da trotz Pandemie wöchentlich gut 100 Lebensmittelkisten an Bedürftige ausgehändigt werden.

Jürgen Schroer

Seit 15 Jahren versorgt die Tafel bedürftige Menschen aus Gescher und umliegenden Kommunen mit Lebensmitteln aller Art. Das Bild zeigt (v.l.) 1. Vorsitzende Conny Sprey, 2. Vorsitzende Christa Sibbing, Beisitzerin Roswitha Lucahsen und Schriftführerin Rita Dingermann. Foto: Jürgen Schroer

Möglich ist das Tafelsystem nur, weil wir in einer Überflussgesellschaft leben: Hochwertige Lebensmittel werden von Herstellern und Händlern entsorgt, weil sie einen optischen Makel haben oder die Mindesthaltbarkeit abläuft. „Dass so viele Lebensmittel weggeworfen werden, ist unerträglich. Das habe ich damals nicht gewusst“, entsinnt sich Franz-Josef Menker. Auf der anderen Seite gibt es viele Menschen, die – oft unverschuldet – in finanziell schwierige Situationen gekommen sind. Hier schaffen die Tafeln einen Ausgleich, indem sie überschüssige Lebensmitteln einsammeln und an Bedürftige verteilen.

In Gescher gab es in der Gründungsphase eine breite Unterstützung für die Tafelidee, die zunächst bei der Aktion „Nachbarn helfen Nachbarn“ angesiedelt war. 25 ehrenamtliche Mitarbeiter und viele Helfer und Sponsoren schufen in den Räumen an der Bahnhofstraße eine Anlaufstelle für Hunderte von Menschen aus Gescher und Umgebung. Kolpingmitglieder bauten die Regale, Geschäftsleute und Handwerksbetriebe halfen mit Geld- und Sachspenden, und mit Hilfe der örtlichen Banken wurde der erste Kleintransporter angeschafft. Der wurde benötigt, um überschüssige Lebensmittel bei Supermärkten, Discountern und Bäckereien abzuholen. Noch vor der ersten Ausgabe sammelten Jugendfeuerwehr und Jugendrotkreuz an den örtlichen Märkten haltbare Lebensmittel ein, die von den Gescheraner gespendet wurden. Dieser Aktionstag wurde zur festen Einrichtung.

Seitdem ist viel geschehen. Die Tafel ist ein eingetragener Verein, hat ihre Ausstattung – ohne öffentliche Mittel – um Kühlzellen und -truhen, einen Kühltransporter und einen Hubwagen erweitert und ist in ein Netzwerk aus Tafeln und Kooperationspartnern eingebunden. Mit Gebrauchtmöbeln, Textilien und Kindersachen hat die Tafel ihr Angebot ausgeweitet. Die Zahl der Berechtigten und der ausgegebenen Lebensmittelkisten ist in den ersten Jahren kontinuierlich gestiegen und erreichte ab 2015, im Zuge der Flüchtlingskrise, mit fast 400 Kunden und über 7000 ausgegeben Kisten ihren Höhepunkt. Auch im Corona-Jahr 2020 „haben wir weitergemacht“, berichtet Christa Sibbing, da wurden trotz der schwierigen Rahmenbedingungen 277 Berechtigte mit über 5000 Lebensmittelkisten versorgt. Die gibt es übrigens nicht umsonst, drei Euro zahlen die Kunden.

Aktuell zählt das Tafelteam 43 Helferinnen und Helfer, den Vorsitz im Verein hat seit Anfang März Cornelia Sprey inne. Es gibt mehrere Fahrerteams, die im Wechsel arbeiten. Zwölf Mitstreiter haben in der Corona-Zeit ihre Mitarbeit beendet, um sich und ihre Gesundheit zu schützen. „Deshalb suchen wir Verstärkung, gerne auch jüngere Leute“, sagt Rita Dingermann. Es gebe vielfältige Einsatzmöglichkeiten, und die Arbeit im Team mache Spaß. Alle eint das Wissen um die Sinnhaftigkeit ihres Tuns: Lebensmittel vor der Vernichtung bewahren und zugleich Menschen helfen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, das ist gut und richtig. Zum Ausgleich unternimmt das Tafelteam Pättkesfahrten und Ausflüge und lädt die Helfer zum Neujahrsempfang mit Abendessen ein.

Von verschiedener Seite hat der Einsatz der Tafel Anerkennung erfahren. So gab es 2009 den Ehrenamtspreis der Stadt Gescher für die Tafel und 2020 für deren Gründerin Christa Sibbing. Zum Zehnjährigen kam Besuch aus Berlin: Der Bundestagsabgeordnete Johannes Röring und Jens Spahn, damals noch Parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium, gratulierten und zeigten sich beeindruckt von dem, was in Gescher aufgebaut worden ist.

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