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Reinhard Tempelmann ist KIM-Vorsitzender und hat rund 150 Gemälde erschaffen

Erotik und Vergänglichkeit im Blick

Gescher. Jubiläen können nicht groß gefeiert werden, Ausstellungen für Künstler sind unmöglich. Also ziehen sich die Künstler in ihre eigenen vier Wände zurück. Reinhard Tempelmann, 1949 in Borken geboren und seit Ende der 1970er Jahre in Gescher beheimatet, gehört zu der großen Zahl der ausgebremsten Künstler. Auch die Künstlergruppe „KIM“ (Kunst ist mehr), deren Vorsitzender Tempelmann seit sieben Jahren ist, hat die Corona-Beschränkungen zu spüren bekommen.

Elvira Meisel-Kemper

Vor rund 20 Jahren hat Reinhard Tempelmann die Malerei für sich entdeckt. Das Foto zeigt den Gescheraner in seinem Dachatelier vor einem unfertigen Gemälde aus seiner neuen Bilderfolge über historische Grabfiguren. Foto: Elvira Meisel-Kemper

„Ich beschäftige mich zurzeit mit erotischen Grabskulpturen. Das hat vielleicht etwas mit dem Alter zu tun“, umschreibt der 71-jährige Künstler seine neue Folge von Gemälden. „Ganz schön mutig für das 19. Jahrhundert“, offenbart Tempelmann die Quelle. Es ist ein Buch mit Fotos von erotischen Grabskulpturen aus dieser Zeit von Friedhöfen in Europa. Eins-zu-Eins-Reproduktionen der Vorlage sind seine Bilder natürlich nicht, denn immer verändert Tempelmann, bringt eigene Ideen und Gedanken mit in das Bild und spiegelt damit seine und die Gedanken seiner Zeit zum Thema Tod und Vergänglichkeit wider. Auch das wurde befördert durch die Nachrichten über die täglich wachsende Zahl der Corona-Toten. Ungewöhnlich sind die unterschiedlichen Formate. Er erklärt es so: „Ich habe einfach die Leinwände genommen, die ich vorrätig hatte. Zurzeit sind Leinwände überall ausverkauft.“ Auch das ist eine Folge der Corona-Einschränkungen.

Ganz andere Folgen haben Tempelmann und die Mitglieder der Künstlergruppe KIM (Kunst ist mehr) im vergangenen Herbst zu spüren bekommen. 2020 vor 30 Jahren wurde die KIM gegründet. Deshalb gab es eine Jubiläumsausstellung im „kult“ in Vreden, die kurz nach der Eröffnung abgebrochen werden musste. Jetzt hoffen die KIM-Künstler, dass im kommenden Sommer im „Farb“ in Borken die zweite Jubiläumsausstellung starten kann.

Tempelmann kam kurz nach der Jahrtausendwende zu KIM. Damals stellte Tempelmann zusammen mit den Künstlern Karsten Stein und Ansgar Höing – sie nannten sich „Handfest“ – im Kellergewölbe von Haus Hall in Gescher aus. Walter Köller, der Mitbegründer von „KIM“, sah die Schau und holte ihn in die Künstlergruppe. 1978 begann Tempelmann, der erst Tischler gelernt hat, danach Sozialarbeiter wurde und noch das Studium zum Diplom-Pädagogen mit Schwerpunkt Sozialarbeit in Münster draufsattelte, in Haus Hall als Leiter des Außenwohnbereichs. 33 Jahre hat er dort bis zum Ruhestand auch künstlerische Spuren hinterlassen. In Haus Hall richtete er sich eine Bildhauerwerkstatt ein, die er mit den Bewohnern benutzte. „Seit einem Jahr war ich wegen Corona nicht mehr da“, bedauert der Künstler.

Die Malerei kam um 2000 mit Irmtraud Alfers-Berger, Malerin aus Gescher, in sein Leben. Sie holte ihn in die Malergruppe „Postmoderne“ in Gescher. „Sie meinte, ich solle in die Gruppe kommen, um zu malen. Aber ich kann doch nicht malen, habe ich ihr damals gesagt“, erinnert sich Tempelmann. Mittlerweile hat er rund 150 Gemälde gemalt. Auch im gemeinsamen Atelierraum der Gruppe ist er, bedingt durch Corona, seit Monaten nicht mehr gewesen.

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