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Gedenken an den früheren Amtsdirektor Hans Hawig

Hoffnungsvolles Kapitel endete jäh

Gescher

„Diese Stunde hat mich nun mit dem Amt Gescher und allen seinen Bewohnern engstens verbunden. Ich gehöre nun zu Ihnen, bin einer von Ihnen, mehr nicht, aber auch nicht weniger.“ So sprach laut Allgemeine Zeitung vom 5. Mai 1953 der frisch ins Amt eingeführte Amtsdirektor Hans Hawig, damals mit 31 Jahren der jüngste seiner Stellung in Deutschland.

Hans Hawig war von 1953 bis 1957 Amtsdirektor von Gescher und hat in dieser kurzen Schaffenszeit viele Projekte auf den Weg gebracht. Eine Stele auf dem Friedhof soll künftig an ihn erinnern. Foto: Fotos: privat

Gut 14 Tage zuvor hatte es nach der öffentlichen Präsentation seiner Bewerbung im Domhotel geheißen, diese sei „so eindrucksvoll und überzeugend“ gewesen, „daß keine andere Wahl in Frage kommen könne. Obwohl er der jüngste unter den letzten vier Bewerbern (von ursprünglich 46) war, hinterließ er den Eindruck eines in der Verwaltung erfahrenen und gereiften Mannes, der nach seinen eigenen Worten ein Gegner jeglicher Bürokratie ist.“ (AZ-Bericht vom 21. April 1953)

So begann ein hoffnungsvolles neues Kapitel in der Lokalgeschichte Geschers, von der 1953 niemand ahnte, dass sie nach vier Jahren durch den frühen Tod des Amtsdirektors abrupt enden würde.

Hans Hawig, geboren in Gelsenkirchen-Buer, kam dienstlich aus Marl, wo er, nach exzellent absolvierten Studien an der Verwaltungsakademie Essen, Oberinspektor und Kämmerer gewesen war. Er traf auf eine vielversprechende Gemeinde von etwa 10 500 Einwohnern und verwaltete einen (ausgeglichenen!) Haushalt von circa 420 000 D-Mark. Er wirtschaftete umsichtig mit dem Geld und veranlasste den Anschluss des Ortes an die Kanalisation, die Instandsetzung von Sportstadion und Badeanstalt, die Errichtung eines „Mahnmals für den deutschen Osten“, den Bau der „Schauburg“ (des damals zweiten Kinos vor Ort), die Erweiterung der Hindenburg-Schule und den Neubau einer evangelischen Volksschule, die durch die 1800 schlesischen Flüchtlinge nötig geworden war. Nach direktem Kontakt mit Albert Schweitzer gestattete dieser, dass die Schule dessen Namen bekam.

Die Beliebtheit der Person des Amtsdirektors bei der Bevölkerung verband sich aber mindestens genauso mit seiner umgänglichen Art, seiner verbalen Schlagfertigkeit, seiner Fähigkeit, improvisiert druckreif zu sprechen, seinem ehrenamtlichen Engagement, auch seiner Schiedsrichterrolle bei Amateur-Fußballspielen, seinen Karnevalsreden und Ansprachen bei der Schützengilde. Um die Spätheimkehrer Hermann Rensinghoff und Josef Spitzer, auch um den aus DDR-Haft entlassenen Antonius Speckmann kümmerte er sich persönlich. Seinen Sekretärinnen, allen voran Mechtild Lüdiger (heute Struffert), lieferte er anekdotenreifen Stoff. In ihm mischten sich Jugendlichkeit, beamtische Solidität, immenser Fleiß, katholische Bodenhaftung und Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Entwicklungen und den Chancen der jungen Demokratie.

Bei aller Beliebtheit gelang es ihm freilich nicht, die sechs Einzelgemeinden seines Amtsbezirks (Gescher selbst, Büren, Estern, Harwick, Tungerloh-Capellen und Tungerloh-Pröbsting) zu einem organisatorisch und finanziell flexiblen „Kirchspiel“ zusammenzufassen. Auch Bürgermeister Hörnemann und Oberkreisdirektor Kochs von Coesfeld brachten das Kirchtumsdenken der damaligen Ortsvertreter nicht zur Vernunft. Die heutige Stadt Gescher entstand bekanntlich erst später, im Jahr 1969.

Die ersten Vorboten seiner letztlich tödlichen Leukämie-Erkrankung trafen Hans Hawig unverhofft zur Jahreswende 1955/56. Bis zuletzt im Amt, starb er am 8. Juni 1957 im Uniklinikum Münster. Seine Beisetzung war ein regionales Ereignis.

Anlässlich der Einweihung des von ihm initiierten neuen Sportstadions konnte die Allgemeine Zeitung am 13. August des Jahres vermerken: „Zwischen den einzelnen Veranstaltungen nahm Amtsbürgermeister Hörnemann die Siegerehrung der Mannschaft des Turnvereins Gescher zur Erringung der Westfalenmeisterschaft im Jugendturnen vor, die sich der verstorbene Amtsdirektor H. Hawig selbst habe vorbehalten wollen, und gedachte dabei des großzügigen Förderers des Vereins, was von allen Anwesenden mit ehrfürchtigem Schweigen aufgenommen wurde.“

0  Hans Hawig wäre am 24. August 2021 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass findet am Sonntag (22. 8.) um 11 Uhr ein Gedenkgottesdienst in St. Pankratius mit anschließender Einweihung einer Gedenkstele auf dem Friedhof Gescher statt. Interessierte sind willkommen. Text und Fotos hat Dr. Peter Hawig, Neffe des früheren Amtsdirektors, zur Verfügung gestellt.

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