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Familie Shintu hat drei geflüchtete Familien aus der Ukraine in Tungerloh-Capellen aufgenommen

„Man braucht ein Netzwerk“

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Zwei außergewöhnliche Wochen liegen hinter Lilli Schintu und ihrer Familie. Sie haben vorübergehend insgesamt drei geflüchtete Familien aus der Ukraine aufgenommen. „Innerhalb von wenigen Stunden ist diese Entscheidung gefallen“, sagt die junge Mutter eines zweieinhalbjährigen Sohnes.

Von Manuela Reher

Familie Schintu (links Andrea und Lilli mit ihrem Sohn Jarno) in Tungerloh-Capellen hat vorübergehend drei geflüchtete Familien aus der Ukraine aufgenommen.

Familie Schintu hat langjährige private Kontakte in die Ukraine, sodass es für sie keine Frage war, den Familien in dem Kriegsgebiet zu helfen. „Alle haben eine Woche lang in einem Bunker zugebracht, um sich vor den Bombenangriffen zu schützen“, sagt Lilli Schintu.

Wenn solche Hilferufe kommen, überlege man nicht lange, wie man das Ganze anpackt, sagt Lilli Schintu. „Man handelt einfach. Man springt da so rein“, sagt die Sozialpädagogin. „Man sieht die schrecklichen Bilder am Fernsehen“ und müsse einfach reagieren, sagt die Gescheranerin, immer noch aufgewühlt von den gemeinsamen Erlebnissen mit ihren neuen Familienmitgliedern auf Zeit.

Auf dem elterlichen Hof Jebing, wo Lilli Schintu mit ihrem italienischen Mann Andrea und ihrem Sohn Jarno lebt, ist man kurzerhand zusammengerückt. Das Spielzimmer wurde freigeräumt und das Gästezimmer hergerichtet. „Ohne meine Eltern und meine Schwester Johanna Jebing mit ihrem Ehemann Dennis Jebing wäre dies nicht möglich gewesen“, sagt Lilli Schintu.

Ihre Freundin Annika Sundrum ist zusammen mit Lebenspartner Jörg Linnemann nach Polen gefahren und hat dort zwei Familien an der ukrainisch-polnischen Grenze abgeholt. Den Bulli hat das Busunternehmen Heitkamp & Hülscher aus Stadtlohn zur Verfügung gestellt und auch noch die Fahrtkosten übernommen. Eine weitere Familie kam mit dem Flugzeug von Polen nach Deutschland. „Die Hilfe war rührend und überwältigend“, sagt Lilli Schintu. Die Familien Vogeshaus, Kreutzfeldt, Mester, Kramps und Sundrum hätten tatkräftige Hilfe geleistet und zahlreiche Spenden gegeben. Dankbar ist sie auch dem Kaufhaus Nr. 10 und dem Babykorb für die Kleidungsspenden und den anonymen Spendern von Gutscheinen, Spielsachen und Kleidung. Und sogar von Freunden aus Amerika, von Pastor Mark Duniak und seiner Gemeinde Who wurden 1500 Dollar für Tickets und Lebensmittel gespendet.

Für Familie Schintu gab es zwei Wochen lang einen komplett neuen Alltag. Mahlzeiten und vieles mehr mussten organisiert werden. „Das war ein logistisches Meisterwerk“, sagt Lilli Schintu. Die drei Familien aus der Ukraine brachten vier Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren mit. „Plötzlich hatten wir einen kleinen Kindergarten bei uns zu Hause“, sagt die junge Mutter. Und ihr Sohn Jarno durfte sich über neue Spielkameraden freuen.

Die Neuankömmlinge aus der Ukraine mussten auch registriert werden. „Wir haben ihnen Ängste vor deutschen Behörden genommen“, sagt Lilli Schintu. Denn in der Ukraine würden viele Verwaltungsvorgänge anders ablaufen. Dass ihnen ein Krankenschein für drei Monate ausgestellt wurde, habe die Geflüchteten irritiert. „Denn sie wollen doch so schnell wie möglich wieder nach Hause“, sagt die Gescheranerin. Emotionales Feingefühl sei nötig gewesen. Deshalb sei sie der Stadt Gescher und dem Kreis Borken sehr dankbar für die kompetente und freundliche Hilfe.

Für die drei Familien aus der Ukraine war Gescher nur eine Zwischenstation. Denn Familie Schintu hat einer Familie durch private Kontakte ein Quartier in einer Wohnung in einem Kloster in Italien vermitteln können. Eine weitere Familie reist weiter nach Stuttgart. Alle bleiben aber weiterhin in Kontakt miteinander, versichert Lilli Schintu und resümiert: „Man braucht ein Netzwerk, wenn man sich dafür entscheidet, Geflüchtete aus der Ukraine privat aufzunehmen. Kost und Logis allein reichen nicht aus.“

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