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Wurstaufholer-Skulptur erinnert an die Anfänge des Karnevalsbrauchtums in Gescher

Männer mit Zylinder in Feierlaune

Gescher

Frohen Mutes schlendern die beiden Männer durch die Innenstadt. Sie sind schick angezogen, tragen Zylinder und freuen sich offensichtlich auf leibliche Genüsse und Geselligkeit. Vorne an der Gaffel und an der Stange, die sie lässig auf den Schultern tragen, hängen gekrümmte Fleischprodukte. Aus Bronze, versteht sich. „Das sind Würste“, sagt Lutz Kemna und legt Hand an. „Die kann man aber nicht bewegen“, stellt der Neunjährige fest. Genau wie sein Kumpel Lorenz Heisterkamp (9) und dessen Schwestern Leontien (6) hat er die beiden mannshohen Figuren schon öfter gesehen. Was es damit auf sich hat? Die Kinder zucken mit den Schultern: „Weiß ich nicht“, sagt Leontien. Papa Theo Heisterkamp, Präsident der Gescheraner Stadtkarnevalisten, kann weiterhelfen: „Das sind die Wurstaufholer, die an die Anfänge des Karnevals in Gescher erinnern“, erklärt er. Seit 1995 marschieren die beiden Bronzemänner durch die Glockenstadt, abends angestrahlt durch Bodenleuchten.

Von Jürgen Schroer

„Cool“ finden die Klassenkameraden Lutz Kemna (links) und Lorenz Heisterkamp die bronzene Wurstaufholer-Skulptur samt Gaffel. Foto:

Neugierig beäugen die Kinder die Skulpturen, die in der hiesigen Glockengießerei gegossen worden sind. „Guck mal, der eine hat einen Schnurrbart“, stellt Lorenz fest. Gemeint ist der hintere Kopf. Auch an der Rückseite gibt es einiges zu entdecken. Da hängt nämlich eine Flasche Korn an der Stange, zusammen mit einem (ziemlich großen) Schnapspinneken. Und damit steht fest, was die beiden gutgelaunten Männer vorhaben: Sie wollen gemeinsam essen und trinken und feuchtfröhlich in die Karnevalszeit starten. Und die hat in Gescher einen ganz besonderen Stellenwert.

Vor dem Beginn der Fastenzeit, das ist Tradition in Gescher, ziehen die Leute in ihren Nachbarschaften von Haus zu Haus, um „Wurst aufzuholen“. Das soll es schon um das Jahr 1800 herum gegeben haben. 1934 war es die Nachbarschaft Berliner Tor, wo sich die Männer zu diesem Anlass verkleideten und einen Karren mit sich führten. „Das war der erste Karnevalsumzug in Gescher“, erläutert Theo Heisterkamp. Nach den Kriegswirren wurde diese Tradition ab 1950 mit wachsender Begeisterung fortgeführt. Natürlich ist bei vielen Alkohol im Spiel, wenn die Gescheraner feiern. Deshalb gibt es Mettwurst, die gemeinsam gekocht und in geselliger Runde verzehrt wird: „Als solide Grundlage“, schmunzelt der Karnevalisten-Chef.

Und wie ist es zur Skulptur am Rondell in der Innenstadt gekommen? Da hat die Glockengießerei Petit & Gebrüder Edelbrock den Stein ins Rollen gebracht, als sie beim Weihnachtsmarkt 1994 die Großplastik „Wurstkommissare“ von Bildhauer Bernd Heinemann ausstellte. Sie war für die kleine Gemeinde Salchendorf bei Siegen bestimmt. „So etwas wollen wir auch für Gescher“, dachten sich die Altprinzen Franz Horst und Willi Korf und starteten eine Spendenaktion. Die Resonanz war groß: Privatpersonen, Nachbarschaften, Vereine und Geschäftsleute spendeten in vergleichsweise kurzer Zeit rund 45 000 D-Mark, sodass das Kunstwerk in Auftrag gegeben werden konnte.

Bis August 1995 lieferte Künstler Heinemann das Modell aus Wachs, das in der hiesigen Gießerei im Wachsausschmelzverfahren zur 400 Kilogramm schweren Wurstaufholer-Bronzeplastik verarbeitet wurde. Zum Sessionsauftakt am 11. 11. 1995 waren hunderte Gescheraner dabei, als das Kunstwerk enthüllt und eingeweiht wurde. „Damals war Opa Bernhard Prinz“, plaudert Theo Heisterkamp aus dem Nähkästchen. Sohnemann Lorenz staunt: „Echt?“

Noch einmal fassen die Kinder – alle drei besuchen die Von-Galen-Schule – die namensgebenden Würste aus Bronze an; sie lassen sich immer noch nicht bewegen. Lorenz Heisterkamp bevorzugt die essbaren Gegenstücke: „Wir grillen gerne“, grinst der Neunjährige. Und wenn er demnächst (hoffentlich) wieder beim Umzug mit Papa Theo auf dem Komiteeswagen an den Wurstaufholern vorbeirollt, weiß er endlich, was es mit den gutgelaunten Zylinderträgern auf sich hat.

0  Anschauen und mitmachen dürfen auch Sie, liebe Leserinnen und Leser. Unsere Frage zur Wurstaufholer-Skulptur in Gescher: Wie lautet der Titel auf der bronzenen Info-Tafel, die Hintergrund und Entstehung der Großplastik erläutert?

7 In der nächsten Folge am Donnerstag (22. 7.) stellen wir im Lokalteil Coesfeld ein kunterbuntes Kunstwerk auf 35 Quadratmetern vor.

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