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Martin Wissen führt 30 Interessierte zu den früheren Wohnstätten der jüdischen Gescheraner

Was von den Ermordeten blieb

Gescher

(sk). Mit 30 Teilnehmern war die Führung „Auf den Spuren der ehemaligen jüdischer Mitbürger Geschers“ sehr gut frequentiert. Der gebürtige Gescheraner Martin Wissen konnte bei dem zweistündigen Rundgang viel über die Menschen, die, bis die Nazis kamen, fest in die Dorfgemeinschaft integriert waren, erzählen. An der Hauskampstr. 14 ging es los. Dort stand bis vor einigen Jahren das Wohnhaus der Familie Josef Falkenstein, einem Schlachter, der es verstand, „koscher“, das heißt: nach jüdischen Recht zu schlachten. An der Fabrikstr. bewohnte die Familie Louis und Max Marx ein Haus auf dem jetzigen West-Netz Gelände. Auch sie gingen dem Schlachter und Viehhandels-Gewerbe nach. Und viele Besucher der „Kanne“ dürften nicht wissen, dass dort der im Volksmund „armer Jude“ genannte Jonas Marx mit seiner Familie lebte. Er verdiente sein Geld mit dem Handel von Kleintierfellen und Pferdehaar.

Martin Wissen (mit Warnweste) berichtete bei einem Stadtrundgang darüber, wie gut die jüdischen Mitbürger in die Dorfgemeinschaft integriert waren – bis die Nazis die Macht übernahmen. Foto: Fotos: sk

Die Familie Julius Stein bewohnte das heutige Haus Optik Busch. Bis vor einigen Jahren war an der Giebelseite noch der Davidsstern erkennbar. Stein betrieb einen Stoffhandel. Zugute kam ihm der Sabbat. Während sie am Samstag ihr Geschäft ruhen ließen, konnten sie getrost am Sonntag, wenn die Katholiken vom Gottesdienst kamen, ihre Waren verkaufen. Das Geschäft florierte und Stein baute 1913 ein weiteres Haus (heute Schöning-Kortbus) neben seinem Haupthaus. Dort wurde auch ein Gebetssaal für die jüdisch Glaubenden aus Gescher und Velen eingerichtet.

Endpunkt des Rundgangs war der jüdische Friedhof am Südlohner Damm. Auch dort konnte Wissen interessante und für viele Gescheraner unbekannte Fakten offen legen. So bekam der Schreiner als Sarganfertiger nur Andeutungen über schlichte Verzierungen, Nachfragen wurden nicht beantwortet, so Wissen aus Erzählungen seines Patenonkels, der für viele Särge verantwortlich zeichnete.

Gescher wollte 1949 die Juden „vergessen“ und den Friedhof nach Coesfeld verlegen. Noch heute erinnern die Grabsteine in lateinischer und hebräischer Schrift an die Verstorbenen. Teilweise sind diese jedoch stark verwittert.

Vier jüdische Familien zählte das damalige Dorf Gescher. Sie lebten und genossen das Dorfleben, wie Wissen erzählte. Sie versuchten sogar die Schützenkönigswürde zu erlangen. Doch wurde dieses verweigert, da ein König der Pankratius-Schützengilde katholischen Glaubens sein musste.

Alle jüdischen Bewohner wurden unter Polizeigewalt am 10. Dezember 1941 zum damaligen Polizeiposten, dem heutigen Glockenmuseum, geleitet. „Sie waren in die Dorfgemeinschaft integriert, bis dass die NSDAP die Macht ergriff.“ Heute erinnern nur noch sogenannte Stolpersteine, Bronzetafeln, die im Straßenpflaster eingelassen sind, an die Wohnhäuser der Familien.

Erinnert wird auch an die jüngste Tochter der Familie Stein, die ebenfalls wie alle anderen Gescheraner Juden nach Riga deportiert wurden. Ihr Name „Elionore Stein“ wurde der Verbindung zwischen der Hof- und Armland-Str. gewidmet. Dortige vier Stelen erinnern nicht nur an die vier jüdischen Familien, sondern auch an eine kleine Parzelle, die bis heute nicht rechtlich geklärt werden konnte, wie Wissen sagte. Sie gehörte bis zur Enteignung durch die NSDAP der Familie Stein.

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