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Gedenken an ehemalige jüdische Mitbürger

„Wir müssen unsere Stimme erheben“

Gescher

Jeder Einzelne könne dazu beitragen, dass das, was 1938 begann, nicht vergessen werde und als Mahnung verankert bleibe. Diese Worte richtete Hubert Effkemann am Dienstagabend an die 20 Teilnehmer der Gedenkstunde zum Novemberpogrom vor 83 Jahren. Das sei damals der sichtbare und spürbare Anfang vom Ende vieler Juden und jüdischen Gemeinden gewesen - nicht nur in großen deutschen Städten, sondern auch ganz konkret in Gescher.

Von Manuela Reher

An die ehemaligen jüdischen Mitbürger erinnerten Hubert Effkemann (r.) und Cordula Ostermann (3.v.l.) vom Riga-Arbeitskreis am Dienstagabend anlässlich der Pogromnacht am 9. November 1938. Sie besuchten mit den Teilnehmern der Gedenkveranstaltung auch das Gebäude der Familie Stein im Schatten der Pankratiuskirche, wo seinerzeit der Betsaal der jüdischen Gemeinde war. Foto: Foto: Manuela Reher

„Viele haben damals mitbekommen, was hier passiert ist“, sagte der Sprecher des Riga-Arbeitskreises, der zu dieser Gedenkveranstaltung eingeladen hatte. Die Teilnehmer trafen sich am jüdischen Friedhof am Südlohner Damm. „Dieser Friedhof war 170 Jahre lang Anlaufpunkt der jüdischen Gemeinde“, sagte Hubert Effkemann. Zehn Mal so alt, nämlich 1700 Jahre, ist das jüdische Leben. Darauf werde in diesem Jahr in ganz Deutschland zurückgeblickt.

„In dieser langen Zeit haben Jüdinnen und Juden die Geschichte unseres Landes und Mitteleuropas auf vielfältige Weise mitgeprägt“, betonte der Sprecher des Arbeitskreises und fügte hinzu: „Zahllose herausragende jüdische Personen haben durch ihr Schaffen den Ruf Deutschlands als das Land der Dichter und Denker in aller Welt gefestigt.“

Die Gruppe machte sich gestern Abend auch auf den Weg zum ehemaligen Haus der Familie Stein im Schatten der Pankratiuskirche. Das Gebäude, in dem einst der Betsaal der jüdischen Gemeinde war, stellt das letzte authentische Relikt jüdischen Lebens in Gescher dar. Dort erinnerte Hubert Effkemann daran, dass es am 9. November 1938 auch zu erheblichen Repressalien gegenüber dieser jüdischen Familie und in der Hauptstraße gegen Familie Marx kam. „Auch diese Orte wurden damals durch den Vandalismus der braunen Horden in Mitleidenschaft gezogen“, sagte Effkemann. Die Familienväter wurden inhaftiert, die Familien am 10. Dezember 1941 nach Riga in Lettland deportiert, gemeinsam mit zwei weiteren jüdischen Familien. Die Stelen auf der Elionore-Stein-Straße erinnern an die vier Familien. Dort legten die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung weiße Rosen nieder und entzündeten Kerzen in Erinnerung an diese ehemaligen jüdischen Mitbürger.

Hubert Effkemann zitierte aus einem Kapitel des Heimatbuches „Ent-deckte Zeichen“ von Martin Wissen, in dem ein Zeitzeuge die Geschehnisse der Nacht vom 9. November 1938 schildert.

Cordula Ostermann vom Riga-Arbeitskreis wies darauf hin, wie wichtig das Erinnern ist. Es sei nötig, Flagge zu zeigen. „Gerade weil braunes und antisemitisches Gedankengut verstärkt wieder aufkeimt“, betonte Hubert Effkemann. „Als kultivierte, geschichtsbewusste Bürgerinnen und Bürger müssen wir uns dagegen stellen und, wenn nötig, unsere Stimme erheben, um den ewig Gestrigen entgegenzutreten.“

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