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Seit 1989 gibt es am Rathaus Gescher das „Spiel mit sechs Grad“

Wo schiefe Dinge ihren Sinn haben

Gescher

Mit Anlauf stürmt Paula Potthoff die Backsteinmauer an der Westseite des Rathauses hoch. Ihre Freunde Emma Böing folgt ihr. „Hier klettern wir immer“, verkünden die Freundinnen und bleiben auf der Schräge sitzen. Auch Eisessen geht hier prima, versichern die Mädchen und deuten mit dem Finger Richtung Bäing, wo die Leckerei herkommt. Was es mit der roten Mauer auf sich hat? „Sieht aus wie ein Haus“, findet Paulas Schwester Sophia (8). Recht hat sie: Die Skulptur stellt die Silhouette des Rathauses dar und ist etwas schief. „Was das soll, hab ich mich auch schon mal gefragt“, schmunzelt Claudia Potthoff. Die Erklärung ist einfach, es handelt sich um Kunst. „Spiel mit sechs Grad“ heißt das Konzept, das 1989 mit dem Neubau des Rathauses umgesetzt worden ist. Mauer, Leuchten und Würfel sind diesem Generalthema zuzuordnen.

Von Jürgen Schroer

Im „Leuchtenwald“ des Jan van Munster: Laura Schartner (vorne li.) und Sophia Potthoff, dahinter Emma Böing, Paula Potthoff, Claudia Potthoff, Hubert Effkemann und Daniel Potthoff. Foto: Fotos: Jürgen Schroer

„Alles hängt mit dem Neubau des Rathauses zusammen“, erklärt Ex-Bürgermeister Hubert Effkemann und findet in Familie Potthoff und den Freundinnen der Kinder interessierte Zuhörer. Früher war die Stadtverwaltung auf verschiedene Gebäude verteilt, unter anderem im heutigen Heinrich-Hörnemann-Haus. In den 80er Jahren fiel die Entscheidung für einen Rathaus-Neubau, der alte Marktplatz – bis dahin als Park- und Festplatz genutzt – sollte der Standort sein. Effkemann führt seine Zuhörer zur Geschichtsweg-Säule bei Gödde und zeigt anhand von Fotos, wie es vor der Bebauung ausgesehen hat. Da gab es an der Hofstraße viele Freiflächen.

Viele Diskussionen wurden seinerzeit um die künstlerische Gestaltung im und am Rathaus geführt. Eine Kunstkommission unter Vorsitz von Prof. Dr. Bernhard Huskamp entwickelte Ideen und nahm Kontakt zu Künstlern auf. „Es sollte etwas Besonderes entstehen, das zu Gescher passt, aber gleichzeitig unverwechselbar ist“, erläuterte Effkemann. Die zündende Idee hatte der Schweizer Künstler Andreas Straub: Er stellte fest, dass die Fassaden des neuen Rathauses und der alten Post (heute Caritas) nicht parallel sind, sondern um sechs Grad voneinander abweichen. „Das kommt daher“, weiß Effkemann, „dass das Rathaus auf die Hofstraße ausgerichtet ist und das Gebäude gegenüber auf die Josef-Willenbrink-Straße.“ In der Örtlichkeit ist das nicht zu sehen, aber mehrere Künstler haben diese Grundidee aufgegriffen und zum „Spiel mit sechs Grad“ verfeinert.

Und so ist das entstanden, was die Gescheraner seit Jahren als selbstverständlichen Anblick im „neuen“ Stadtzentrum rund ums Rathaus kennen. Die Straubsche Mauer an der Inselstraße, die um sechs Grad geneigt ist und quasi im Boden versinkt, unterstrichen durch einen sich anschließenden Stahlkeil. Die paarweise aufgestellten Lichtmasten des Jan van Münster, die Allee-Charakter haben und mit sechs Grad Neigung den Übergang in Richtung Rathausplatz markieren. Weitere Leuchten umrahmen diesen Platz und tauchen die Rathaus-Umgebung abends in grünes Licht. Auch das „Würfelspiel“ der Künstler Balduin Romberg und Ekkehard Neumann ist Teil dieses Projektes. Ob die Kinder schon mal drauf gesessen haben? „Klar, beim Feierabendmarkt zum Beispiel“, erzählt Paula.

Natürlich sind auch diese Würfel „schief“, um sechs Grad geneigt. Zwei davon sind zurzeit beschädigt und eingezäunt, die Verwaltung lässt den Sanierungsaufwand prüfen. Die unterschiedlichen Materialien – Eiche, Sandstein, Stahl – haben Bezug zur hiesigen Region. Dieser Materialwechsel wiederholt sich bei kleinen Würfeln, die früher mal durch die ganze Stadt verteilt waren. „Davon gab es 192 Stück“, erläutert Effkemann. Warum 192? „Die passen vom Volumen her genau in die drei großen Würfel“, so der frühere Verwaltungschef, das sei Mathematik. Die Kinder stöhnen: „Och nö, wir haben Ferien.“

Auch der Rathausplatz ist auf das ehemalige Postgebäude ausgerichtet und um sechs Grad gedreht, ablesbar am Stahlkeil, der sich zwischen Rathausfassade und Platz schiebt. Als Belag wurden damals unebene Platten aus schlesischem Granit mit breiten Fugen gewählt, die mittlerweile durch „glatte“ Platten ersetzt worden sind. „Das hat die Nutzbarkeit des Platzes deutlich erhöht“, sagt Effkemann. Und für Familie Potthoff und Co. hat er noch einen Tipp parat: Sehenswert sei auch das große Gemälde, das der italienische Künstler Corrado Simeoni in eineinhalbjähriger Arbeit im Rathaus auf die Wand gezaubert hat. „Eine Art Wimmelbild, das mal für viel Furore gesorgt hat“, so Effkemann. Aber das ist eine andere Geschichte.

0 Bitte mitmachen, liebe Leserinnen und Leser. Unsere Frage zum „Spiel mit sechs Grad“ lautet: Wie viele kleine Würfel befinden sich zwischen Rathaus und Schuh + Sport Gödde?

7 In der nächsten Folge am Donnerstag (29. 7.) stellen wir im Lokalteil Coesfeld eine flotte Dame vor.

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