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Prozess gegen Gescheraner wegen Vergewaltigung und Besitz kinderpornografischer Schriften

Zeuginnen glänzen durch Abwesenheit

Gescher/Bocholt

Eine Vorladung in den Zeugenstand bei einem Gerichtsprozess ist eine Bürgerpflicht, der man nicht ungestraft entkommen kann. Es sei denn, es liegen triftige Gründe vor, die das Gericht akzeptiert. Zwei Zeuginnen nannten Gründe, weswegen sie zum Prozesstermin vor der 10. Großen Strafkammer des Landgerichts Münster im Gebäude des Amtsgerichts in Bocholt nicht erscheinen könnten, die das Gericht nicht anerkannte. Sie müssen ein Ordnungsgeld in Höhe von jeweils 300 Euro zahlen. Die dritte Zeugin hatte sich glaubhaft entschuldigt, da sie vor zwei Tagen ein Kind geboren hat und noch im Krankenhaus liegt. Zwei der drei Zeuginnen waren gleichzeitig Nebenklägerinnen, die den heute 45-jährigen Mann aus Gescher wegen Vergewaltigung angezeigt hatten. Sie sollten zu ihren Tatvorwürfen im Zeugenstand vernommen werden. Damit platzte auch der dritte Verhandlungstermin der Anklage gegen den Gescheraner.

Auch nach drei Verhandlungsterminen steht das Urteil gegen den angeklagten Mann aus Gescher noch aus.

Die Vergewaltigungen der beiden Frauen sollen sich vom Sommer 2012 bis 2014 zugetragen haben. Die damals bereits volljährige erste Nebenklägerin hat einige Zeit bei dem Angeklagten gewohnt. Er soll sie in dieser Zeit 18 Mal vergewaltigt haben, verbunden mit der Drohung, sie müsse sonst ausziehen. Die zweite Vergewaltigung, die dem Angeklagten zur Last gelegt wurde, soll einmalig gewesen sein. Die zweite Nebenklägerin war damals erst 14 Jahre alt. Von beiden Frauen soll er Fotos gemacht haben, als sie unbekleidet waren. Der dritte Tatvorwurf wog nicht minder schwer. Auf seinem Computer hatte man 2015 insgesamt 94 kinderpornografische Dokumente gefunden.

Beim ersten Verhandlungstermin im April 2019 waren alle anwesend: Der Angeklagte, der kein Wort sagte und seine Verteidiger für sich sprechen ließ. Die Nebenklägerinnen, die sich durch jeweils einen Anwalt vertreten ließen. Und natürlich das Gericht, bestehend aus drei Richtern und zwei Schöffen, sowie dem Staatsanwalt. Der erste Prozesstag wurde vertagt, da der Angeklagte den Antrag stellen ließ, ein psychologisches Gutachten über die erwachsene Frau erstellen zu lassen.

Der zweite Ttermin im Februar 2021 führte ebenfalls nicht zu einem Urteil, da der Anwalt der Nebenklägerin, die er mehrfach vergewaltigt haben soll, den Antrag stellte, den Chatverlauf auf dem Computer und auf dem Smartphone der Frau vom Landeskriminalamt wiederherstellen zu lassen. Seine Mandantin habe behauptet, dass sich der Angeklagte Zugang zu ihren Geräten verschafft habe und wichtige, prozessrelevante Passagen gelöscht habe.

Deshalb kam es nun zu diesem dritten Verhandlungstermin. Das psychologische Gutachten lag mittlerweile vor, wurde aber nicht vorgetragen. Zwei Sachverständige des Landeskriminalamts waren aus Düsseldorf und Bonn angereist, um die Ergebnisse über den Chatverlauf dem Gericht zu erläutern. Auch sie konnten wieder abreisen, ohne angehört zu werden. Denn jetzt blockierten die Nebenklägerinnen ein mögliches Prozess-Ende durch ihre Abwesenheit. Der vierte Verhandlungstag, der noch festgelegt werden muss, könnte den Schlusspunkt setzen – hoffentlich!

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