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Kunstfigur „Generationen“ an der Holtwicker Kirche

Er hat alles im Blick – verrät aber nichts

Holtwick

Wenn er sprechen könnte, dann hätte er eine Menge zu erzählen. Seit 26 Jahren beobachtet er stillschweigend das Geschehen rund um die Holtwicker Pfarrkirche und hat dabei schon einiges erlebt. Paraden an Schützenfesten ziehen in jedem Jahr an ihm vorbei. Im Winter wird er gerne mal mit Schal und Mütze eingepackt. Er erlebt schöne Feierlichkeiten wie Trauungen, aber auch Trauriges wie Bestattungen. „Das sieht alles der Opa“, sagt Karl Wilde und lächelt. Gemeinsam mit seiner Enkelin hält sich der aus Bronze gegossene Mann bei Regen, Wind, und Schnee seit 1995 an der Kirchstraße auf.

Von Leon Seyock

„Generationen“ heißt das Kunstwerk, das aus zwei aus Bronze gegossenen Figuren besteht. 1995 wurden sie an der Kirchstraße in Holtwick feierlich enthüllt. Daran kann sich Karl Wilde gut erinnern, er war damals Vorsitzender des örtlichen Heimatvereins, der sich an der Errichtung der Figuren beteiligte. Foto: Foto: Leon Seyock

Friedlich sitzt der Opa auf einer Bank, das kleine Mädchen steht an einer Pumpe. Vor ihren Füßen, am Wasserloch, watschelt eine Ente entlang. „An dieser Stelle hat damals eine echte Pumpe gestanden“, erzählt Wilde. Er selbst könne sich zwar nicht mehr daran erinnern, aber es muss die „Dorfpumpe“ gewesen sein. „Alle Bewohner aus dem Ort kamen hierher, um Gefäße mit Wasser zu füllen“, sagt er. An der Pumpe habe man sich regelmäßig getroffen und es wurden die neusten Nachrichten ausgetauscht. Rückwärtig der Pumpe gelegen stand das Ackerbürgerhaus – heute das Heimathaus.

Schon lange war die Pumpe des Dorfes verschwunden, als zu Beginn der 90er Jahre der Holtwicker Ortskern saniert wurde. Unter anderem wurden die Bordsteine entfernt und das Areal ebenerdig gestaltet. Da aber die Pumpe damals der Dreh- und Angelpunkt des Dorfes gewesen sei, habe man dieses Stück alte Tradition bei der Sanierung wieder ins Leben rufen wollen. Mit der Unterstützung der Gemeinde Rosendahl und der Sparkasse Coesfeld wurde so das Kunstprojekt „Dorfpumpe“ in Angriff genommen und in die Tat umgesetzt.

Ein Jahr bedurfte es der Planung und Umsetzung, womit das Künstlerehepaar Leo und Renate Janischowsky aus Steinfurt betraut wurde. Am 17. September 1995 war es, als das gesamte Kunstwerk mit dem Namen „Generationen“ schließlich feierlich enthüllt wurde. Neben der Pumpe sind es die zwei aus Bronze gegossenen Skulpturen, die die Blicke auf sich ziehen.

„An die Enthüllung und das Fest kann ich mich selbst noch erinnern“, sagt Karl Wilde, der 26 Jahre lang Vorsitzender des Heimatvereins Holtwick war, und berichtet von einer Anekdote: „Für die Opa-Figur brauchten die Künstler natürlich eine Vorlage. Also hat ihr Nachbar aus Steinfurt, Theo Langenhorst, Modell gesessen. Bei der Enthüllung war er auch vor Ort, und ihm kamen dabei die Tränen.“ Die Ähnlichkeit zwischen Langenhorst und seinem Doppelgänger aus Bronze seien nicht zu übersehen. Auch bei den Dorfbewohnern seien die „Generationen“ gut angekommen. Der damalige Bürgermeister Ludger Dinkler etwa, so ist es in einem Zeitungsartikel von der Eröffnungsfeier geschrieben, sagte: „Es ist aus dem Leben gegriffen, dörflich passend und ausdrucksstark. Vor allem aber verbindet es Jung und Alt.“

Besonders die ganz jungen Holtwicker seien es, die heute gern die Pumpe in Beschlag nehmen. „Zwar läuft da kein Wasser mehr durch, den Hebel der Pumpe kann man aber trotzdem bewegen und auch den Pütt gibt es immer noch“, so Wilde.

Wie viele Kinder schon probiert haben, Wasser aus dem Boden zu befördern – die Frage könnte der eiserne Opa gut beantworten, der auch an diesem Vormittag die passierenden Autos und Spaziergänger beobachtet. Aber nicht nur diese Antwort bleibt er schuldig. „Eines Tages wollten Auswärtige im Halbdunkeln den Weg wissen und fragten den Opa“, sagt der 81-Jährige lachend. „Und dann haben sie sich gewundert, weshalb keine Antwort kam.“

0 Apropos Antwort – diese ist jetzt auf folgende Frage gesucht: In welchem Ort liegt die Bronzegießerei, in der die von dem Künstlerehepaar entworfenen Figuren entstanden sind?

7 Im nächsten Serienteil stellen wir morgen eine Dame vor, die seit 20 Jahren in Billerbeck unermüdlich Wäsche wäscht.

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