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Bio- und Hofläden boomen in der Pandemie

Alles bio – oder was?

Münster/Lengerich

Wenn eine globale Pandemie die Gesundheit bedroht, sollte zumindest das Essen möglichst unbelastet sein. So denken anscheinend viele Menschen - und kaufen so viel Bio wie noch nie. 

Martin Ellerich

Eine grüne Kiste voller Bio-Produkte direkt ins Haus geliefert – das Angebot boomt in Corona-Zeiten. Doch auch Hof- und Bioläden sind überdurchschnittlich gefragt. Foto: dpa

„Das hat mit dem ersten Lockdown begonnen“, erinnert sich Rolf Klement. Sprunghaft stieg das Interesse an der „Grünen Kiste“, die sein Lengericher Weidenhof den Kundinnen und Kunden wöchentlich per Abonnement ins Haus bringt. Bio boomt in der Krise, Hofläden boomen, Regionales boomt.

Bei „20 bis 30 Prozent“ lag der Zuwachs des Kisten-Abos im Weidenhof. Er hätte, so Klement, noch weit höher sein können. Aber das müsse man auch bewältigen können und wollen. Der Weidenhof setzte wie viele andere Abo-Betriebe auf Wartelisten für Neukunden.

„Es ist ehrlich und vertrauensbildend, wenn ich als Kaufmann sage: Die Qualität, die ich anbieten möchte, die kann ich in dem Ausmaß einfach nicht mehr besorgen“, sagt Michael Radau, Vorstandschef und Mehrheitsaktionär der SuperBio-Markt AG in Münster, zu solchen Wartelisten regionaler Mitbewerber. Radau betreibt mehr als 30 SuperBio-Märkte in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Hofläden brummen in der Krise

„Bio boomt definitiv in der Corona-Krise“, sagt Radau. Um 28 Prozent sei der Umsatz seiner Märkte 2020 gewachsen, im ersten Drittel dieses Jahres noch einmal um etwa ein Fünftel, wenn man nur die bisherige Fläche berücksichtigt. Denn: Es seien inzwischen rund zehn Märkte neu hinzugekommen.

Auch Hofläden – ob bio oder konventionell – brummen in der Krise. Ein Umsatzplus von rund 30 Prozent verzeichneten die Marktforscher der GfK von Januar bis September 2020 für die Vermarktung direkt vom Bauern oder Erzeuger. „Abo-Anbieter“, die wie Klement ihre Waren in Abo-Kisten direkt bis an die Türschwelle liefern, machten zum Teil sogar „bis zu 50 Prozent mehr Umsatz“, weiß der NRW-Handelspräsident Radau.

Warum hamstern Verbraucherinnen und Verbraucher einerseits Toilettenpapier, Nudeln und Hefe, während es andere in den Bio-Markt, den Hofladen oder zum „grünen Abo“ zieht? Bei den Abonnements liegt ein Grund auf der Hand: Kontaktvermeidung. „Die Leute hatten anfangs einfach Angst“, sagt Klement. Die Lieferung garantiert Einkauf mit Abstand.

Freude am Genuss

Und im Bioladen? Restaurants und Betriebskantinen waren geschlossen. „Die Leute mussten einfach mehr zu Hause kochen“, nennt Radau einen ganz pragmatischen Grund. Vor allem aber: „Den Menschen ist im Zuge dieser Pandemie noch einmal viel deutlicher geworden, dass sie wissen wollen: Wo kommen unsere Lebensmittel her?“ Die Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen hätten die Menschen „zum Nachdenken gebracht“. Insbesondere an den Fleischtheken in seinen Läden hätten die Kunden viel intensiver nachgefragt. „Das ist deutlich mehr geworden“, sagt Radau. Dazu kämen natürlich auch die „Stärkung der Gesundheit, der Immunabwehr“ – und auch einfach Freude am Genuss.

Dieses gemütlich Einigeln im eigenen Kokon – neudeutsch: „Cocooning“ – „spielt definitiv eine Rolle“, sagt Radau. Das lasse sich auch am Erfolg der Möbelhändler in der Pandemie ablesen. „Ich gönne mir was. Ich koche gut. Ich koche wertig. Ich probiere neue Rezepte aus. Ich gönne mir dazu eine gute Flasche Wein“, beschreibt er es. „Wenn ich schon nicht rausgehen kann, dann mache ich es mir zu Hause schön.“

Zwei Fragen an...

Hans-Heinrich Berghorn, Sprecher des Westfälisch-lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV).

Hans-Heinrich Berghorn Foto: Rupert Joemann

Boomt Bio in der Pandemie?

Hans-Heinrich Berghorn: Ja, aber vor allem boomt das Regionale in der Krise. Die Menschen wollen die Nähe zum landwirtschaftlichen Erzeuger: Sie wollen wissen, wer ihre Lebensmittel produziert – und wie das geschieht. Insofern ist das Interesse gewachsen. Und im Lockdown meiden mehr Menschen die Kontakte im Supermarkt. Sie wünschen sich zugleich ein besonderes Einkaufserlebnis, wenn es schon sonst im Alltag wenig Abwechslung gibt. Davon profitieren Landwirte, die ihre Waren selber vermarkten: Die Umsätze in den Hofläden sind deutlich gestiegen – für konventionelle wie Bio-Ware. Die Werbefachleute sagen uns: Regional ist das neue Bio.

Wie sehen Bauern den Bio-Landbau?

Berghorn: Zwölf Prozent der deutschen Bauern arbeiten bio. In unserer Region sind es angesichts der guten Böden weniger. Das wird sich auch nicht schnell ändern: Die Umstellung auf Bio ist eine Entscheidung, die gut überlegt sein will. Die Durststrecke der Umstellung dauert zwei Jahre, erst dann können Landwirte ihre Produkte teurer, als Bio-Ware vermarkten. Das regionale Bio-Angebot lässt sich also nicht schnell steigern. Grundsätzlich gilt: Während bei einem konventionellen Hof staatliche Zuschüsse zwischen 40 und 60 Prozent des Einkommens ausmachen, sind es bei den „Bios“ schnell 75 Prozent.

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