Sexueller Missbrauch

Erneute Vorwürfe gegen früheren Pfarrer: Es gab wohl viel mehr Übergriffe

Warendorf

Es gibt neue Informationen über angeblichen sexuellen Missbrauch durch einen ehemaligen Pfarrer von St. Josef. Ein Mann sagt, der bis 1983 in der Gemeinde tätige Geistliche habe von ihm verlangt, sich nackt fotografieren zu lassen.

Jörg Pastoor

Der bis 1983 in der Pfarrgemeinde St. Josef tätige Seelsorger soll laut einem neuen Zeugen noch in einer Reihe anderer Fälle gegen Jugendliche sexuell übergriffig geworden sein. Foto: Jörg Pastoor

Es gab in den Achtzigern wohl nicht nur einen Missbrauch durch einen früheren Pfarrer der Gemeinde St. Josef. Das behauptet ein weiterer Zeuge. Er habe – nach seinen Angaben schriftlich belegt – wenige Jahre später einen sexuellen Übergriff durch besagten Geistlichen erlebt. Und es habe offenbar noch mehrere solcher Fälle gegeben.

Er selbst habe drei Mal versucht, mit Anzeigen die Aufarbeitung zu veranlassen – erstmals 1989, danach 2012 und nochmals 2019. Er wirft dem Bistum Münster vor, diesen und andere Fälle aktiv zu vertuschen. Unter anderem gegen den Bischof zu Münster, Dr. Felix Genn, erhebt er diesen Vorwurf. „Ich habe die klare Vorstellung, dass er sich legitimieren muss.“ Schließlich höre man erst seit den ersten Medienberichten über den lange zurückliegenden Warendorfer Fall etwas von Bemühungen, für Aufklärung zu sorgen. Mit dem vom Bistum benannten Interventionsbeauftragten Peter Frings habe er schon gesprochen.

Der Zeuge

Schwerer Entschluss

Es gibt mehrere grundlegend neue Details in den Schilderungen des Betroffenen: Der Übergriff auf ihn soll nach der Zeit in der Warendorfer Pfarre passiert sein, die der Seelsorger 1983 Richtung Wesel verlassen hatte. Neu außerdem: Als der Pfarrer den Zeugen dazu überreden wollte, sich von ihm nackt fotografieren zu lassen, habe er ihm Fotos anderer Opfer gezeigt, die genau so abgelichtet waren. Unter anderem das eines 14-Jährigen aus Warendorf, nur mit Rosenkranz und Bibel ausstaffiert.

Das ist noch nicht alles, was der Mann im Gespräch erzählt. Er selbst habe sich vor kurzem dazu entschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen. „Ich habe ein halbes Jahr dafür gebaucht – das ist kein einfacher Schritt!“ Warum sich der Zeuge jetzt öffentlich meldet? Was seine Motivation ist? „Mir geht es um Klarstellung, Richtigstellung – Gerechtigkeit.“ Er wolle sich den Vorwurf nicht anhören, zu lange geschwiegen zu haben und den Namen eines inzwischen Verstorbenen zu besudeln. „Das Wichtigste ist mir, dass so etwas sachlich aufgearbeitet wird.“ Es gehe hier um den Umgang mit Opfern.

Vorfälle sollen sachlich aufgearbeitet werden

Er sagt, er habe 1989 in Wesel-Büderich mitbekommen, dass der Pfarrer dort einen 16- und einen 18-jährigen belästigt habe. Jahre nach dem erst 2019 bekannt gewordenen Zwischenfall in Warendorf.

Er habe sich damals an einen Essener Pfarrer gewandt, um dem Einhalt zu gebieten. Zum Beleg habe er einen Karton mitgebracht. Darin: Dias und Filme weiterer Opfer, die ihm der ehemalige Warendorfer Geistliche anvertraut habe. Der Kartoninhalt sei aber vernichtet worden. Laut einem Brief des Pfarrers an ihn sei das Material nach Münster geschickt worden. „Alles wurde verbrannt“, soll er ihm geschrieben haben. Statt eines Zeichens von Unrechtsbewusstsein habe er ihm darüber hinaus vorgeworfen, „schwersten Vertrauensbruch“ begangen zu haben.

Die Pressestelle des Bistums verweist nach WN-Anfrage auf laufende Untersuchungen. „In dem angesprochenen Fall liegen sämtliche Akten zur Auswertung für besagte Studie bei der Universität Münster. Insofern können wir Ihre Frage von hier aus nicht beantworten“, schreibt Sprecherin Anke Lucht. Beim ersten Gespräch mit einem Mitarbeiter der Uni am Dienstag, so der Zeuge, habe er das Gegenteil erfahren: „Mir hat man gesagt, dort gebe es keine Akten – die lägen beim Bistum.“ Dass es Dokumente gibt, wisse er, weil er mit seinem Anwalt Akteneinsicht genommen habe.

Beweismittel sollen verbrannt worden sein

Der beschuldigte Pfarrer ist 2018 gestorben. Nach früheren Angaben des Bistums hat er schon 2011 wegen seiner Demenz nicht mehr befragt werden können. Dennoch habe der Geistliche 2012 eine vierwöchige Gemeindevertretung übernommen, sagt der WN-Zeuge.

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