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Serie "Wendepunkt Corona"

Hausmusik per Videokonferenz

Münster

Ihre Schülerinnen und Schüler haben durch die Corona-Pandemie mehr Zeit zum Üben. Zwar konnte Elena Polishchuk sie nicht persönlich treffen, sondern musste den Unterricht online geben. Dafür ist die Zahl der sonstigen Zuhörer gestiegen. Denn: Oma und Opa sind die besten Zuhörer.

Von Claudia Kramer-Santel

‚Elena Polishchuk sieht im Online Foto: udia Kramer-Santel

Elena Polishchuk setzt sich ans Klavier, schüttelt kurz die Haare und richtet sie sich gerade auf. Die „russische Klavierschule“ steht bereit, dazu ein öfter benutzter Stapel mit modernen Noten aller Art und ein großes I-Pad. Ein Klick und sie schaltet ihren Schüler dazu. „Hallo“, sagt sie, zieht dabei das „O“ aufmunternd mit der Stimme nach oben. Das Wohnzimmer ihres Hauses in Münster ist in der Coronazeit ihr Arbeitsplatz geworden. „Onlineunterricht“ – für Musikpädagogen der Coronazeit ein Novum.

Ein Problem? Nein! Die energische Musikpädagogin in ihren Fünfzigern, die ursprünglich in Kiew Musik studiert und gearbeitet hat, ist ein durch und durch optimistischer Mensch. Sicher, die Feinheiten könne man online schlecht einstudieren. „Doch mit den richtigen Strukturen, mit Planung, Motivation und einem passenden Ziel ist eigentlich alles Neue zu bewältigen“, das ist eine Art Lebensmotto von der zweifachen Mutter, die seit einiger Zeit an der Westfälischen Schule für Musik in Münster und an der Musikschule der Stadt Telgte arbeitet.

Elena Polishchuk

Sie freut sich, dass Schüler mehr Zeit zum Üben fanden, dass Hausmusik mehr Gewicht im Alltag hat. Zwar fiel das Vorspiel weg. „Doch Oma und Opa sind die besten Zuhörer. Da tut es auch ein Video. Sie lieben alles, was ihre Enkel spielen“, lacht sie. Das muntere beide Seiten auf, schaffe Verbindung.

Die Klavierexpertin mit dem durchgetakteten Alltag hat auch eine sehr emotionale Seite. Nachmittags im Zug nach Telgte atmet sie tief durch. Sie denkt an ihre gute Freundin Valentina Speiser, die vor einem Jahr nach langer Krankheit verstorben ist. Ein „beliebte und sehr geschätzte Kollegin“ an der Musikschule in Telgte. „Sie war verliebt in ihre Arbeit“, erinnert sich Elena Polishchuk. Beide hätte die Ausbildung nach der strengen „russischen Schule“ verbunden – und mit dem festen Willen, Musikunterricht für jeden Schüler individuell zu gestalten.

Kollegin ist an Folgen von Corona gestorben

So war es ihr ein Herzensanliegen, Schüler von ihrer Freundin zu übernehmen. Ein Vermächtnis. Das war im vergangenen April. Doch dann kam der Lockdown. Sie konnte seitdem ihre neuen Schüler aus Telgte fast nur online unterrichten. Heute ist der Tag, an dem sie die Schüler einmal „live“ sieht. Elena Polishchuk atmet durch.

Zuerst ist Mats dran. Er lacht, das sieht man trotz Maske. Das Klavier in dem kleinen Raum der Grundschule in Telgte wirkt und klingt etwas unbenutzt. Elena Polishchuk versucht ihn aufzumuntern, seinen Vortrag besser zu interpretieren. Es geht um Vögel: „Du musst dir einfach mal vorstellen, was eine Ente so macht. Überlege dir, welche Geschichte du erzählen möchtest. Und versuche, das zu zeigen“, animiert sie ihn. Etwas später kommt der Vater, Softwareexperte Oliver Wenning. Dank Homeoffice hat er sich seinen Traum erfüllen können und ebenfalls Online-Klavierstunden genommen. Ihm geht es ums Improvisieren, um Popsongs. Der Musikschulleiter in Telgte schaut vorbei. Trotz der Rückkehr in die „Normalität“ des Präsenzunterrichts: Gregor Stewing ist überzeugt, dass das Online-Format langfristig seine Rolle behalten wird. Die Instrumentalpädagogik werde sich weiterentwickeln. Warum Elena Polishchuk ihren Beruf liebt? Sie möchte Kinder dazu bringen, ihr Leben lang und überall Musik als zuverlässigen Begleiter zu gewinnen – in guten und schweren Zeiten und egal wo auf der Welt. „Und wenn meine Schüler dann richtig toll und selbstbewusst etwas vortragen, ist das für mich das schönste Geschenk.“

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