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„Weidefunk“

Inga Ellen Kastens will mit Internet-Portal zu bewusstem Fleischkauf animieren

Münster

Aktivisten, die sich für mehr Tierwohl einsetzen, zeigen gerne das Böse: grausame Bilder aus verwahrlosten Ställen, leidende Tiere. Inga Ellen Kastens geht einen anderen Weg: Sie möchte mit ihrem Internet-Portal zum verantwortungsbewussten Fleischkauf ermutigen. Kein leichtes Unterfangen.

Gunnar A. Pier

Inga Ellen Kastens hat www.weidefunk.de erfunden. Derzeit macht sie nichts anderes, als sich darum zu kümmern. Foto: Gunnar A. Pier

Inga Ellen Kastens kämpft mit Leidenschaft für mehr Tierwohl und bäuerliche Direktvermarktung. Aber eine militante Aktivistin, die nachts in Schweineställe einbricht und tagsüber in Fußgängerzonen Passanten vorwurfsvoll mit Schweineblut bespritzt, will sie nicht sein, da zügelt sie lieber ihr Temperament. Die Wahl-Münsteranerin möchte den Menschen nicht den Spaß am Fleisch essen nehmen, sondern Lust machen auf verantwortungsvollen Konsum – ein durch und durch konstruktiver Ansatz also. „Es soll Spaß machen, bei den Guten zu kaufen“, sagt sie – und hat mit „Weidefunk“ ein Internet-Portal gestartet, um ihr Anliegen voranzutreiben.

Dabei hat Dr. Inga Ellen Kastens zum Fleischessen ein durchaus ambivalentes Verhältnis. „Ich bin keine Fleischesserin“, sagt sie. Aber sie isst Fleisch, auch wenn sie 25 Jahre lang Vegetarierin war. Verwirrend?

Das Hin und Her begann, als Inga elf Jahre alt war und mit ihrer Mutter zum Schlachthof fuhr, um Pansen für den Hund zu holen. Was sie dort sah, „ging mir durch Mark und Bein“, erinnert sie sich. „Ich bin zu einer richtigen Rotzgöre geworden, die am Fleischregal im Supermarkt Leute beschimpft hat.“ Fortan verzichtete sie auf Fleisch.

Statt Radikalisierung

Doch statt sich gewissermaßen weiter zu radikalisieren, beschäftigte sie sich mit dem Thema und kam zu ihrer heutigen sehr reflektierten Position. „Massentierhaltung ist ja nicht per se böse“, sagt sie. Fleisch zu essen auch nicht. Wenn denn nur Herkunft und Haltung stimmen. Ihr Wunsch an alle: „Nur bei jedem fünften Einkauf über die Herkunft des Essens nachdenken.“ Das wäre ein Anfang.

Bilder aus dem Schweinestall können so niedlich sein - oft aber überwiegen Horrorbilder. Foto: Gunnar A. Pier

Selbstständig in Zürich

Inga Ellen Kastens studierte Angewandte Linguistik und Politikwissenschaften, machte sich in Zürich selbstständig, um Firmen zum Thema „markenorientierte Unternehmensführung“ zu beraten. Doch das Thema mit der tiergerechten Nutztierhaltung ließ sie nie los. „Irgendwann habe ich mir die Sinnfrage gestellt.“ Nach acht Jahren brach sie ihre Zelte in Zürich ab, ließ ihre Kunden, all die gut zahlenden Konzerne, zurück und landete vor vier Jahren in Münster. Hier berät sie kleinere Firmen, gerne inhabergeführt, zu Kommunikation und zur Positionierung am Markt. Dann kam die Idee mit dem „Weidefunk“.

Das Schöne zeigen

„Über Leid und Schmerz verkauft man nichts“, hat Inga Ellen Kastens erfahren. Deshalb zeigt sie in ihrem Internet-Portal nicht die Horrorbilder aus schlechten Ställen, sondern geht einen anderen Weg: „Wenn sie das Schlechte nicht sehen wollen, zeigen wir ihnen das Schöne.“ Kastens veröffentlicht Reportagen und Por­träts etwa über Landwirte, die sich um tiergerechte Haltung bemühen und ihre Produkte selbst vermarkten. „Es sind Geschichten von tollen Menschen, die jeder für sich teils schon ihr ganzes Leben damit beschäftigt sind, ihre Tiere fair zu halten.“

Forum für Vermarktung

So möchte sie ihnen ein Forum bieten und bei der Vermarktung helfen. Denn sie ist sicher: Das Inter­esse bei den Verbrauchern ist groß – vielleicht größer als die Verfügbarkeit tiergerecht hergestellter Fleischwaren. Wo gibt es Hofläden, wer produziert wie, und wo kann ich bestellen und per Post liefern lassen? Kastens will eine Marktübersicht aufbauen. Dabei können die Nutzer helfen, indem sie „Weidebotschafter“ werden und geeignete Betriebe melden.

Es muss sich tragen

„Mein Ziel ist es von ganzem Herzen etwas zu bewirken“, erklärt sie. „Aber das geht nur, wenn sich das auch trägt.“ Deshalb soll es später einmal klar gekennzeichnete Werbung auf ihrer Internet-Seite geben. Seit über einem Jahr beschäftigt sich die 40-Jährige nun mit dem „Weidefunk“, lässt derweil zahlende Kunden abblitzen. Das ist ihre Investition. „Ich bin sehr enthusiastisch und stehe zu 1000 Prozent hinter dem Projekt – aber ich kann auch grandios scheitern. Dann möchte ich aber auf jeden Fall sagen können: Das war es wert.“

Sie selbst isst übrigens seit vier Jahren wieder Fleisch. Nur manchmal und auch nicht richtig gerne. Aber sie möchte glaubwürdig sein als eine, die den Fleischkonsum nicht verteufelt, sondern einen guten Fleischkonsum bewirbt. Als eine, die sich eben nicht radikalisiert hat.

www.weidefunk.de

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