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Psychologin Rahel Krückels

Kinder leiden in der Pandemie

Warendorf

Die Corona-Pandemie ist vor allem für Kinder und Jugendliche eine echte Belastung und die Spätfolgen sind noch gar nicht absehbar. Psychologin Rahel Krückels, Leiterin der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche berichtet über die derzeitigen Erfahrungen.

Rebecca Lek

Psychologin und Leiterin der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Caritas in Warendorf, Rahel Krückels, macht sich Sorgen um die Langzeitfolgen bei der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen durch die Corona-Pandemie Foto: Rebecca Lek

Kinder leiden unter der Corona-Pandemie. Dies ist nicht von der Hand zu weisen: Lernen auf Distanz, Verzicht auf Freunde und Freizeitaktivitäten sowie Einhaltung von Abstands- und Hygieneregelungen gehören nicht zur Entfaltung der Persönlichkeit. Gleichzeitig haben die Eltern mit Homeoffice und/oder Kurzarbeit zu kämpfen. Das alles unter einen Hut zu bringen, lässt den Geduldsfaden dünner werden und oft reißen.

Eine Möglichkeit, sich Hilfe zu suchen, bietet die Caritas mit ihrer Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche. Die Leiterin der Einrichtung, Rahel Krückels, nahm sich die Zeit, ein Jahr Corona mit uns Revue passieren zu lassen.

Rahel Krückels

In der Beratungsstelle melden sich Eltern mit Kindern von eins bis 21 Jahren. „Wir haben alle Entwicklungsstufen und eine große Themenvielfalt“, betont die Psychologin. Eltern-Kind-Beziehungen, Schulschwierigkeiten, Patchwork-Probleme, häusliche Gewalt und vieles mehr kann in einem geschützten Bereich besprochen werden. 2019 nahmen 651 Familien das Angebot wahr, die Gesprächsdauer ist dabei ganz unterschiedlich. „Wir haben Familien, denen genügt ein Klärungsgespräch. Andere begleiten wir aber auch ein Jahr lang“, beschreibt Krückels die Vorgehensweise.

2020 waren die Zugänge erschwert. „Die Familienzentren hatten aufgrund von Corona teilweise ein Betretungsverbot. Dort konnten wir dann auch weniger Sprechstunden anbieten“, meint Krückels. Eine weitere Ursache könnte aber auch sein, dass der Kontakt zwischen Schule beziehungsweise Kindergarten und den Familien weniger geworden ist. Entwicklungsauffälligkeiten, Eingewöhnungsschwierigkeiten aber auch mögliche Anzeichen von Misshandlung werden so deutlich weniger entdeckt. So fanden im letzten Jahr nur 569 Familien den Weg in die Beratungsstelle, die Anzahl der Gespräche ist mit 3761 jedoch identisch geblieben. Neu für die Beratungsstelle war es dabei, so viel Beratung am Telefon, Online oder auch „Beratung im Gehen“ anzubieten.

Rahel Krückels

Rein von den Themen, die in der Beratungsstelle besprochen werden, habe sich laut der Leiterin nichts geändert. Jedoch die Heftigkeit, in der die Probleme in den Familien herrschen. „Es hat sich alles mehr zugespitzt. Viele sehen eine Art Ausweglosigkeit“, beschreibt Krückels.

Die Probleme, mit denen die Kinder zu kämpfen haben, sind sehr vielfältig und unterschiedlich, je nach Alter. Während bei den Jüngeren der Bewegungsdrang oft nicht ausgelebt werden kann, kämpfen die Jugendlichen durch die fehlenden sozialen Kontakte mit dem eigenen Selbstwertgefühl und ihrem Drang nach Autonomie. „Das fordert und überfordert manche Eltern“, beschreibt Krückels die Situation in den Familien. 24 Stunden, sieben Tage die Woche gemeinsam zu verbringen, wäre nicht für jede Familie gut. Gerade in dieser ungewissen Zeit bräuchten die Kinder Rückhalt. „Sie brauchen Stärkung und keine Ungeduld. Sie bekommen von weniger Seiten das Gefühl, dass sie gut sind wie sie sind“, betont die Psychologin. „Kinder lernen über Lob und Anerkennung sie sind neugierig und möchten Dinge ausprobieren und mit allen Sinnen erfahren. Dazu haben sie derzeit nur wenige Chancen“. So könne sich eine Spirale entwickeln, die für die kleineren Kinder entwicklungsschädigend ist und sogar neuronale Veränderungen mit sich bringen kann. Ältere Kinder und Jugendliche wiederum haben Probleme ihren Platz zu finden. Sie sind dabei sich zu orientieren, sich zu verwirklichen und herauszufinden, wer sie sind – unter Corona quasi unmöglich. Aus psychologischer Sicht begrüßte es Krückels daher, dass das Land NRW es trotz des Lockdowns geschafft hat, einen Kindergartenbetrieb aufrecht zu erhalten. „Man darf das nicht nur pandemisch betrachten. Ich finde es grandios, dass nicht pauschal geschlossen wurde. Das soziale Miteinander und die Erfahrungen sind unersetzlich.“

Auch wenn die Langzeitfolgen schwer abzuschätzen seien, versucht Krückels einen Blick in die Zukunft. So hätte die Pandemie auch positive Effekte: Die Digitalisierung hat einen großen Sprung erfahren und die Kinder haben eine Anpassungsfähigkeit und Kreativität entwickelt. Eingebettet in eine sichere Familie kann dies die psychische Widerstandskraft erhöhen. Gleichzeitig befürchtet sie jedoch eine Gefährdung der Vereinzelung und dass die Kinder aufgrund der Pandemie mehr Entwicklungszeit benötigen werden. Insbesondere in der Schule werde sich dies über mehrere Jahre noch zeigen. „Ich rechne nach den Osterferien, wenn wirklich mehr Kinder regelmäßig in Präsenz sind, mit mehr Arbeit für uns“, vermutet die Leiterin der Beratungsstelle. Denn nicht nur häusliche Gewalt hat Auswirkungen auf die Kinder. Auch Druck, der auf Eltern lastet und gegebenenfalls in einem raueren Ton, der angeschlagen wird oder auch in Schreierei endet.

Krückels zieht daher den Hut sowohl vor den Eltern wie auch vor den Kindern, die größtenteils unglaublich gut mit der Situation fertig werden. „Die Kinder und Jugendlichen passen sich so gut an und machen das Beste aus der Situation. Auf was sie alles verzichten müssen und trotzdem spielen und lachen können“. Allerdings gäbe es viel zu tun, denn die Pandemie-Situation sei noch nicht vorbei. „Welche Angebote können wir mit welchem Sicherheitsfaktor wieder schaffen“, fragt sich Krückels in Anbetracht der weiter ansteigenden Zahlen. Denn um dem Negativ-Trend bei der kindlichen Entwicklung entgegen zu wirken, könne man nicht so weiter machen, wie das letzte Jahr.

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