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Christel Rosery übergibt Original an den Freundeskreis der Alten Synagoge Epe

Ein Brief von Otto Frank

Epe

Vor fast 46 Jahren lag ein Päckchen aus der Schweiz im Briefkasten der Familie Rosery in Epe. Darin: ein Buch und ein Brief. Empfängerin war Christel Rosery, damals Schülerin am Gronauer Gymnasium. Der Absender ein gewisser Otto Frank – der Vater von Anne Frank, dem jüdischen Mädchen, das sich mit ihrer Familie zwei Jahre lang in einem Hinterhaus in Amsterdam vor den Nazis versteckt hatte.

Martin Borck

Christel Rosery übergab Foto: Martin Borck

Das Versteck wurde entdeckt, die Familienmitglieder wurden in Konzentrationslager verschleppt. Anne kam in Bergen-Belsen ums Leben. Mit 15 Jahren.

Während ihrer Zeit im Hinterhaus hatte Anne das Tagebuch geschrieben, das später veröffentlicht und weltbekannt wurde. Wie viele Jugendliche hatte auch Christel Rosery das Buch gelesen. „Ich war damals eine Leseratte. Die Bibliothekarin in der Eper Pfarrbücherei hatte mich auf das Buch aufmerksam gemacht“, erzählt sie. Der Inhalt und der Schreibstil des Buches beeindruckten die junge Eperanerin damals sehr. So sehr, dass sie mehr über das jüdische Mädchen erfahren wollte.

Christel Rosery

„Ich wusste nur, dass es in Amsterdam das Anne-Frank-Haus gab, hatte aber keine Adresse.“ Internet gab es damals – im Jahr 1975 – schließlich noch nicht. Also schrieb sie an den Touristikservice VVV der niederländischen Hauptstadt – und bekam von dort tatsächlich die Anschrift von Otto Frank.

„Ich wollte wissen, ob Anne noch mehr Texte geschrieben hatte. Und ob ihr Vater gewusst hatte, was während der Zeit in Anne vorgegangen war, oder ob er überrascht war, als er die Tagebücher las.“ Diese Fragen richtete sie in einem Brief an Otto Frank, der damals in Birsfelden in der Nähe von Basel lebte. Der antwortete persönlich auf den Brief aus Epe: „Liebe Christel, Es war lieb von Dir, mir zu schreiben, nachdem Du Anne’s Tagebuch gelesen hast. Ich ersehe aus Deinem Brief, dass ihr Charakter und ihre Fähigkeit, ihre Gefühle und Gedanken offen und ehrlich auszudrücken, grossen Eindruck auf Dich gemacht haben. Ich muss sagen, dass ich selbst überrascht war, als ich nach meiner Rückkehr aus dem Konzentrationslager Anne’s Tagebuch las, zu erkennen, wie sehr sie sich in den zwei Jahren unserer Untertauchzeit entwickelt hatte. Obzwar ich immer in sehr gutem Einvernehmen mit ihr war, hat sich doch ihr wahres Wesen auch mir gegenüber verborgen. Ich kann sie Dir also nicht besser beschreiben, als sie es selbst getan hat.“

Dem Brief hatte Otto Frank ein Buch mit Erzählungen seiner Tochter beigelegt. Das Buch war damals schon lange vergriffen. „Ich leihe Dir jedoch ein Exemplar davon mit der Bitte, es mir zurückzusenden, nachdem Du es gelesen hast.“

Otto Frank in dem Brief an Christel Rosery

„Das hab ich als enormen Vertrauensbeweis empfunden“, sagt Christel Rosery, die seit über 30 Jahren als Lehrerin in Berlin arbeitet.

Original an den Förderkreis Alte Synagoge übergeben

Das Original des Briefes hat sie jetzt Rudolf Nacke vom Förderkreis Alte Synagoge in Epe übergeben. Eine Kopie hatte sie schon dem damaligen Rektor der früheren Gronauer Anne-Frank-Schule gegeben. Zeitweise hatte sie das Original dem Anne-Frank-Haus in Berlin überlassen – wo es aber nur im Tresor lag.

Auch zu pädagogischen Zwecken hat sie den Brief schon einsetzen können – unter anderem, um antisemitischen Tendenzen entgegenzuwirken.

Der Brief soll – wenn die Synagoge als Haus des Lernens und der Erinnerung eröffnet wird – zusammen mit einem Exemplar des Buchs „Spur eines Kindes“ von Ernst Schnabel, das Otto Frank in seinem Brief als weiterführende Lektüre empfohlen hatte, ausgestellt werden. Für Christel Rosery schließt sich somit ein Kreis: Der Brief ist beim Förderkreis der Alten Synagoge in den richtigen Händen.

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