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Lose Gruppe existiert seit fünf Jahren

Tuning-Fans verurteilen Raserei

Gronau

Sie haben Spaß an ihren getunten Autos, schrauben gerne daran herum, motzen sie auf. Doch die jungen Leute, die sich ab und an auf dem Roller-Parkplatz treffen, wollen nicht mit einer anderen Gruppe in einen Topf geworfen werden, die in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen sorgte.

Guido Kratzke

In Corona-Zeiten sind nur Treffen im kleineren Rahmen möglich. Seit fünf Jahren haben sich zwischen 20 und 30 Tuning-Freunde in Gronau zusammengefunden. Die Gruppe legt großen Wert darauf, sich von der „Raser- und Poser-Szene“, die in der Dinkelstadt zuletzt mehrfach auffällig wurde, zu distanzieren Foto: Guido Kratzke

Für sie waren die Verkehrsunfälle, die in den vergangenen Wochen von jungen Fahrern mit stark motorisierten Fahrzeugen in Gronau verursacht worden waren, nur eine Frage der Zeit. Und sie legen großen Wert darauf, mit derartigen Aktionen nichts am Hut zu haben. Sie – das sind gut 20 autobegeisterte Gronauer, die ein ausgeprägtes Interesse am Tuning besitzen.

Nach einem Aufruf in der Gronauer Facebook-Gruppe vor fast fünf Jahren treffen sie sich in unterschiedlicher Gruppenstärke regelmäßig auf dem Gelände des Roller-Marktes. „Im vergangenen Jahr leider nur sehr unregelmäßig und in kleinerer Form“, verweist Nico Hermann auf die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie. „Wir verabreden uns über eine Whats-App-Gruppe, stehen zusammen, plaudern ein wenig – und das nicht nur über Autos.“ Schließlich hat sich aus der Interessengruppe mittlerweile ein Freundeskreis entwickelt.

Nico Hermann

Wie die Autofreunde berichten, seien sie zunächst kritisch beobachtet worden. Aber es gelang ihnen, Vertrauen zu schaffen. „Egal, ob die Geschäftsleitung vom Roller oder die Polizei – die grüßen uns alle freundlich und wissen, dass wir hier keinen Blödsinn machen“, ergänzt erklärt Robin Reer, der seinerzeit die Gruppe ins Leben gerufen hat.

Idealer Treffpunkt

Der Standort am Roller ist für sie als Treffpunkt ideal. Unter dem Vordach stehen sie – in der gegenwärtigen Zeit mit Abstand – oder holen aus den Kofferräumen ihre Klappstühle heraus. „Und ‘ne Palette Energy ist da auch meistens drin“, erklärt Lars Verhülsdonk, der gerade mit seinem Zweitwagen vor Ort ist. Sein eigentliches Traumauto steht in der Garage: Die Turbolader werden getauscht.

Nicht nur im Umgang mit den Fahrzeugen, auch mit dem Verhältnis dazu sieht die Gruppe ein großes Unterscheidungsmerkmal zu denen, die in jüngster Zeit immer mehr ins Gerede gekommen sind. „Das sind welche, die oft in Mietfahrzeugen unterwegs sind“, schildern sie ihre Beobachtungen. „Oder die abends Papis Wagen dabei haben.“

Bei ihnen hingegen sei der eigene Wagen etwas, an dem oft schon über eine längere Zeit selber geschraubt werde. Etwas, bei dem es immer noch Ziele gibt und Details, die für sie nach einer Veränderung förmlich schreien. Beispiel dafür ist der Passat Variant, mit dem Nico Hermann vorgefahren kommt. „Mein Polo ist leider einer Dachlawine zum Opfer gefallen“, blickt er traurig auf den Winter zurück. Die Beschädigung habe aus seinem liebevoll aufgebauten Wagen einen wirtschaftlichen Totaltalschaden gemacht.

Benzin im Blut

Daneben steht das im Detail aufwendig gestaltete Golf-I-Cabrio von Patrick Taube. Wenn er sein Fahrzeug beschreibt, dann sieht man in den Augen des Monteurs, der ursprünglich eine Ausbildung im Kfz-Bereich seine Ausbildung absolviert hat, ein Glänzen, dass viele ohne ausreichend Benzin im Blut nur schwer nachvollziehen können. Für ihn ist das Auto mehr als nur ein Fahrzeug. Und damit ist er nicht allein

„Als Gruppe fahren wir zum Beispiel jedes Jahr gemeinsam am Osterwochenende am sogenannten Car-Samstag nach Meppen“, liefert Diana Budweg einen Hinweis auf gemeinsame Aktionen. „Da sind wir schon ausgezeichnet worden als Größte gemeinsam angereiste Gruppe.“ Vor Ort wurde ein Zelt aufgebaut, gemeinsam gefachsimpelt oder auch mal ein Blick unter die Hauben anderer Fahrzeuge geworfen. „Wenn einer auch bei anderen Dingen als das Auto Unterstützung benötigt, dann schreibt er in die Gruppe – und es meldet sich eigentlich immer jemand.“ Irgendwie familiär.

Und genau deshalb wolle man nicht mit den „Chaoten vom Wendehammer“ in einem Topf geworfen werden. Seitdem die Stadt dort den Treffpunkt aufgelöst hat (es wurde eine Halteverbotsregelung ausgeschildert), habe es auch schon Treffen vor dem Roller gegeben, bei denen auf dem Parkplatz beispielsweise Beschleunigungsfahrten praktiziert worden seien. Eine Verlagerung des Problems, von der sich nun die Tuning-Fans betroffen sehen.

„Wir wissen, was unsere Wagen können – wir müssen damit nicht prahlen“, betont Felix Kaack, der seinen performanten Ford Focus RS in auffällig leuchtender grüner Folierung fährt. Natürlich wurde auch bei ihm an der Technik gebastelt. „Mein Klappenauspuff ist aber vom TÜV akzeptiert worden“, verweist er darauf, dass ohne den technischen Zusatz Autobahnfahrten zur Zumutung werden.

Passend zum Thema kommt ein kompakter gelber Sportwagen an der Gruppe auf der Straße aus dem Gewerbegebiet vorbeigefahren und setzt zum kleinen Zwischenspurt an, bevor er an der Ampel zur Ochtruper Straße anhalten muss. „Jetzt pass mal auf, der macht garantiert die Klappe auf“, ahnt Nico Hermann, und tatsächlich: Der Fahrer fährt langsam an, lässt zu dem vorausfahrenden Firmenbulli ein paar Meter Abstand – und tritt dann lautstark zu. Die Tuning-Freunde grinsen. Sie wussten, was passieren wird – und der Sound scheint ihnen zu gefallen.

Schwellen werden nur geringen Effekt haben

Nur in einen Topf geworfen werden – das wollen sie nicht. „Wir haben uns zwischenzeitlich auch schon auf dem Parkplatz vom Küchen Gerwens getroffen“, erklärt Reer. Auch da gab es die klare Ansage des Hauses: Treffen okay, aber keinen Müll liegen lassen. Doch es fehlt das Abdach, unter dem sie sich vor Corona gerne versammelt haben. Wie es weitergeht, dass können sie noch nicht sagen. Durch die Sperrung des Wendehammers an der Siemensstraße komme es definitiv zu einer Verlagerung, sind sie sich einig. Ebenso darüber, dass die von der Stadt gewählten Schwellen nur einen sehr geringen Effekt haben werden.

„Wenn die Rasen wollen, dann rasen sie auch mit weit über 100 Kilometer pro Stunde über die Ochtruper Straße“, beschreibt Hermann seine Beobachtungen und die anderen nicken. Zudem unterscheiden sie sich dadurch, viel Geld in die Hand zu nehmen, um an ihren Fahrzeugen Veränderungen vorzunehmen, die dann auch eingetragen werden können. „Bei den Posern und Rasen gibt es welche, die bohren sich einfach Löcher in den Auspuff, damit sie besser klingen, oder bauen Teile aus“, kritisiert Verhülsdonk. Das habe nichts mit Tuning zu tun, wie sie es verstehen. „Es gibt zu viele schwarze Schafe.“

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