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Die Anfänge des Klosters Bardel vor 100 Jahren

Weitblick und Barmherzigkeit

Bardel

Das Kloster Bardel wird in diesen Tagen 100 Jahre alt. Doch auch wenn die Bardel zum Gebiet des Bistums Osnabrück steht – kirchenrechtlich gehören die Bardeler Franziskaner zu einer Ordensprovinz in einer ganz anderen Ecke der Welt.

Ulrich Oettel und Frank Schmitz

Die Bardeler Franziskaner in den Anfangsjahren. Dritter von links ist Pater Balthasar Falk, der zusammen mit Mitbrüdern in Münster die Pläne für das zukünftige Gebäudeensemble ausarbeitete. Foto: Kloster Bardel

Im Schnittpunkt zwischen Gildehauser Moor und der Sandlandschaft der Dinkel, unweit des Dreiländerecks zwischen den Niederlanden, Niedersachsachen und Nordrhein-Westfalen, steht die Anlage des Franziskanerklosters und Gymnasiums St. Antonius.

Für viele Menschen aus der Region ist „die Bardel“ eine Selbstverständlichkeit. Als läge das Kloster, das mit dem Namen der Gildehauser Bauerschaft Bardel gleichgesetzt wird, schon immer in diesem Winkel, der eine einzigartige Brücke in die weite Welt bedeutet. Eine Brücke, die 2021 100 Jahre alt wird.

Die weite Welt ist für Bardel erst einmal die Beziehung nach Brasilien. Noch immer gehören die Bardeler Franziskaner zur brasilianischen Ordensprovinz St. Antonius. Damit sind sie eine kirchenrechtliche Besonderheit: Kirchenrechtlich gehört diese Wirkungsstätte der Franziskaner in Bardel zu Brasilien, auch wenn Bardel zu Deutschland gehört und auf dem Gebiet des Bistums Osnabrück liegt. Ein Phänomen, das lange geschichtliche Wurzeln hat.

Ein Phänomen mit langen geschichtlichen Wurzeln

Die ehemals portugiesische Kolonie Brasilien hatte eine wendungsreiche Geschichte. Wegen ihres immensen Reichtums an Bodenschätzen war Brasilien ein Land ausbeuterischer Interessen. Nach der Unabhängigkeit von Portugal hatte es die Einrichtung eines Kaiserreiches gegeben. Die Kirche sollte nach dem Willen der Regierenden eine völlig vom Staat abhängige Staatskirche sein und die religiösen Orden verschwinden, auch um deren Klöster und Einrichtungen verstaatlichen zu können. Seit dem 15. Jahrhundert waren die Orden in Brasilien ein Hort mancher Unabhängigkeiten gewesen.

Doch ab 1834 durften sie keinen Nachwuchs mehr aufnehmen. Zu sehr fürchtete die Obrigkeit den Einfluss der Ordensleute durch Seelsorger, Krankenversorgung und Bildung. Bereiche, die man im gesellschaftlichen Zusammenleben zwar brauchte, aber ebenso gerne einer direkten Kontrolle unterstellte.

Missionare nach Bahia

Als am 15. November 1889 der Kaiser und sein System gestürzt und die Republik ausgerufen wurden, waren in Nord-Brasilien nur noch sechs alte und zum Teil erkrankte Franziskaner am Leben – in einem Gebiet größer als Deutschland. Da es nicht möglich war, selber Nachwuchs aus dem eigenen Land in Brasilien auszubilden, reagierten die deutschen Franziskaner in Warendorf auf die Anfrage aus Brasilien und sandten vier Missionare nach Bahia.

Den neuen Machthabern waren die Orden egal, wichtig war ihnen eine strikte Trennung von Staat und Kirche. Unter großen Mühen und Entbehrungen gelang es den ersten und den dann ab 1892 nachfolgenden deutschen Franziskanern, die brasilianischen Niederlassungen wieder aufzubauen. Dazu gehörte die Wiedererrichtung zweier Strukturen des Ordens: die brasilianische Südprovinz und die brasilianische Nordprovinz.

Während die Südprovinz langsam aber sicher auf eigenen Beinen stehen konnte, blieb die Nordprovinz von der personellen Unterstützung der deutschen Ordensprovinz Saxonia abhängig, zu der die Warendorfer gehörten. Tropische Krankheiten wie das Gelbfieber forderten immer wieder Opfer unter den deutschen Ankömmlingen. Die eigentlich gedachte Hilfe zur Selbsthilfe griff nicht.

Wieder drohten den Niederlassungen im Norden mit nur noch 38 Franziskanern große personelle Engpässe. So lag es denn auf der Hand, sich um weiteren Ordensnachwuchs aus Deutschland zu bemühen. Ab 1912 verfolgte man die Idee eines eigenen Stützpunkts in Deutschland. Dort könnte man den Nachwuchs in Ruhe ausbilden und auf die Arbeit in Brasilien vorbereiten. Der Erste Weltkrieg unterbrach diese Entwicklungsbemühungen. 1920 erklärte sich die deutsche „Mutterprovinz“ Saxonia einverstanden, für die nordbrasilianische Ordensprovinz auf deutschem Gebiet ein selbstständiges Kolleg für die Ausbildung des Nachwuchses zu errichten.

Im Februar 1921 wurde beschlossen, ein für die Nordprovinz bestimmtes und nur von ihr geleitetes Kolleg zu errichten. Gleichzeitig versuchte der dafür zuständige Pater Balthasar Fark, ein Gelände zu finden. Die Lage war eigentlich egal. Eine verkehrstechnische Anbindung sollte es geben, außerdem sollten die jeweiligen Pfarreien der Umgebung in ihrer Arbeit nicht allzu sehr die Konkurrenz der Patres fürchten müssen.

45 Hektar Heideland

Von Münster aus fand und erwarb Pater Balthasar Fark schließlich von verschiedenen Besitzern in Bardel ein Gelände von etwa 45 Hektar. Stark sandig, zum Teil noch Heideland – aber mit der Hoffnung, doch Landwirtschaft zur Selbstversorgung betreiben zu können. Das Gelände bestand aus zwei Teilen, die durch ein Waldstück des Fürsten zu Bentheim voneinander getrennt waren. Trotz mancher Widerstände aus der Bevölkerung – so berichten die franziskanischen Chronisten in einer ordensinternen Publikation von 1923 – konnte vom Fürsten dieses größtenteils mit Kiefern bestandene Gelände schließlich auch noch erworben werden.

Unter den umliegenden Landwirten liefen Wetten, wie lange denn die zuziehenden Katholiken hier wohl aushalten würden.

Pater Balthasar Fark

Pater Balthasar Fark arbeitete 1921 zusammen mit Mitbrüdern in Münster die Pläne für das zukünftige Gebäudeensemble aus. Es sollte ein Rechteck aus vier Flügeln werden. Rechts das Kolleg und die Unterkünfte für die Schüler, links die Abteilung für die Ordensgemeinschaft. Und in der Mitte des Rechtecks sollte sich von der Vorder- zur Rückseite die alles verbindende Klosterkirche erstrecken. Ergänzt werden sollte dies alles durch Wirtschaftsgebäude.

Wie man heute sehen kann, wurde genau dieser Plan Schritt für Schritt umgesetzt. Es dauerte aber bis zum 7. August 1923, ehe mit 21 internen Schülern aus ganz Deutschland der Schulunterricht im Kolleg beginnen konnte. Als man 1921 den Beginn des Baus beschlossen hatte und von Brasilien aus die Finanzierung geregelt war, konnte man nicht voraussehen, dass die zwischenzeitliche Entwertung des brasilianischen Geldes um fast die Hälfte neue Not hervorrufen würde.

In der ordensinternen Publikation von 1923 ist zu lesen: „Angesichts der Not unserer Provinz ist es jetzt aber Ehrenpflicht, den Bau kräftigst zu unterstützen … das Kolleg, … (muss) sicher gestellt und alle entbehrlichen Mittel diesem Zwecke geopfert werden. Das fordert die Not der Provinz und darum entspricht es dem Willen Gottes.“

Weitblick

Vom Erfolg dieses Weitblicks kann im Jahr 2023 berichtet werden, wenn das Gymnasium den hundertsten Geburtstag seiner Gründung feiert. Soviel aber kann an dieser Stelle schon gesagt werden: Die Einsätze für die abhängigen Landarbeiter in Brasilien, für die verarmte Bevölkerung in den Elendsviertel der großen Städte und eine sensible Arbeit mit den Indianern zeigen bis heute, dass die Franziskaner ihrem Auftrag nachgehen. Ihr Ordensgründer Franz von Assisi hatte schon im zwölften Jahrhundert das Motto und Ziel der Arbeit ausgegeben: „tutti fratelli“ – alle sind Geschwister. Es ist die Hinwendung zu den Menschen an den Rändern, zu denen, die vergessen sind und jeder Art von Ausbeutung anheimfallen. Dass die so breit und zielgerecht aufgestellte Arbeit heute noch in Brasilien gelingt, verdankt sich vielen Helfern in Deutschland, auch in Bardel.

All das ist aber nicht denkbar ohne den Weitblick der damaligen verantwortlichen Franziskaner, die es als ihre große Lebensaufgabe ansahen, alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um der selbstlosen Barmherzigkeit Raum zu schaffen: die Kernaufgabe der Kirche. Und wer einmal an den Nachbarschaftstreffen der in Bardel wohnenden Familien beim Kaffeetrinken im Kloster dabei war, erlebt, wie aus einigen anfänglichen Vorbehalten fröhliche Offenheit und Zugewandtheit geworden ist. „Die Bardel“ gehört in Bardel und in Brasilien einfach dazu.

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