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Prozess wegen Menschenraubs und Vergewaltigung

„Wollte Ehre wiederherstellen“

Gronau/Münster

Es geht um die Affäre einer jungen Frau mit einem verheirateten Mann. Diese habe die Ehre der Familie beschädigt, meint die Mutter der jungen Frau. Mit mehreren Straftaten soll die Mutter versucht haben, die Familienehre in ihrem Sinne wiederherzustellen.

Klaus Möllers

Um mutmaßliche Selbstjustiz aus „Ehrengründen“ geht es bei einem laufenden Prozess vor dem Landgericht Münster. Foto: dpa

Am Landgericht Münster haben am Mittwoch Polizisten ausgesagt, wie es zur mutmaßlichen Selbstjustiz aus „Ehrengründen“ unter afghanischen Zuwanderern in Gronau gekommen sein könnte. Angeklagt sind wegen erpresserischem Menschenraub und Vergewaltigung eine Mutter, ihre beiden erwachsenen Zwillingstöchter und der zur Tatzeit jugendliche Sohn (WN berichteten).

Sie sollen im Dezember 2018 in ihrer Wohnung eine afghanische Frau und deren zwölfjährigen Sohn mit dem Tod bedroht und gegen die Frau sexuell übergriffig geworden sein. Um die „Ehre“ einer der Töchter und der Familie, wie sie selbst gegenüber der Polizei aussagten, „wiederherzustellen“.

Über beide Ohren verliebt

Das erklärte am Mittwoch der damals leitende Ermittler der Gronauer Polizei. Eine der Zwillingstöchter pflegte demnach ein auch sexuelles Verhältnis zu dem Ehemann der befreundeten afghanischen Familie aus Darmstadt. „Sie war bis über beide Ohren in den Mann verliebt. Sie hat ihm gesagt, dass sie ihn heiraten will“, so der Polizist. Er war an mehreren Vernehmungen der Angeklagten beteiligt.

Vier Mal hätten sich die zu der Zeit 22-Jährige und der Familienvater in Hotels in Münster getroffen, schilderte ein Polizist, der den Mann und seine Ehefrau in Darmstadt vernommen hatte. Der Mann habe seine Frau für die Geliebte aus Gronau aber nicht verlassen wollen.

Nacktbilder im Hotel

Laut den Aussagen der Beamten entwickelte sich das Drama so: Die junge Frau hatte dem Mann per Handy-Chat ein Nacktbild und ein Video von sich unter der Dusche zugeschickt. Alleine innerhalb von vier Monaten hätten sich die beiden über 23 000 Nachrichten zugesandt, was etwa 166 am Tag gewesen seien. Auch hatte der Mann von der 22-Jährigen Nacktbilder im Hotel gemacht.

Um all die Aufnahmen entstand offenbar Streit: Laut der 22-Jährigen wollte der Mann sie erpressen, um weitere sexuelle Treffen mit ihr zu erzwingen – er würde die Aufnahmen ihren Verwandten in Kabul zusenden. Damit würden sie und ihre Familie „entehrt“. Der Mann streitet dies ab. Auch soll er gesagt haben: „Ich hatte neun Freundinnen (außerhalb der Ehe). Und du bist Nummer zehn.“ So sei sie letztlich „abserviert“ worden.

Das Ehrenverständnis der Familie aus Gronau führte laut den Polizisten dazu, dass die Ehefrau des Mannes Opfer eines Racheplanes werden sollte. Denn mittlerweile hatte die 22-Jährige ihren Angehörigen in Gronau gegenüber die intimen Treffen als Vergewaltigungen dargestellt. Ein entsprechendes Ermittlungsverfahren wurde allerdings mangels Tatverdacht eingestellt.

Eine der Angeklagten

„Er hat meine Tochter vergewaltigt und das mache ich mit ihr“, soll die Mutter der Polizei gegenüber als Beweggrund für die angeklagten Taten genannt haben. Und: „Ich hole die verlorene Ehre und die Zukunft unserer Familie wieder zurück.“

Die Ehefrau aus Darmstadt will von Affären ihres Mannes nichts gewusst haben. In den Augen der Familie aus Gronau aber habe sie sich „mehr um ihren Mann kümmern sollen“, wie es in einer Vernehmung hieß. Sie sei gewissermaßen mitschuldig.

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