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Diskussion mit Bundesgesundheitsminister über die neue Pflegeausbildung / Hohe Abbrecherquote

Azubis nehmen Spahn in die Zange

Kreis Coesfeld

Da musste Jens Spahn schlucken und nachfragen: „Warum ist das denn so?“ wollte der Bundesgesundheitsminister wissen, als er gestern beim Besuch der carecampus Pflegeakademie in Coesfeld mit den Auszubildenden über die neue Pflegeausbildung diskutierte. Die Pflegeschüler hatten die Veranstaltung vorbereitet und nahmen den Minister in die Zange. Sie trugen aus ihrer Sicht kritische Punkte der Ausbildung vor, die seit Anfang 2020 Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zusammenfasst.

Von Viola ter Horst

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn diskutiert mit Pflegeschülern über die neue Ausbildung, die seit Anfang 2020 Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege zusammenfasst. Foto: Foto: Viola ter Horst

„Wir haben mit 26 Auszubildenden hier angefangen“, berichtete eine der Pflegeschülerinnen. „Jetzt sind wir nur noch 15.“

Und warum das nun so ist, warum die Abbrecherquote so hoch ist? Die künftigen Pflegefachkräfte hatten dafür nicht nur eine Ursache. „Viele brechen ab, weil die Anforderungen zu hoch sind“, so eine Auszubildende. Oder weil sie andere Erwartungen hatten. Oder weil sie der Fachkräftemangel überfordert hat. „Die Pflegeschulen haben keine einheitlichen Standards“, nannte eine Pflegeschülerin einen weiteren Grund. So gebe es Pflegeschulen, die den Ruf hätten, dass der theoretische Stoff einfacher sei, wieder andere seien aber noch längst nicht so gut strukturiert wie die Pflegeakademie im Kreis Coesfeld mit ihren beiden Standorten in Coesfeld und Dülmen und über 70 angeschlossenen Krankenhäusern, Altenheimen, Pflegediensten und weiteren Partnern.

Und warum die 15 Azubis dabei geblieben seien, wollte Spahn wissen. „Weil wir den Beruf und Menschen lieben.“ – „Weil Pflege interessant ist.“ – „Weil wir den nötigen Biss haben.“

Die Zugänge zur Ausbildung für Interessierte zu verschärfen, hielt Spahn, der auf Einladung von CDU-Kreisvorsitzenden und Bundestagsabgeordneten Marc Henrichmann (Havixbeck) nach Coesfeld gekommen war, für keine gute Idee. „Ich habe auch Hauptschüler erlebt, die am Ende die Besten einer Pflegeschule waren.“ Er sah da mehr die Ausbildungsbetriebe und weitere Akteure in der Pflicht, Interessenten über den Beruf im Vorfeld genügend zu informieren.

Aber auch im praktischen Teil hapert es mit der neuen Ausbildung aus Sicht der Azubis noch. Der Fachkräftemangel sei so groß, dass in einigen Einrichtungen und Abteilungen die Azubis überfordert werden und „schon jetzt gefragt werden, ob sie am Wochenende arbeiten können“, schilderte eine Pflegeschülerin die Erfahrungen. „Wir sagen dann zu, weil da Menschen sind, die uns brauchen. Einfach streiken wie die Lokführer können wir nicht, weil wir es nicht mit Maschinen zu tun haben.“ Doch die Beschäftigung mit den Menschen bleibe trotzdem auf der Strecke, wenn nicht genügend Mitarbeiter auf der Station seien. Und die Kehrseite: In anderen Einrichtungen wissen die Mitarbeiter mit dem Nachwuchs und seinem Wissensstand offenbar nicht recht etwas anzufangen, „und wir werden dann wie Putzdamen oder Praktikanten behandelt. Unser erworbenes Wissen können wir nicht anwenden“.

Spahn ermunterte die Pflegeschüler, auch mal „Nein“ zu sagen. Es sei Aufgabe der Einrichtung, für genügend Fachkräfte zu sorgen, „nicht Ihre“. Wenn sie ausgebildet seien, „sitzen Sie am längeren Hebel. Jeder braucht Sie“. Es gebe keine Pflege-Einrichtung, die nicht Fachkräfte suche. „Wer auf die Idee kommt, Pflegeauszubildende als Putzkräfte einzusetzen, hat es nicht verstanden.“

Der Gesundheitsminister schrieb die Kritikpunkte eifrig auf. CDU-Bundestagsabgeordneter Marc Henrichmann, der bei den aktuellen Wahlen erneut kandidiert, freute sich über die gelungene Premiere. „Es geht uns darum, über Inhalte zu sprechen. Das Thema Pflege drängt.“ Spahn habe sich Notizen gemacht, „weil er das System verbessern will“, versprach er.

„Viele Punkte müssen sich auch noch einspielen“, sagte Spahn zu dem neuen Ausbildungssystem. Die jetzigen Pflegeschüler seien Pioniere – sie sollten das positiv sehen. Das Ziel der zusammengelegten Ausbildung sei es, sich nicht sofort auf einen Bereich fest zu legen. Nach der Ausbildung gelte es ebenso, offen für Neues zu sein. „Ich war ja auch nicht mein Leben lang Gesundheitsminister“, witzelte er.

Nicht zuletzt gehe es darum, die Liebe zum Beruf zu vermitteln. „Damit mehr Interesse daran geweckt wird.“ Denn umso weniger Kollegen, um so höher sei die Belastung der vorhandenen Fachkräfte.

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