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Spannende Diskussionen bei der Fachtagung „1700 Jahre jüdisches Leben“ in Nottuln

„Etwas ganz Wunderbares entstanden“

Nottuln

Hochkarätig besetzt war die Fachtagung „1700 Jahre jüdisches Leben“, die der Kreisheimatverein Coesfeld gestern im Forum des Rupert-Neudeck-Gymnasiums durchführte. Zwölf Fachwissenschaftler referierten hier zu interessanten Themen das jüdische Leben in der Region betreffend. „Alle Referenten kommen aus den eigenen Reihen“, nahm der 1. Vorsitzende Hans-Peter Boer Bezug auf den engagierten vereinseigenen Arbeitskreis Geschichte.

Von Ulla Wolanewitz

Spannende Gespräche auf der Fachtagung mit v.l.: Referent Dr. Dieter Potente und Anja Mausbach (Jüdisches Museum Dorsten), dahinter Moderator Michael Kertelge, Pfarrer Martin Mustroph (Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und Christian Wermert (Organisator und Geschäftsführer des Kreisheimatvereins Coesfeld). Foto: Foto: ul

„Masseltoff (gut Glück)“ wünschte Bürgermeister Dr. Dietmar Thönnes in seiner Begrüßung für den Verlauf der Veranstaltung „mit der wir etwas gegen das vergessen tun.“ Pfarrer Martin Mustroph berichtete, dass die „Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit“ 1949 auf Initiative der amerikanischen Besatzungskräfte gegründet wurde, um Begegnungsarbeit und Dialog zu fördern. „Aus dem, was uns seinerzeit aufgepfropft wurde, ist mittlerweile etwas ganz Wunderbares entstanden“, erklärte Mustroph, der in Münster den Vorsitz dieser Gesellschaft führt.

Anja Mausbach, Mitarbeiterin des Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten, berichtete von ihrer pädagogischen Arbeit, die unter anderem einfordere, die Stereotypen, die eng mit antisemitischen Vorurteilen behaftet sind, aufzubrechen. Sie gab das Beispiel in die Runde, dass ein Besucher fragte, ob die Kollegin auch Jüdin sei, weil sie eine große Nase habe oder Museumsbesucher aus dem Bankwesen kundtaten, dass sie auch etwas von Finanzen verstehen. „Junge Menschen haben diese Vorurteile noch nicht. Es sei denn sie übernehmen sie von den Erwachsenen“, so Anja Mausbach.

Dass alle Geschichtsbücher und jene für Gesellschaftslehre das Thema „Juden im Nationalsozialismus“ behandeln, versicherte Dr. Dieter Potente, der an vielen Ausgaben mitgearbeitet hat. „Vielleicht etwas zu wenig, aber das ist das Problem mit allen Schulbüchern. Es kann allerdings kein Schüler einer zehnten Klasse behaupten, davon noch nie gehört zu haben.“ Als gutes positives Beispiel stellte er die Projektarbeit „Von allem etwas“ der Hermann-Leeser Hauptschule vor, die in einer „Graphik Novel“, einer Art Comic-Roman, die Erinnerungen der Jüdin Helga Becker-Leeser aufgearbeitet hatten. „Der große Gegner der Verzahnung der Thematik mit der Regionalgeschichte ist die Zeit“, machte Dr. Potente deutlich und verwies darauf, dass es den Lehrkräften heute häufig an zeitlichem Freiraum dafür fehle.

Dr. Henrik Lange zeigte in seinem Vortrag Beispiele für Antijudaismus und Antisemitismus, die „auch auf Darstellungen in Kirchen in unserem Kreis zu finden sind“, so der Geschichts- und Religionspädagoge: „Mittlerweile wird aber genauer hingeschaut und das offener thematisiert.“

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