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Johannes Waldmann (SPD) über seine Motivation für die Bundestagskandidatur

Für die Heimat in die Hauptstadt

Kreis Coesfeld

Die Klassenfahrt nach Berlin fiel wegen der Corona-Pandemie ins Wasser. Doch Johannes Waldmann hat die Hauptstadt als Ziel nicht aus den Augen verloren. Im Gegenteil: Seine Bestrebungen, nach der Wahl am 26. September für die SPD in den Bundestag einzuziehen, nehmen angesichts der aktuellen Umfragen gerade so richtig Fahrt auf. An 90 Tagen will der junge Davensberger 90 Mal in seinem Wahlkreis Coesfeld - Steinfurt II vor Ort sein. „Man kommt schon rum“, schmunzelt der 32-Jährige an der Tür seines Bullis. „Und mit Urlaub ist es in diesem Jahr ohnehin schwierig.“

Von Florian Schütte

Der Burgturm in Davensberg und der Park drumherum sind Johannes Waldmanns Lieblingsort im Kreis Coesfeld. Foto: Foto: fs

An diesem trüben Dienstagmorgen ist vor dem Burgturm in Davensberg kaum eine Menschenseele unterwegs. Gerade hat der Himmel seine Schleusen geschlossen. Kein offizieller Wahlkampftermin, nur ein lockeres Gespräch. Johannes Waldmann scheint die Ruhe zu genießen, wohl wissend, dass der politische Trubel ihn nur allzu schnell wieder hat. „Dieser Ort hat seine ganz eigene Atmosphäre“, sagt der junge Politiker. „Von der Befestigungsanlage ist nur noch der Burgfried erhalten“, sagt Waldmann vor dem Schild auf dem die Jahreszahl 1530 prangt. „Und die Kapelle ist der älteste Teil Davensbergs“, sagt er und deutet auf die Turmspitze der Pfarrkirche St. Anna, die zwischen den Häusern des 1800-Seelen-Dorfes hervorlugt. „Unten im Burgfried gibt es sogar noch ein Verlies mit alten Foltergeräten“, erklärt Waldmann, am Fuße des Turms auf der kleinen Anhöhe angekommen. Der junge Mann spricht von den Hexenprozessen im 17. Jahrhundert und von Anna Walboem, die dieses Martyrium als eine der letzten durchleben musste und 80-jährig an den Folterungen verstarb. Nach ihr wurde der Anna-Walboem-Weg in Davensberg benannt.

Johannes Waldmann

Johannes Waldmann weiß viel über die Geschichte Davensbergs. „Mit diesem Ort hier verbinde ich viele schöne Erinnerungen“, berichtet der Sozialdemokrat von Wandertagen oder einem Kennenlernnachmittag in der fünften Klasse. Heimat erdet ihn. Da erübrigt sich eigentlich die Frage, ob er Mitglied im Schützenverein ist, der auf dem Gelände ebenfalls zusammenkommt. „Na klar!“ Viele Jahre hat der Trompeter den Festzug auch musikalisch begleitet.

„Das ist mein absoluter Lieblingsort im Kreis“, zeigt Waldmann auf eine lauschige Sitzecke unter einer Kastanie. Vier Holzbänke sind um einen großen Mühlstein angeordnet. Dort trifft sich auch der Heimatverein, dessen Mitglied Waldmann ist, des Öfteren in illustrer Runde.

Zur Person

Bei so viel Heimatverbundenheit kommt unwillkürlich die Frage auf, warum der junge Mann das alles zurücklassen will, um in Berlin Fuß zu fassen. „Ich lasse meine Heimat nicht zurück!“, sagt Johannes Waldmann entschieden. Die Bindung zum Wahlkreis sei ja das Entscheidende. „Hier kriegt man die Rückkopplung, was man in Berlin macht“, sagt Waldmann.

Überhaupt würde er das Gleichgewicht zwischen der Präsenz in Berlin und in seinem Wahlkreis wahren wollen. Einfach sei ihm die Entscheidung, für den Bundestag zu kandidieren, trotzdem nicht gefallen und über mehrere Jahre gereift. Hauptgrund ist vor allem sein Beruf, den er für das politische Amt aufgeben müsste. Waldmann atmet tief durch. „Ich bin sehr gerne Lehrer“, sagt der Pädagoge, der an einer Hauptschule im Westen Hamms unterrichtet. Aber genau darin liegt wiederum die Hauptmotivation für seine Kandidatur. „In meinem beruflichen Alltag sehe ich, wie ungleich die Chancen verteilt sind.“ Und Waldmann sieht das große Ganze: „Die berufliche Lebenssituation der Eltern steht vor allem“, spricht er die Themen soziale Gerechtigkeit und Arbeitsbedingungen an.

Ungleiche Chancen

„Das ist übrigens auch noch ein Highlight“, sagt Waldmann und lacht. „Es ist zwar nicht die Hohenzollernbrücke, aber diese stand auch schon mal im Zeit-Magazin“, berichtet der gebürtige Münsteraner mit Blick auf die kleine Liebesschlösserbrücke, die über den Emmerbach führt. Das bringt ihn auch zu seinem dritten Kernthema neben Bildung und Wirtschaft. „Wir müssen klimaneutral und trotzdem Industrieland bleiben“, schlägt er einen Bogen zur Umweltpolitik, während er auf das Biotop blickt, das der Emmerbach mit seinen vielen Seerosen gebildet hat. Waldmann spricht von der Förderung grünen Wasserstoffs und von Photovoltaik „auf fast jedem Dach“.

Politische Kernaussagen

Seine Haltung zur großen Koalition hat der junge Pädagoge inzwischen geändert. „Am Anfang war ich gegen eine Regierungsbeteiligung der SPD. Im letzten Jahr war ich aber sehr froh, dass die SPD regiert hat“, sagt Waldmann und nennt als Beispiel das Kurzarbeitergeld. Apropos Pädagoge: Welche Note würde er der großen Koalition nach vier Jahren geben? „Noten zu verteilen, steht mir nicht zu“, winkt Waldmann ab – und lässt dann doch unterschwellig eine Bewertung durchblicken. „Nach 16 Jahren Union ist jetzt eine Zeit ohne die Union gekommen.“ Und: „Die SPD wird dringend in der Regierung gebraucht.“

Wenn es also schon mit der Klassenfahrt nicht geklappt hat, will Johannes Waldmann nun mit dem Rückenwind der Wähler den Sprung in die Hauptstadt schaffen – für seine Schüler und für seine Heimat.

Drei Fragen 

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