Kultur nimmt an der Kolvenburg wieder Fahrt auf

Heimat in Wort, Bild und Ton

Billerbeck. „Ohne Massel (Glück) nichts als Brassel (Ärger)“, heißt es so schön in der münsterschen Mundart Masematte. Unter einem günstigen Stern stand dann auch das vom Westfälischen Literaturbüro in Unna initiierte Projekt „Experiment Heimat“ im Rahmen dessen am Wochenende an der Kolvenburg gleich mehrere Veranstaltungen draußen stattfanden. Reichlich Massel (Glück) gab es bezüglich der Wetterlage, denn der Regen beschränkte sich tatsächlich auf die Zeiten vor und nach den Programmpunkten.

Ulla Wolanewitz

Auf der Heimatbühne vor der Kolvenburg freute sich Kulturreferentin Swenja Janning (l.), den irakischen Schriftsteller Najem Wali und die Fotografin Alem Kolbus begrüßen zu dürfen. Fotos: ul Foto: az

Mit Marion Lohoff-Börger war am Samstagnachmittag eine Expertin des regionalen Soziolektes Masematte zu Gast. Sie kam gemeinsam mit zwölf weiteren Autorinnen und Autoren, die ihr gemeinsames Lyrik-Projekt „Wir sind – wir bleiben“ sehr eindrucksvoll präsentierten. Hierbei gab es drei Gedichte in zwölf unterschiedlichen Klangfarben, also Sprachen zu hören, von Albanisch, Arabisch bis hin zu Farsi, Rumänisch, Russisch und Polnisch. Mit dabei auch Hannes Demmings Version in Plattdeutsch. „Meine Heimat, mein Zuhause ist Deutschland“, erklärte Banafsheh Arianejad aus dem Iran. „Aber es vergeht kein Morgen, an dem ich nicht mit dem Wunsch aufstehe, eines Tages wieder in einem freien, demokratischen Iran leben zu können.“

Fotografin Alem Kolbus ist in Leipzig geboren und dort aufgewachsen mit zwei Geschwistern, die „deutsch ‚gelesen’ werden konnten, anders als ich, denn mein Vater war ostafrikanischer Immigrant“, erklärte die Künstlerin, die dem Publikum am Sonntagnachmittag eine kleine Werkschau ihrer Arbeiten vorstellte. „Fotografieren heißt Bedeutung verleihen“, zitierte sie die amerikanische Schriftstellerin Susann Sonntag. Diesen Leitsatz beherzigend nahm Alem Kolbus in der Vergangenheit Orte in den Fokus, die als kulturell wertvoll gelten, wie etwa Spielplätze, Naturschutzgebiete und Kleingärten. Selber verbrachte sie viel Zeit in ihrer Kindheit und Jugend im Kleingarten ihrer Großeltern mit vielen Familienfeiern, An- und Abgrillen und dem kompletten Jahresprogramm. Wie nah Heimat und Rassismus beieinanderliegen können, machte Alem Kolbus in einer Anekdote mit bitterer Note deutlich: „Als ich in der Sommerzeit einige Male das Gießen übernommen habe, erhielt meine Großmutter einen Anruf mit dem Hinweis, dass in ihrem Garten eine Exotin unterwegs sei und die Beobachterin überlegt hatte, die Polizei zu informieren“.

Für ihre fotografischen Arbeiten bevorzugt sie die Ruhe der Nacht und künstliches Licht. Für das „Experiment Heimat“ geht sie im Kreis Coesfeld fünf Tage auf Spurensuche nach dem, was Heimat hier ausmacht. In gleicher Mission ist Najem Wali unterwegs.

Er stellte den Zuhörern sein jüngstes Buch „Soab und das Militär“ vor, das in Kürze erscheint. „Ich habe zwei Jahre gekämpft, um es veröffentlichen zu können“, erklärte der irakische Schriftsteller. „Das Wort ‚Militär’ hätten sie gerne durchgängig mit einem schwarzen Balken versehen. Jetzt muss ich damit leben, dass ich vielleicht nie mehr nach Ägypten reisen kann.“ Im Mittelpunkt seines Romans steht die Sängerin Soad, vergleichbar „mit Marlene Dietrich oder Romy Schneider“, machte Wali deutlich. War ihr Sturz aus dem sechsten Stockwerk ein Suizid oder hatte der ägyptische Geheimdienst hier seine Finger im Spiel?

Mit heimatlichen Klängen wie altbekannten Volksliedern, neu arrangiert im flotten Jazzformat, bot das Sebastian Netta Trio zusammen mit Sängerin Gaby Goldberg abschließend ein anspruchsvolles Konzert mit dem der Veranstaltungsreigen am Sonntagnachmittag endete.

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