1. www.azonline.de
  2. >
  3. Münsterland
  4. >
  5. Kreis-Coesfeld
  6. >
  7. „Im ländlichen Raum liegt viel Potenzial“

  8. >

Interview mit Dr. Anne-Monika Spallek aus Billerbeck, Bundestagsabgeordnete der Grünen

„Im ländlichen Raum liegt viel Potenzial“

Kreis Coesfeld

Dr. Anne- Monika Spallek ist als Abgeordnete der Grünen aus dem hiesigen Wahlkreis Coesfeld – Steinfurt II seit 2021 im Bundestag vertreten. Ihr Schwerpunkt ist der ländliche Raum. Die 54-Jährige ist Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft. Die promovierte Mathematikerin lebt in Billerbeck und leitet einen Pferdebetrieb für alte Pferde. Wie stellt sie sich die Zukunft im ländlichen Raum vor? Was sagt sie einem Landwirt, der seine Erdbeeren wieder unterpflügt, weil er zu wenig Geld vom Handel dafür bekommt? Und wie kann jemand mit wenig Geld an Klima-Projekten und Bio teilhaben? Unser Redaktionsmitglied Viola ter Horst sprach mit ihr.

„Ich möchte, dass der ländliche Raum in der Politik auf Augenhöhe der Städte betrachtet wird“: Anne-Monika Spallek vor einem Blumenbeet im Schlosspark in Coesfeld. Foto: Foto: Viola ter Horst

Was sind Ihre Schwerpunkte im Bundestag?
Spallek: Regionale Kreisläufe, Lebensmittelwirtschaft und eine gesunde Ernährung, der ländliche Raum und seine Entwicklung. Ich möchte, dass der ländliche Raum in der Politik auf Augenhöhe der Städte betrachtet wird. Im ländlichen Raum liegt viel Potential, z.B. mit speziellen Startups im Agri-Food-Bereich oder auch regionaler Wertschöpfung.

Was schwebt Ihnen da vor?
Spallek: Zum Beispiel Förderprogramme für neue Anbauideen – Soja, Lupine, Hanf – aber auch für technische Innovationen, für Roboter und künstliche Intelligenz. Für Coworking-Spaces – umso mehr Menschen vor Ort arbeiten, umso weniger pendeln sie und verbrauchen Energie. Ich möchte, dass gute Bedingungen für eine nachhaltige, bäuerliche Landwirtschaft existieren und dass regionale Wertschöpfungsketten gestärkt werden. Das steht ja auch im Koalitionsvertrag, darüber freue ich mich.

Im Kreis Coesfeld haben noch nicht sehr viele Landwirte auf Öko-Landwirtschaft umgestellt.
Spallek:
Nein, aber die, die umgestellt haben, sind sehr zufrieden. Es muss auch nicht alles Bio sein. Unser Leitbild ist zwar Bio-Landwirtschaft – aber unser Ziel ist, dass es 30 Prozent bis 2030 sind und Landwirtschaft insgesamt nachhaltiger und resilienter wird.

Und das klappt?
Spallek:
Wir haben dafür einiges auf den Weg gebracht. Vieles ist aber nicht beeinflussbar seit dem Krieg in der Ukraine und dadurch, dass die Preise steigen. Der Trend ist aber in der Bevölkerung immer noch da, Bio einzukaufen – und die Bereitschaft, mehr dafür auszugeben. Konventionelle und Öko-Landwirtschaft nähern sich immer mehr an – auch das ist doch positiv. Ich finde, unsere Landwirte sind gut unterwegs. Es geht aber nicht nur um Lebensmittel, sondern auch um erneuerbare Energien. Der Ausbau soll massiv beschleunigt werden und Eile ist vor dem Hintergrund des Russland-Kriegs natürlich umso mehr geboten.

Die Landwirte sagen, dass sie eine Perspektive brauchen. Sie wollen ihre Ställe umbauen, aber ihnen fehlen die Vorgaben. Gibt es die inzwischen? Spallek: Eine gute Marschrichtung ist die neue staatliche Tierhaltungskennzeichnung. Der Verbraucher sieht damit genau, wie das Tier gehalten wurde, ähnlich wie bei Eiern. Ob ein Tier nur im Stall gehalten wurde, ob es mehr Platz als üblich hatte, in einem Frischluftstall lebte, auch draußen sein durfte oder unter Bio-Bedingungen gehalten wurde. Für den Umbau der Ställe wird es Förderungen und Programme geben. Eine Milliarde Euro - das reicht aber wohl nicht aus. Wir Grüne wollen sehr viel mehr Geld dafür einsetzen. Die FDP sperrt sich gegen eine Gegenfinanzierung über bspw. eine erhöhte Mehrwertsteuer oder eine Abgabe auf Fleischprodukte, wie es die Zukunftskommission empfahl.

Aber es ändert sich mit der Kennzeichnung doch nichts an der Menge an Tieren, die gehalten werden, oder?
Spallek:
Na ja, größere Ställe bedeuten schon mal weniger Tiere. Außerdem geht der Trend generell dahin, dass weniger Fleisch gegessen wird. Da ändert sich gesellschaftlich gerade viel. Für die Jüngeren sind Gemüsegerichte oder Fleischalternativen inzwischen selbstverständlich. Und deswegen stellt sich darauf auch die Landwirtschaft ein.

Was sagen Sie einem Landwirt, der seine vor Ort angebauten Erdbeeren wieder unterpflügt, weil er vom Handel so wenig Geld dafür bekommt, dass sich der Verkauf für ihn nicht lohnt?
Spallek:
Mit Direktvermarktung bekommt er mehr Geld. Aber ich weiß, unter welchem Druck Landwirte stehen. Im Moment gucken Verbraucher stark auf Preise. Im Prinzip nutzt der Handel diese Situation aus und kauft Erdbeeren in Spanien ein, weil die billiger sind. Das ist genau der Punkt, den wir nicht wollen – denn das funktioniert nur deswegen, weil z.B. in Spanien unter günstigeren Bedingungen und zu geringeren Löhnen produziert wurde – und weil kein realer CO2-Preis umgelegt wurde. Dieser müsste auf den Spritpreis kommen, dann würde sich der Transport nicht mehr lohnen. Insgesamt brauchen wir fairere Rahmenbedingungen.

Gilt der höhere Spritpreis dann genauso für den Verbraucher?
Spallek: J
a, der gilt dann auch für den Verbraucher. Für alle, die ein E-Auto oder ÖPNV fahren, nicht. Deswegen setzen wir uns für die Förderung von Elektromobilität oder eine günstige Folgelösung für das 9-Euro-Ticket ein. 49 Euro bundestweit und 29 Euro NRW-weit. Und auch den Ausbau des ÖPNV wollen wir massiv fördern.

Es kann sich aber nicht jeder sowas leisten.
Spallek:
Regional möglichst nachhaltig produzierte Lebensmittel sollten günstiger werden als der Import aus der Ferne, das wäre das Ziel, wenn Umwelt- und Sozialkosten mit eingepreist werden. Aber wir alle müssen unser Kauf- und Ernährungsverhalten auch ändern und unseren „ökologischen Fußabdruck“ in der Welt verkleinern. Mehr Wertschätzung an der Ladentheke für möglichst regional, saisonal und nachhaltig ökologisch erzeugte Produkte, frisch kochen, weniger wegwerfen, weniger Fleisch, das sind die zentralen Punkte der dringend notwendigen Ernährungswende. Klare Rahmenbedingungen für die Außer-Haus-Verpflegung.

Erreicht man damit nicht eine Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich? Dürfen nur die an Ökoprojekten mitwirken, die das Geld dafür haben?
Spallek:
Landwirtschaftspolitik ist keine Sozialpolitik, deshalb müssen wir diejenigen, die wenig Geld haben, dazu befähigen. Indem sie mit Förderungen und fairen Löhnen unterstützt werden. Indem wir zielorientiert nach unten entlasten. Die Grundsicherung soll zu einem fairen Bürgergeld weiterentwickelt werden. Wir wollen eine Kindergrundsicherung, höhere Grundfreibeträge. Und Kinder sollen zum Beispiel über die Mensen in den Kitas und Schulen mehr regionales und mehr Bio-Essen bekommen. Es muss also eine Angleichung stattfinden.

Ihr Idealbild vom Kreis Coesfeld?
Spallek:
Mehr Kühe auf der Weide, mehr Schweine-Offenställe, dass die Öko-Landwirtschaft steil nach oben geht. Und auch gerne mehr regionales Obst und Gemüse. Es gibt kein Zurück zu früher, aber Tiere müssen tierschutzgerecht gehalten werden. Sowohl für Windkraft als auch Solarenergie gibt es noch viel Potenzial. Ich wünsche mir, dass sich viele Bürger-Genossenschaften für alternative Energien bilden.

Sollen die drei verbliebenen AKWs am Netz bleiben?
Spallek:
Eine Laufzeitverlängerung ist für mich nicht denkbar. Das einzige wäre ein Streckbetrieb – im Sommer weniger, im Winter etwas mehr.

Sind Sie für oder gegen die geplante Erweiterung der Großschlachterei Westfleisch in Coesfeld?
Spallek:
Dagegen, eine Aufstockung macht für mich keinen Sinn, wenn der Fleischkonsum weniger wird.

Startseite
ANZEIGE