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Ein Jahr ökumenischer Freiluft-Gottesdienst

Anspruchsvolle Predigten in schöner Umgebung

Lüdinghausen

Bis zu 400 Besucher sorgen jeden Sonntag dafür, dass der ökumenische Open-Air-Gottesdienst an der Burg Vischering zu einem wahren Erfolgsmodell geworden ist. WN-Mitarbeiter Markus Kleymann hat sich mit den Initiatorinnen, Pfarrerin Silke Niemeyer von der evangelischen Kirchengemeinde und Pastoralreferentin Ruth Reiners von der katholischen St.-Felizitas-Gemeinde über das in der Corona-Pandemie entstandene Konzept unterhalten.

Markus Kleymann

Einige Hundert Besucher versammeln sich jeden Sonntag zum ökumenischen Gottesdienst im Schatten der Burg Vischering. Foto: Markus Kleymann

Not macht erfinderisch: Schon ein Jahr lang finden Sonntag für Sonntag ökumenische Gottesdienste unter freiem Himmel an der Burg Vischering statt – mit großem, und weiter stetig wachsendem Erfolg. Denn draußen ist es einfach sicherer. Zwischen 100 und 400 Besucher sorgen dafür, dass es sich hier um die nachfragestärksten Gottesdienste in ganz Lüdinghausen handelt. Grund genug für WN-Mitarbeiter Markus Kleymann, um mit den beiden Initiatorinnen, Pfarrerin Silke Niemeyer von der evangelischen Kirchengemeinde und Pastoralreferentin Ruth Reiners von der katholischen St.-Felizitas-Gemeinde, nach Gründen für diesen Erfolg zu suchen.

Am 24. Mai 2020 fand der erste ökumenische Open-Air-Gottesdienst unter Corona-Bedingungen an der Burg Vischering statt – und seitdem Woche für Woche mit vielen Teilnehmenden. Hatten Sie mit einem solchen Erfolg gerechnet?

Silke Niemeyer: Wir hatten mit gar nichts gerechnet. Nicht mit Erfolg oder Misserfolg. Wir sind einfach unserer Intuition gefolgt und haben überlegt, wie es gehen kann, sich nicht vom Virus unterkriegen zu lassen.

Silke Niemeyer Foto: wer

Ruth Reiners: Wer hätte im vergangenen Mai schon damit gerechnet, dass Corona uns so lange beschäftigt? Als wir im April angefangen haben zu planen, war ich noch davon ausgegangen, dass unser Leben im Sommer wieder „normal“ verläuft. Dass wir selbst jetzt, nach mehr als einem Jahr, immer noch Gottesdienste unter Corona-Bedingungen feiern, war nicht abzusehen.

Eine solche Beharrlichkeit mit sogar wachsenden Besucherzahlen muss Gründe haben. Was ist das Geheimnis des Erfolges?

Silke Niemeyer: Kurze Gottesdienste, anspruchsvolle Predigten, wunderbare Umgebung, ökumenische Selbstverständlichkeit und Leute, die mit Enthusiasmus dabei sind.

Ruth Reiners: Aus meiner Sicht sind es zwei Dinge: zum einen die Vielfalt des Angebotes durch immer wechselnde Konstellationen in der Gottesdienstleitung. Hier sind sowohl Frauen wie Männer, Haupt- wie Ehrenamtliche im Einsatz. Auch die unterschiedlichen musikalischen Gruppen sind eine Bereicherung. Der zweite Aspekt ist der immer gleichbleibende Gottesdienstaufbau. Die Menschen wissen genau, was sie erwartet: ein Gebet, ein Bibeltext und dessen Auslegung, das alles nicht länger als 35 Minuten.

Wie ist denn die Resonanz in Ihren beiden Gemeinden? Stimmt der Eindruck, dass auch viele Besucherinnen und Besucher regelmäßig kommen, die sonst kaum noch in den Gottesdiensten in den Kirchen zu sehen waren?

Ruth Reiners Foto: ae

Silke Niemeyer: So ist es. Viele sagen: Ich bin vorher nie so oft zum Gottesdienst gegangen. Die Resonanz geht weit über Lüdinghausen hinaus. Und: Ich sichte erstaunlich viele Männer auf der Wiese.

Ruth Reiners: Es ist ein weiteres gutes Angebot in unserer Gottesdienst-Landschaft geschaffen worden. Die einen finden Kraft in der sonntäglichen Eucharistiefeier und in dem ursprünglich katholischen Angebot. Andere sind darüber hinaus auf der Suche nach einem authentischen christlichen Glaubenszeugnis, das sie in der ökumenischen Gemeinschaft „auf der Wiese“ finden.

Wenn der Eindruck stimmen sollte – was könnte der Grund dafür sein?

Silke Niemeyer: Offenbar stimmt das Format, das ich vorhin beschrieben habe. Aber das ist es nicht allein. Die Menschen sind hungrig nach Nahrung für Geist und Seele, und je länger die Krise währt, desto mehr. Die gelassene, fröhliche Stimmung und das besondere Gemeinschaftsgefühl sind einfach wohltuend in diesem Reizklima aus Aggressivität und Lähmung, das viele fertigmacht.

Ruth Reiners: Die Menschen suchen sich gerne aus einem breiten Angebot etwas aus, das für sie stimmig ist – das ist aus meiner Sicht mit dem ökumenischen Angebot gelungen.

Kritiker gab es natürlich auch. Während viele andere Veranstaltungen verboten wurden, durften die Gottesdienste unter Auflagen weiter gefeiert werden. Was entgegnen Sie den Kritikern?

Silke Niemeyer: Kommt und seht! Dass diese Form des Treffens ein Ansteckungsherd sein könnte, war höchst unwahrscheinlich, und das werden nach einem Jahr auch die ängstlichsten Skeptiker zugestehen. Auch habe ich nicht verstanden, was daran solidarisch sein soll, wenn wir in Zeiten, in denen alles dicht ist, auch noch diesen Freiraum für die Seele dichtmachen.

Ruth Reiners: Es gab lange Phasen in dieser Pandemie, in denen es kaum ein Hoffnungszeichen gab und viele Menschen sich nach einem Licht am Ende des Tunnels gesehnt haben. Der gemeinsam gelebte und gefeierte Glaube kann dem etwas entgegensetzen: Unser Glaube vermag Hoffnung zu schenken. Darüber hinaus gab es sehr klare Hygienevorschriften für alle Gottesdienstformen, und die Besucherinnen und Besucher haben sich vorbildlich diese Maßnahmen gehalten. Wenn man die Rückverfolgungslisten als Maßstab nimmt, hat sich bisher kein Gottesdienstbesucher mit Corona angesteckt.

Die Corona-Pandemie war der Auslöser für die ökumenischen Open-Air-Gottesdienste. Doch das Ende der Pandemie ist ja langsam absehbar. Gibt es angesichts des Erfolgs bereits Planungen für die Zeit danach?

Silke Niemeyer: Erstmal: Es gibt riesig viele Leute, die uns sagen: „Ihr müsst auf jeden Fall weitermachen.“ Und es gibt Ideen. Aber wir haben noch keine festen Planungen. Auf jeden Fall muss und wird da was weitergehen. Die Form müssen wir noch finden. Was ist das überhaupt für ein „Danach“, das irgendwann kommt? Das wissen wir ja noch gar nicht genau. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass wir nicht zu einer vergangenen so genannten Normalität zurückdürfen. Das wäre wirklich Sünde.

Ruth Reiners: Die ökumenischen Gottesdienste sind zu einer festen und schon fast selbstverständlichen Größe am Sonntagvormittag geworden. Hier hat die Pandemie – wie auch in vielen anderen Lebensbereichen – eine Veränderung herbeigeführt, die bahnbrechend und aus meiner Sicht auch zukunftsweisend ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir das Team um interessierte ehrenamtliche Gottesdienstleiterinnen und -leiter erweitern. Auch das Format einer Sommerkirche ist vorstellbar.

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