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Blick hinter die Kulissen: Wie ein Blindenführhund zum Auge seines Herrchens wird

Nemo bereitet allen viel Freude

KREIS COESFELD/EPE

Dietmar Segbert strahlt. Der 59-jährige Beisitzer im Vorstand der Bezirksgruppe Coesfeld-Ahaus im Westfälischen Blinden- und Sehbehindertenverein Westfalen (WBSV) hat einen neuen sehenden Freund. Nemo, ein hübscher Königspudel, hat mit Bravour seine Prüfung als Blindenführhund bestanden und wird den blinden Eperaner künftig sicher auf allen seinen Wegen begleiten. Große Freude nicht nur bei Segbert selbst, sondern auch beim Vorstand der Bezirksgruppe. „Das ist ja toll, dass Du wieder einen so freundlichen Familienzuwachs bekommen hast“, gratulierte Vorsitzender Raimund Kramps (Gescher) im Namen des Vorstandes, der sich auch über neue Perspektiven in der Vereinsarbeit freut.

Von Martin Borck und Norbert Klein

Kommt da etwas aus der Gasse? Dietmar Segbert und Nemo auf dem Weg durch Epe, gefolgt von Trainerin Dagmar Freitag. Foto: Foto: Martin Borck

Die Inzidenzzahlen in der Corona-Pandemie sind rückläufig und lassen die berechtigte Hoffnung zu, dass man sich nun wieder persönlich treffen kann – und nicht nur per Telefonschalte.

Zwei Mal hatte der Vorstand seine Mitglieder von Selm über Dülmen, Coesfeld, Rosendahl, Gescher und Ahaus bis Gronau zu einem virtuellen „Kaffeplausch“ eingeladen – mit großem Erfolg. Spürbar wurde jedes Mal der Wunsch, sich wieder persönlich zu begegnen. „Unsere Stammtische vermissen wir sehr“, hieß es nicht nur einmal. Kramps sieht gute Aussichten, dass die beliebten monatlichen Treffen in Dülmen, Coesfeld und Ahaus bald wieder stattfinden können. Und auch die zwei Mal wegen Corona ausgefallene Mitgliederversammlung als Präsenz-Veranstaltung hat er fest im Blick. „Ich habe für den 30. Oktober einen Termin geblockt“, teilte er in der jüngsten Vorstandssitzung mit. Allerdings unter dem Vorbehalt, dass die Inzidenzzahlen das Treffen zulassen, auf dem wichtige personelle Weichen gestellt werden sollen.

Bis dahin bleibt Dietmar Segbert und seinem Assistenzhund Nemo genug Zeit, um sich weiter aneinander zu gewöhnen. Erst vor wenigen Wochen haben sich die beiden Teile des Hund-Mensch-Gespanns kennengelernt. Das „Beschnuppern“ fiel zur beiderseitigen Zufriedenheit aus, wie Nemo-Trainerin Dagmar Freitag vom „Menschhundteam“ aus Lübeck berichtet. Und auch die weitere Entwicklung zwischen Hund und Herrchen sieht sie mit großer Freude. Freitag: „Es ist ein harmonisches Gespann“. Dabei sei Nemo für einen anderen Besitzer vorgesehen gewesen. Nur: Der liege derzeit mit seiner Krankenkasse über Kreuz, die die Kosten nicht übernehmen will. Kosten, deren Höhe sie mit 32 000 Euro angibt. Die Ausbildung ist schließlich langwierig.

Dagmar Freitag kennt Nemo von klein an – sie züchtet die Hunde. Nemo wurde früh auf seine zukünftigen Aufgaben vorbereitet. „Liebe und Konsequenz“ nennt Freitag das Konzept, mit dem sie vorgeht. Dazu gehöre viel Erfahrung. „Eine Hundeflüsterin? Nein, das bin ich nicht. Aber man muss sich schon mit der Psychologie des Hundes auskennen. Übt man zu viel Druck aus, machen Pudel auch schon mal schnell dicht. Man kann sie nicht in die Aufgabe hineinzwingen.“ Daher weist das Training zunächst viele spielerische Elemente auf. Danach geht es darum, den Hund an das Geschirr zu gewöhnen, und schließlich darum, dass der Begleithund das Auge seines künftigen Besitzers ist. Ein Prozess, der zwei Jahre Training in Anspruch nimmt. Und von Nemo wird allerhand erwartet. Er muss zum Beispiel eventuellen Hindernissen ausweichen – auch wenn sie für ihn selbst allein eigentlich keine wären. Er muss also gelernt haben, sich in die Situation von Dietmar Segbert hineinzuversetzen. Tja, und cool muss er das Gekläffe entgegenkommender Hunde ignorieren.

„Für den Hund ist das wirklich Arbeit“, sagt Segbert. Stressbehaftete Arbeit. Der Stress fällt im heimischen Garten von dem Hund regelrecht ab. Ausgelassen tobt er herum – und freut sich über einen Kauknochen, den er als Belohnung bekommt. Segbert und Nemo sind schon gut eingespielt, schließlich hat Segbert auch Erfahrung. Nemo ist schon der vierte Blindenführhund, der ihm Orientierung und Sicherheit gibt. „Jeder Hund ist anders, hat seinen eigenen Charakter, seine Stärken und Schwächen und Eigenheiten“, sagt Segbert. „Pfützen zum Beispiel“, ergänzt Freitag schmunzelnd, „die mag Nemo gar nicht. Die sind schlecht für seine Locken.“ Um Pfützen macht das Gespann daher einen großen Bogen. Hund und Mensch. Ein wirklich harmonisches Gespann.

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