1. www.azonline.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Nottuln
  6. >
  7. „Mir geht es ums Kindeswohl“

  8. >

Pflegemutter Kerstin Held

„Mir geht es ums Kindeswohl“

Nottuln

„Kinder haben ein Recht auf Familie“, sagt Kerstin Held. Für diese Mission tritt sie politisch ein. Vor allem aber lebt sie diese Haltung – als Pflegemutter. Zwölf behinderte Pflegekinder hat sie schon betreut.

Stephan Werschkull

Kerstin Held hat in den vergangenen Jahren insgesamt zwölf Pflege­kinder betreut. Im Moment kümmert sie sich um vier Jungen und Mädchen zwischen drei und 16 Jahren. Politisch engagiert sie sich für deren Rechte. Foto: Jacobia Dahm

Seit ihrer Kindheit kennt Kerstin Held den Umgang mit Menschen, die eine Behinderung haben. Die Schwester der 45-Jährigen aus Nottuln war schwerbehindert. Mittlerweile lebt Kerstin Held in Norddeutschland. „Moin“ grüßt sie und legt gleich los zu erzählen – Zeit ist Mangelware für sie. Aktuell kümmert sie sich als Pflegemutter um vier Kinder im Alter zwischen drei und 16 Jahren. Insgesamt hat die Westfälin in den vergangenen Jahren zwölf Kinder betreut.

Da ist etwa Cora, deren Mutter synthetische Drogen genommen hat. Ihre Tochter hat einen frühkindlichen Autismus, Epilepsie und eine Tetra-Spastik. Acht Jahre alt ist ­Richard. Er kam mit hohem Blutalkohol in einem Bordell zur Welt. Der Junge hat das Fetale Alkoholsyndrom. Wie auch der sechs Jahre alte Erik, der einmal 14 Stunden am Stück schrie, wie Kerstin Held es in ihrem Buch „Mama Held“ schreibt. Ihr jüngstes Pflegekind heißt Jonathan. Der Dreijährige hat Palliativstatus. Zusammen mit Pflegepersonal für die Intensivbetreuung zweier Kinder stemmt die 45-Jährige die Versorgung ihrer Pflegekinder. Kerstin Held ist eine Kämpferin. Einst stritt sie sich zwei Jahre mit einer Krankenkasse. Grund: Eine THC-haltige Lösung, die Cora beruhigte, sollte her. Am Ende bekam „Mama Held“ die ­ölige Lösung.

Kritik: Gesetzgeber hat behinderte Pflegekinder vergessen

Auch wenn ihr Alltag kaum Lücken lässt: Kerstin Held nimmt sich Zeit für ihr politisches Engagement – „einen Ausgleich“, wie sie sagt. Als Vorsitzende vertritt sie seit sieben Jahren den Bundesverband behinderter Pflegekinder. Ihre Kritik an den gesetzlichen Regelungen? Behinderte Pflegekinder seien in der Gesetzgebung nicht berücksichtigt. „Das sind dann immer Einzelfall-Entscheidungen“, berichtet Kerstin Held. „Da werden Leistungen wie auf einem Basar verhandelt“, klagt sie. Für potenzielle Pflegeeltern fehle jede Verlässlichkeit.

Dabei seien Pflegeeltern Idealisten, schließlich werde man nicht reich mit der Pflege. Oder wie Kerstin Held es sagt: „Reich wird man dabei nicht auf dem Konto, sondern im Kopf.“ Sie fährt mit ernster Stimme fort: „Ich sage es bewusst provokant: Wer so bescheuert ist, dass er ein behindertes Kind aufnimmt, der soll nicht auch noch im Regen stehen­gelassen werden.“

Vor 21 Jahren war die gelernte Ergotherapeutin das erste Mal, wie sie es sagt, „so bescheuert“, ein Pflegekind aufnehmen zu wollen. Sie kannte Sascha aus ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr. Doch die rechtlichen Möglichkeiten fehlten. Mit einer Bundestagspetition sorgte Kerstin Held dafür, dass Menschen wie sie behinderte Pflegekinder aufnehmen dürfen, die zuvor in Heimen gelebt haben. Die Pflegemutter ist überzeugt, dass jedes Kind ein Recht auf Familie hat – egal ob behindert oder nicht. Die Vereinten Nationen sehen dieses Recht vor, doch Deutschland komme dem nicht nach, lautet Kerstin Helds Vorwurf. Seit zehn Jahren engagiert sie sich. So arbeitete sie etwa in der Bundesarbeitsgruppe zum Reformprozess der Sozialgesetzbücher mit. Ihr Wunsch: Kinder mit Behinderung sollen nicht ein reiner Verwaltungsakt sein. Pflegeeltern sollen soziale Unterstützung erhalten.

„Pflegeeltern sind erpressbar“

Aktuell sieht es anders aus. Pflegeeltern eines behinderten Kinds wenden sich selten mit der Bitte um soziale Unterstützung an ein Amt. Warum nicht öfter? Kerstin Held stöhnt: „Es gibt eine Drohung, die im Raum steht. Pflegeeltern sind damit erpressbar, dass das Kind einen Heimplatz bekommt.“ Möglicherweise überforderte Eltern bedeuten Heimplatz fürs Kind, so lautet die Formel des Staats. Dabei will Kerstin Held Heime nicht verteufeln. „Die haben ihre Berechtigung.“ Sie könnten Kindern helfen, die sich im Familienkontext nicht zurechtfinden. Doch Kinder, denen eine Pflegefamilie guttut, in ein Heim zu schicken? Der falsche Weg für sie: „Die Kinder haben ein Recht auf Familie.“ Da gehe es ihr um das Kindeswohl.

Der Vorschlag zur Verbesserung des Kindeswohls vom Ministerium lautet „Verfahrenslotsen“. An dieser Idee stört sie vieles. Angefangen beim Namen („Kinder sind doch kein Verfahren. Das ist Quatsch.“) bis hin zur Frage, woher die Verfahrenslotsen kommen sollen („Sind die alle noch in Hogwarts?“). Feststellen sollen diese Verfahrenslotsen, ob ein „inklusiver Tatbestand“ vorliege. Verwaltungssprache, die Kerstin Held aufregt. „Das ist doch was für Comedy-Sendungen“, sagt sie. Was sie am meisten empört: Wie es besser ginge, macht bereits ein Bundesland vor. Nur übernimmt das aktuell kein anderes Land. Das „Niedersachsen-Modell“ bezeichnet ein Vorgehen, bei dem sich Behörden intern abstimmen und Pflegeeltern nur einen Ansprechpartner haben müssen. Für Kerstin Held ein Idealfall für Pflegeeltern. Doch auch leibliche Eltern könnten davon profitieren. Die Pflegemutter hat ein Beispiel aus erster Hand bei sich wohnen. Der dreijährige Jonathan ist kein Milieu-Kind wie etwa Richard, dessen Mutter eine drogenabhängige Prostituierte war. Jonathans Mutter kommt regelmäßig zu Kerstin Held und kümmert sich um ihren Sohn. Sie habe sich nicht ausreichend um ihren leib­lichen Sohn kümmern können und deshalb eine Pflegemutter gesucht. „Sie hat ihr Kind nicht einfach abgegeben“, greift Kerstin Held einem oft genannten Vorwurf auf. Stattdessen sei es ein heroischer Schritt, wenn eine Mutter ihr leibliches Kind bei einer anderen Frau aufwachsen lasse, um das Wohl des Kindes zu sichern.

Und weil das Wohl der Kinder für Kerstin Held höchste Priorität hat, sind die Pflegekinder seit über einem Jahr daheim. „Wir haben hier in Haus und Garten eine Parallelwelt entwickelt“, berichtet die Pflegemutter. Ein halbes Jahr brauchten einige der Kinder, um sich an die Umstellung zu gewöhnen. Wieder ein halbes Jahr dürfte es nach der Pandemie dauern, damit die Kinder sich wieder ans normale Leben gewöhnen, rechnet Kerstin Held. Auch sie selbst leidet unter der Pandemie. „Die Nacht im Hotel in Berlin, wenn ich wegen einer politischen An­gelegenheit dort war, fehlt mir“, sagt die 45-Jährige. Schließlich gehören solche Nächte zu den wenigen, in denen sie ihre Ruhe hat. Daheim schläft sie immer nur halb, immer in Bereitschaft, falls ein Notfall bei einem ihrer Pflegekinder auftritt.

Bundesverdienstorden für Engagement

Dieses Engagement findet Anerkennung. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeichnete die gebürtige Münsterländerin 2020 mit dem Bundesverdienstorden aus. Fertig ist Kerstin Held deswegen noch lange nicht. Mehr als die Hälfte der potenziellen Pflegefamilien entscheiden sich letztendlich gegen ein behindertes Pflegekind. „Zumeist scheitert es an der gesetzlichen Unsicherheiten“, klagt sie, die über den Bundesverband behindertet Pflegekinder auch an der Vermittlung mitwirkt. Für Kerstin Held ist noch viel zu tun – daheim bei ihren Pflegekindern und in der Politik zugunsten aller behinderten Pflegekinder. Sie schreibt in ihrem Buch über sich selbst, dass sie niemals lockerlässt.

Startseite