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Raja Kumar Santiagu neu im Seelsorgeteam von St. Martin

Schon viele positive Rückmeldungen

Nottuln

Er kommt aus Südindien, spricht aber inzwischen schon hervorragendes Deutsch: Rajar Kumar Santiagu verstärkt das Seelsorgeteam der Pfarrgemeinde St. Martin.

Iris Bergmann

Raja Kumar Santiagu in der Pfarrkirche St. Martinus: Der indische Priester verstärkt das Seelsorgeteam der Pfarrgemeinde St. Martin. Foto: Iris Bergmann

„Ich mache kleine Witze. Und wenn die Leute lachen, dann weiß ich, dass sie mich verstanden haben“, schmunzelt Raja Kumar Santiagu. Eigentlich ist solch ein Test überflüssig, denn der indische Priester spricht ein hervorragendes Deutsch. Und dass seine Predigten in der Pfarrgemeinde St. Martin nicht nur gut verstanden, sondern auch sehr geschätzt werden, bestätigen ihm die positiven Rückmeldungen der Gottesdienstbesucher. Seit etwa einem Monat bereichert Santiagu nun das Seelsorgeteam.

Neuland ist Deutschland für den 47-Jährigen nicht. Seine erste Berührung hatte er schon 2010, als sein Orden ihn nach Recke bei Ibbenbüren entsandte. „Da war die Sprache noch ein Problem“, erinnert er sich, denn er wurde sehr plötzlich nach Deutschland geschickt, sodass im Vorfeld nicht viel Zeit war, um Deutsch zu lernen. „Aber ich hatte das Vertrauen, dass ich die Sprache hier lerne.“ Zweieinhalb Jahre war er in Recke und lebte sich gut ein – auch sprachlich.

„Ich hatte das Vertrauen, dass ich die Sprache hier lerne.“

Schließlich stammt er aus einem Land, in dem es 21 verschiedene offiziell akzeptierte Sprachen gibt. Raja Kumar Santiagu wuchs in dem Dorf Jompanahalli in Südindien auf. Er war das jüngste von sechs Kindern, „der Benjamin“, wie er lächelnd erzählt. Leider verlor er seine Eltern schon früh, sodass diese es nicht mehr erlebten, wie er als Erster in seinem Dorf 2003 zum Priester geweiht wurde. „Priester zu sein, war ein Jugendtraum von mir“, verrät der sympathische Geistliche.

Nach der Priesterweihe hatte sein Orden große Aufgaben für Santiagu. Sieben Jahre war er Schulleiter der Ordensschule. Er engagierte sich unter anderem für Kinder, deren Eltern an Aids erkrankt waren, und unterstützte Selbsthilfegruppen. Sein christlicher Glaube war im überwiegend hinduistisch geprägten Südindien kein Problem. „Südindien ist recht europäisch geprägt in allem.“ Die verschiedenen Religionen leben dort in friedlicher Koexistenz.

Irgendwann wollte ihn sein Orden in die USA entsenden, aber er hatte eher Deutschland im Blick und bekam seinen Wunsch auch erfüllt. Nach den zweieinhalb Jahren in Recke wurde er nach Rees am Niederrhein versetzt, wo er siebeneinhalb Jahre blieb. „Da bin ich dann so richtig angekommen in Deutschland.“ Es sei einfach gewesen, die Mentalität der Rheinländer habe es ihm leicht gemacht.

Siebeneinhalb Jahre in Rees

In dieser Zeit baute er mit der Unterstützung vieler Menschen aus Rees in seiner Heimat Indien unter anderem eine Ausbildungswerkstatt für Tischler auf sowie eine Nähwerkstatt, in der arme Frauen Nähkurse bekommen konnten. „Das war mein Herzensprojekt“, erzählt Raja Kumar Santiagu.

Da es langfristig sein Wunsch war, vom indischen Ordenspater zum Bistumspriester zu werden, musste er einen festgelegten Prozess durchlaufen, und so verließ Raja Kumar Santiagu den Niederrhein, um ein sogenanntes Besinnungsjahr in seiner indischen Heimat zu verbringen. Nun muss er sich drei Jahre als Bistumspriester bewähren – und diese drei Jahre wird er in Nottuln verbringen.

Viel kann er noch nicht über seine neue Heimat sagen, kam er doch mitten in der Pandemie mit all ihren Beschränkungen hier an. „Die Masken machen das Kennenlernen schwerer“, bedauert er. Dennoch lässt der Priester sich nicht abhalten, sich mit Nottuln, Appelhülsen, Schapdetten und Darup vertraut zu machen. Nicht nur, indem er dort Gottesdienste abhält, sondern auch die Friedhöfe besucht. „Das ist meine Leidenschaft“, gibt er zu. Dort könne er schnell mit Menschen ins Gespräch kommen, sich ihren Kummer, ihre Trauer oder auch ihre Freude anhören.

„Masken machen das Kennenlernen schwerer.“

Seine zweite Leidenschaft ist die Musik. Er komponiert geistliche Lieder in seiner Muttersprache Kannada und will sein begonnenes Projekt fertigstellen: die Komposition von 13 Liedern, die er zur Einweihung der neuen Kirche in seiner Heimat begonnen hatte. Das und die täglichen Videoanrufe mit seinen Geschwistern und Freunden im fernen Indien halten das Heimweh in Grenzen.

Die Sorge um die Lieben daheim indes nicht. In Indien wütet die Pandemie besonders stark. Und was ihn beunruhigt ist, dass sich Corona zunehmend von den Städten auf die Dörfer ausbreitet. „Das Problem auf dem Dorf ist die ärztliche Versorgung“, weiß er. „Das nächste Krankenhaus von meinem Dorf ist 25 Kilometer weg, und es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel, viele haben nur ein kleines Moped.“ Aber selbst wenn man ein Krankenhaus erreiche, sei es nicht sicher, dass man eine angemessene Behandlung bekomme.

Raja Kumar Santiagu fühlt sich hier in Deutschland angesichts der Inzidenz und der Maßnahmen gut aufgehoben, wird demnächst auch geimpft. Und er kann durch sein regelmäßiges Einkommen seine Projekte in Indien finanziell unterstützen. Das macht ihn dankbar und zufrieden. Das und die Vorfreude darauf, seine neue Heimat im Sommer besser kennenzulernen. „Ich werde mit dem Fahrrad in alle Orte fahren“, plant der Priester. „Auf dem Rad sieht man mehr“, lächelt er. Nur das momentane kühle Wetter findet er eher weniger lustig.

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