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                Billerbecker Bauer erntet                                    Blumen statt Mais für Biogasanlage

Pionier hebt seinen „GrünSchatz“

BILLERBECK. Die Blütenfülle ist so üppig, als wenn der in diesem Jahr etwas durchwachsene Sommer noch mal alles geben will. Franz Josef Schulze Thier lässt den Blick über seinen Acker schweifen, auf dem keine Feldfrüchte reifen, sondern Wildblumen – blaue Wegwarte, rote Lichtnelke, gelber Alant und viele andere – ihre Köpfe der Sonne entgegenstrecken. Der „Hingucker“ für Naturfreunde aus der Nachbarschaft war die bunte Pracht in den letzten Wochen. Noch mehr fliegen Insekten darauf. Es surrt und summt. Auf einmal steigt ein Schwarm Distelfinken aus dem hinteren Bereich des Feldes auf. „Die ernten die Wilde Karde ab“, lacht Schulze Thier. Schon in wenigen Tagen will auch der Bauer aus Westhellen seinen „GrünSchatz“ heben. Denn die Wildblumen sind nicht nur eine Augenweide, sondern sollen im Rahmen eines Regionale-Projektes als Alternative zu Mais in einer Biogas-Anlage verwertet werden. „Auch wilde Pflanzen geben Gas“, berichtet der Landwirt. Ein wenig Wehmut erfasst Schulze Thier schon, wenn er daran denkt, dass in Kürze alles abgemäht wird – aber das gehört zum Kreislauf dazu, den er als einer der „GrünSchatz“-Pioniere zum Laufen bringen will.

Detlef Scherle

Die Stauden sind mittlerweile mannshoch geworden, wie Schulze Thier hier an einer Wegwarte zeigt. Fotos: ds Foto: az

Angefangen hat alles mit dem Netzwerk „Lebensraum Feldflur“, das in Bayern begründet wurde und dem mittlerweile zahlreiche Landesjagdverbände und Jagd-Organisationen, Energieversorger von E.ON bis Naturstrom sowie Kommunen und Saatguthersteller angehören. Schulze Thier hörte zum ersten Mal 2011 davon, als es beim Landesjagdverband vorgestellt wurde. „Mir war sofort klar: Da mache ich mit!“ erinnert sich der passionierte Waidmann. Denn mit dem Einsatz von Wild- als Energiepflanzen auf dem Acker können aus seiner Sicht gleich zwei Ziele erreicht werden: Heimische Wildtiere – nicht nur die jagdbaren – finden auf den Flächen Nahrung und Deckung. Gleichzeitig fallen sie – wie bei den bislang geförderten Blühstreifen und Lerchenfenstern – nicht ganz aus der landwirtschaftlichen Nutzung heraus, sondern können anstelle von Mais „Gas geben“. Wie wirtschaftlich das ist, wird nun seit 2015 bei dem Regionale-Projekt „GrünSchatz“ auch wissenschaftlich erforscht. Als einziger Landwirt im Kreis Coesfeld macht Schulze Thier mit. Darüber hinaus werden in Coesfeld Flächen der Stadt auf diese Weise bewirtschaftet und untersucht.

Schulze Thier hat bereits 2012 seine ersten Flächen angesät – mittlerweile sind es knapp fünf Hektar. Im ersten Jahr standen einjährige Pflanzen wie Sonnenblumen im Blickpunkt. Mittlerweile dominieren Stauden. Der Schnitt erfolgt jetzt nach der Vollblüte, um genug Zeit zu haben, nochmals bis zum ersten Frost kräftiges Grün zu entwickeln, um den Tieren auch im Winter Unterschlupf zu gewähren. Der Landwirt: „Außerdem ist jetzt die zu erwartende Gasausbeute am größten.“

Vor allem an die Fasane denkt Schulze Thier. Die Bestände in der Region seien seit Jahren rückläufig. Die Tiere litten besonders im Frühjahr unter der immer größeren Insektenarmut. „Die Küken brauchen tierisches Eiweiß“, weiß der Vorsitzende der Kreisjägerschaft, der inzwischen auch Vertreter der Niederwildregion Münsterland im Vorstand des Landesjagdverbandes ist. „In diesem Jahr hat es eine Fasanenhenne geschafft, ihre Jungen groß zu ziehen“, berichtet er über erste sichtbare Erfolge seines Engagements. Und auch bei nicht jagdbaren Arten gibt es solche: „Ein Feldlerchenpärchen hat vier Junge aufgezogen“, habe ihm der Wissenschaftler der Universität Münster, der die Flächen regelmäßig untersucht, bestätigt.

Jetzt braucht es aus seiner Sicht vor allem breite Akzeptanz für das Projekt, damit es zum Erfolgsmodell werden kann. Dafür wirbt er bei seinen Landwirts-Kollegen. Er macht aber auch deutlich, dass am Ende das wirtschaftliche Ergebnis stimmen muss. „Es muss eine ordentliche finanzielle Unterstützung geben“, fordert er, denn die gleichen Biogas-Erträge wie beim Mais ließen sich wohl nicht erzielen. „Aber das sollte es uns allen Wert sein.“ Kontraproduktiv findet er, wenn Naturschützer Flächen zunehmend „befrieden“ und aus der Jagd herausnehmen wollten. Zumindest einen kleinen Teil wollten die Jäger am Ende auch „ernten“ – „ohne das wird es keine Akzeptanz für das Projekt geben“. | www.Lebensraum-Feldflur.de

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