Pfarrer Klemens Schneider: Abschied von Senden

Klare Worte zu klaren Positionen

Senden

Pfarrer Klemens Schneider verlässt Senden nach elfjährigem Wirken. Im WN-Interview bezieht er zu vielen kirchenkritischen Fragen deutlich Stellung.

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Die Ökumene in Senden mit Leben zu erfüllen, war Klemens Schneider (r.) ein wichtiges Anliegen. Ein Beispiel dafür lieferte die Osterkerzenaktion im vorigen Jahr mit Stefan Benecke, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Senden. Foto: Siegmar Syffus

Er kam mit einem klaren Auftrag: Mit der Zäsur durch den personellen Wechsel sollte St. Laurentius zu einer „Großgemeinde“ zusammengefügt werden. Nach elf Jahren verlässt Klemens Schneider als Leitender Pfarrer die Kirchengemeinde St. Laurentius. Eine Zeit, in der er tiefe Spuren hinterlassen hat, – nicht nur als „Pfarr-Manager“, der Strukturen verändert und beispielsweise auch die bauliche Modernisierung der Pfarrkirche vorangetrieben hat, sondern der als Seelsorger Herzen berührt und zur Mitarbeit in einer lebendigen Gemeinde animiert hat. Über die Zeit in Senden sprach WN-Redakteur Dietrich Harhues mit dem scheidenden Geistlichen.

Worin bestehen die deutlichsten Veränderungen, seit Sie die Pfarrgemeinde St. Laurentius übernommen haben?

Schneider: Eindeutig in der Fusion der vier bisher selbstständigen Kirchengemeinden: in Bösensell – Ottmarsbocholt – Senden und Venne. Das war keine Liebesheirat. Ist aber relativ gut gelaufen, weil sie für viele Gemeindemitglieder einsichtig gewesen ist, weil viele bereit waren, auch neue Wege zu gehen.

Was waren die herausragendsten Ereignisse sowohl in erfreulicher als auch in bedrückender Hinsicht?

Schneider: Etliche Gottesdienste, zum Beispiel der Osternachtsgottesdienst auf dem Waldfriedhof während der Umbauphase der Kirche. Gottesdienst im Rahmen der Sommerkirche. Gemeindefahrten nach Assisi, Rom, Israel, Lourdes, Santiago de Compostela. Wanderexerzitien und Oasentage, die Reise mit der Aktion Hoffnungsschimmer an die syrische Grenze, der Live-Gottesdienst im Deutschlandfunk aus Bösensell, die Morgenandachten im WDR. Bedrückend, die skandalösen Missbrauchsfälle, Unbeweglichkeit, Schwerfälligkeit und Verkrustungen auf den unterschiedlichen Ebenen der Kirche.

Eindrrücke von der Not in den Flüchltingslagern gewinnen und helfen: Pfarrer Klemens Schneider auf einer Reise mit Aktion Hoffnungsschimmer im türkisch-syrischen Grenzgebiet. Foto: Harhues

Was kennzeichnet das Gemeindeleben in St. Laurentius besonders?

Schneider: Jede Gemeinde hat ihr eigenes Gesicht und ihre eigene Prägung aufgrund ihrer Geschichte. Für mich immer wieder anregend und spannend und immer wieder auch eine neue Herausforderung. In der Venne kennt jeder jeden, Ottmarsbocholt ist noch sehr ländlich geprägt und zeichnet sich aus durch ein vielfältiges und lebendiges Vereinsleben. In Bösensell wohnen viele Menschen, die nach Münster ausgerichtet sind, weil sie dort arbeiten. Auch in Senden sind sehr viele Menschen zugezogen, auch hier gilt es, auf sie zuzugehen und Gemeinschaft zu fördern.

Wo liegen die Herausforderungen, denen sich die Pfarrgemeinde in Senden, denen sich aber auch die katholische Kirche an sich stellen muss?

Schneider: Die Missbrauchsfälle müssen weiter aufgearbeitet werden. Die Stellung der Frau in der Kirche muss sich ändern. Meine Überzeugung: Es spricht nichts dagegen, dass Frauen die Weihen empfangen. Verheiratete Priester kann ich mir gut vorstellen, und auch dagegen spricht nichts. Umgang mit Macht. Abbau von Klerikalismus, verstärkte Ausrichtung auf die Notleidenden hier bei uns und weltweit sind Herausforderungen. Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts. Eine neue Sprache in unseren Gottesdiensten, die bei den Menschen ankommt, ist erforderlich.

Und speziell in Senden?

Schneider: Hier in Senden wird es weiterhin darauf ankommen, Wege zu finden zwischen Eigenständigkeit der jeweiligen Teilgemeinde und Gemeinsamkeiten in der fusionierten Großgemeinde. Neben allen Strukturdebatten – die mir sehr wichtig sind – scheint mir die entscheidende Frage zu sein, ob ich den christlichen Glauben als Hilfe für mein Leben erfahren kann. Ich ärgere mich auch über so vieles in unserer Kirche: Aber es gibt auch viel Schönes und Erfreuliches. Das möchte ich nicht übersehen. Durch ehrenamtliche, engagierte Gemeindemitglieder bekommt das Herz oft Hände. Da ist das karitative Engagement, da sind die Besuchsdienste bei Alten und Kranken, da ist der Einsatz der Sozialverbände für eine größere Gerechtigkeit in der Welt, da sind die Kinder- und Jugendgruppen, die Partnerschaften mit Gemeinden in der sogenannten Dritten Welt und vieles mehr. Soziale Netze, die tragen und helfen.

Bei der Bewegung Maria 2.0 oder auch mit der Regenbogen-Fahne an der Pfarrkirche St. Laurentius haben Sie sich als Leitender Pfarrer und Dechant klar positioniert. Erfordert diese Haltung besonderen Mut gegenüber dem Bischof?

Schneider: Dazu musste ich keinen besonderen Mut aufbringen.

Wie wird diese Haltung in der Pfarrgemeinde wahrgenommen, wie sind dazu die Reaktionen?

Schneider: Überaus positiv. Da gab es viele positive Rückmeldungen bis hin zu offenen Gesprächen, in denen Menschen erzählt haben, dass es auch in ihren Familien gleichgeschlechtliche Partnerschaften gibt.

Mit welchem Gefühl blicken Sie auf den Abschied von St. Laurentius?

Gottesdienste in allen Teilgemeinden

Zum Abschied von Klemens Schneider werden auf dessen Wunsch Gottesdienste in allen Teilgemeinden gefeiert: am 24. Mai (Pfingstmontag) um 10.30 Uhr in Ottmarsbocholt; am 25. Mai (Dienstag) um 19 Uhr in der Venne; am 29. Mai (Samstag) um 18.30 Uhr in Senden; und am 30. Mai (Sonntag) um 10 Uhr in Bösensell. Alle Gottesdienste sollen, wenn es das Wetter erlaubt, unter freiem Himmel begangen werden: im Garten des Pfarrheims St. Urban; am Spieker; im Bürgerpark und auf dem St.-Johannes-Kirchplatz.

Schneider: Mir ist noch kein Abschied so schwer gefallen wie dieser. Da wird das Herz schon schwer. Ich bin gerne hier gewesen. Dankbar bin ich unserem Seelsorgeteam, Frauen und Männer mit Talent und Begabung, die das Gemeindeleben bereichern, und vielen Ehrenamtlichen in unseren vier Teilgemeinden für ihr Vertrauen und für gute Zusammenarbeit.

Was waren die Gründe, um das Bistum um die Entbindung vom Amt des Leitenden Pfarrers zu bitten?

Schneider: Ich werde in diesem Jahr 68 Jahre. Man muss wissen, wann die Zeit reif ist für einen Wechsel.

Liegt Ihnen eine weitere Verbundenheit mit der Pfarre am Herzen?

Schneider: Ja. Sicherlich werde ich nach meinem Weggang noch Kontakte und Freundschaften pflegen.

Was würden Sie Ihrem Nachfolger besonders mit auf dem Weg geben, ihm ans Herz legen?

Schneider: Finde die, die ausgetretene Pfade verlassen wollen und zum Aufbruch bereit sind. Geh mit ihnen neue Wege in die Zukunft, damit die Menschen den christlichen Glauben als Schatz für ihr Leben – als Lebensbereicherung – entdecken können. Immer nur zurückzublicken, führt nicht voran.

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