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Prostitution: Beratungsstelle hofft auf finanzielle Unterstützung

„Tamar“ in der Klemme

Kreis Coesfeld

Die Prostituierten-Beratungsstelle Tamar steckt in einem Finanzierungsproblem. Die bisherige Förderung durch die Aktion Mensch läuft aus – nun fürchtet Pfarrerin Birgit Reiche, die Tamar mit gegründet hat, das Aus, wenn die Kreise im Münsterland keine Unterstützung bieten. „Wir haben noch eine Verlängerung von der Aktion Mensch bekommen, so dass wir bis zum 30. September unsere Arbeit fortführen können“, berichtete Reiche im Fachausschuss. 176 000 Euro fehlen pro Jahr, um die beiden Stellen zu finanzieren.

Von Viola ter Horst

Die Prostituierten-Beratungsstelle Tamar begleitet Frauen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten. Die Finanzierung ist nicht mehr gesichert. Im Kreis Coesfeld hatte Tamar am meisten zu tun – es gab seit 2018 die meisten Beratungen im Münsterland. Foto: Foto: dpa

Seit 2018 begleiten und unterstützen die Mitarbeiterinnen der Prostituierten-Beratungsstelle Frauen im Münsterland, die in Clubs, Bars, Wohnungen und Wohnwagen sexuelle Dienstleistungen anbieten. Träger der Beratungsstelle ist die Evangelische Frauenhilfe in Westfalen e.V.

Auf den Kreis Coesfeld würden 24 000 Euro pro Jahr entfallen. Dabei leistet Tamar im Kreis Coesfeld mit Abstand die meisten Beratungen im Münsterland: Von 581 entfielen 221 auf den Kreis Coesfeld seit 2018 (Münster 108, Kreis Borken 90, Kreis Steinfurt 90, Kreis Warendorf 68). „Das hat damit zu tun, dass es hier ein, zwei größere Betriebe gibt“, so Reiche. Dennoch müsste der Kreis Coesfeld am wenigsten zahlen, weil Tamar die Mittel nach Einwohnerzahlen berechnet hat.

„Die Beratung hat sich etabliert“, sagte Reiche. Tamar komme zu den Frauen – eine aufsuchende Hilfe, um die Frauen überhaupt zu erreichen. Prostitution ist mit viel Scham verbunden. Ein stigmatisierter Bereich, verschärft noch dadurch, dass viele der Frauen aus Rumänien, Polen, Russland und Bulgarien stammen. „Die Probleme sind komplex, es handelt sich um eine zeitintensive Beratung“, so Reiche. Tamar informiere die Frauen über ihre Rechte und ihre gesetzlichen Pflichten, unterstütze sie bei Behördengängen und leiste auch Ausstiegsberatung. Eine A- bis Z-Beratung – und die einzige Beratungsstelle in der Region. Die Kreisverwaltung bestätigt: „Bei dieser sehr zeitintensiven Tätigkeit hat Tamar im Kreis Coesfeld in den vergangenen Jahren die gesetzliche Beratungstätigkeit fachlich gut ergänzt.“ Seit 2017 gibt es mit dem Prostituiertenschutzgesetz auch besondere Verpflichtungen, sich um diesen Personenkreis zu kümmern.

In der Coronakrise war Tamar besonders gefragt. Die Prostituion war zeitweise verboten, die Frauen mussten in der Existenzsicherung unterstützt werden. „Die Kolleginnen haben am Wegesrand Tische und Stühle rausgestellt, um die Kontakte zu halten“, berichtete Pfarrerin Reiche.

Ob die Politik dem Finanzierungsvorschlag von Tamar zustimmt, ist noch nicht klar. Die Beratung darüber findet noch statt. Auch die Abstimmungen unter den Kreisen und der Stadt Münster laufen noch.

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