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70 Jahre Al-Anon-Selbsthilfe: Angehöriger will Gruppe im Kreis Coesfeld gründen

Vom Leid der Alkoholsucht

Kreis Coesfeld

Peter V. saß an diesem Tag zitternd auf dem Stuhl. Er konnte nicht mehr. Der Notarzt, der Krankenwagen mal wieder. Die Polizei. Wo die betroffene Person sei, wollten sie wissen. Die betroffene Person, das war Lilly. Seine Frau. Betrunken. Bis zum Exzess hatte sie getrunken. Bis zur Bewusstlosigkeit. Selbstmordgefährdet. Er hatte den Notruf gewählt. Nun wurde sie abgeholt von zu Hause. „Sie können hinterherfahren“, haben sie ihm noch gesagt. Hinterher, hinter dem Krankenwagen her, der sie mit Blaulicht wegbrachte. „Es war so grausam, so schrecklich, so schamvoll“, berichtet Peter V. Seine Stimme stockt, es nimmt ihn immer noch mit. Dabei liegt alles weit über 20 Jahre zurück. Die Ehe ist längst geschieden. Der Alkohol zerstörte die Beziehung.

Von Viola ter Horst

Wenn Alkohol zur Sucht wird, ist nicht nur der Alkoholkranke betroffen, sondern auch Angehörige und Freunde. Im Kreis Coesfeld soll eine Al-Anon-Gruppe entstehen. Die Selbsthilfeinitiative gibt es schon seit 70 Jahren. Foto: Foto: dpa

Peter V. engagiert sich in der Angehörigen-Selbsthilfe Al-Anon Familiengruppen. Er lebt in einem Baumberge-Ort im Kreis Coesfeld und weil Anonymität oberstes Gebot der Angehörigen-Selbsthilfe ist, möchte er, dass auch in der Zeitung nicht sein echter Namen steht. Auch Lilly heißt in Wirklichkeit anders.

Alkoholsucht trifft nicht nur den Betroffenen selber, sondern auch die Familie und die Freunde. Peter V. wusste das, aber lange traute er sich nicht, Hilfe zu holen. Dreimal stand er vor der Caritas-Beratungsstelle „und drehte jedes Mal um und ging nicht rein“, erzählt der heute 67-Jährige. Beim vierten Mal klappte es, „und alles, was die Beraterin sagte, war richtig. Aber ich begriff es damals noch nicht“. Nicht, wie seine Frau als Alkoholikerin wirklich tickte. Nicht, dass er ihr nicht helfen konnte. Nicht, dass auch er Hilfe benötigte. Einen Austausch. Leute, die einfach nur zuhören. Diese Menschen fand er schließlich in der Al-Anon-Familiengruppe. Seit 70 Jahren existiert diese Selbsthilfegemeinschaft, die explizit für Angehörige und Freunde von Alkoholkranken da ist. „Es gibt dort keine klugen Ratschläge“, sagt Peter V. „Aber Trost und Unterstützung. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft.“

Im Kreis Coesfeld existiert schon länger keine Al-Anon-Gruppe mehr, Peter V. würde das gerne ändern und freut sich auf interessierte Angehörige und Freunde von Alkoholkranken. Mit Unterstützung der Selbsthilfe-Kontaktstelle des Paritätischen im Kreis Coesfeld soll der Anfang gemacht werden. Auch bei der Suche nach einem Raum. „Der Rest findet sich.“

Bei Peter V. dauerte es lange, bis er soweit war, sich für einen Austausch zu öffnen. Soweit vor allem, bis er einsah, dass er seiner Frau nicht helfen konnte. „Ich liebte sie schließlich“, sagt er. „Mein oberstes Ziel war, ihr zu helfen, damit sie nicht mehr trinkt. Ich wollte, dass sie aufhört.“ Jeder liebende Partner denkt so, sagt er. „Aber meine Frau war zu stolz, um die Krankheit anzunehmen.“ Sie gestand die Sucht nicht ein, auch vor ihrem Mann nicht. Immer wieder erklärte sie, sie trinke nicht zu viel. Dass nur er das meine. Sie sagte es auch dann noch, wenn sie schon eine Flasche hochprozentigen Schnaps getrunken hatte. „Sie hatte Verstecke, sie sorgte dafür, dass immer was da war. Wenn ich den Alkohol in den Ausguss schüttete, tat sie, als mache es ihr nichts aus. In Wirklichkeit hatte sie irgendwo Proviant.“

Dass der Alkohol nicht nur seine Frau zerstörte, sondern auch ihn krank machte, musste er erst erkennen. Dass er nicht mehr konnte. Die eigene Machtlosigkeit vor der Alkoholkrankheit. Die Gruppe half ihm beim Umdenken. „Ich musste verstehen lernen, dass meine Frau für die Konsequenzen ihres Trinkens selber verantwortlich war.“

Am Ende zog Lilly aus. Mit ihr ihr Freund Alkohol. Er hatte gewonnen. Das ist über 15 Jahre her. Peter V. leidet noch immer, wenn er an die Zeit denkt, es fällt ihm schwer, darüber zu erzählen. In diesem Jahr im Juni, so erfuhr er, ist Lilly gestorben.

Wie und warum sie alkoholkrank wurde, kann Peter nicht sagen. „Das entwickelte sich schleichend.“ Anfangs versuchte er die Fassade aufrecht zu erhalten. „Ich habe mich geschämt“, sagt er. Geschämt, als ihre Hände bei der wöchentlichen Kartenrunde so sehr zitterten, dass sie die Karten kaum noch halten konnte. Sie hatte ständig Ausreden, „ich machte das Spiel mit“. Wenn sie nicht arbeiten konnte, weil sie getrunken hatte, rief er im Betrieb an, um zu sagen, dass es ihr nicht gut gehe. „Ich nannte nicht die Alkoholkrankheit als Grund.“

Peter V. sagt, dass Lilly selbst, als sie mit dem Krankenwagen abgeholt wurde, nicht von Alkoholsucht sprach. Selbst dann nicht, als sie in die Psychiatrie zwangseingewiesen wurde.

Mehr als 25 Jahre war er mit Lilly verheiratet. „Wir waren von jung an zusammen.“ Viele Jahre dauerte der alkoholische Leidensweg. Viele Jahre Hoffnung, Kliniken, immer wieder Hoffnung. Bis nur noch die Trennung blieb.

0 Angehörige von Alkoholkranken, die Interesse daran haben, sich im Kreis Coesfeld zu treffen: Kontakt: Tel. 0160/4064076.

Selbsthilfe für Angehörige

Die weltweite Selbsthilfegemeinschaft für Angehörige und Freunde von Alkoholikern ist vor 70 Jahren in Amerika gegründet worden. Die Bezeichnung „Al-Anon Familiengruppen“ leitet sich ab von „Alcoholics Anonymous Family Groups“. In Deutschland gibt es rund 500 Al-Anon-Gruppen. Der Besuch der Gruppe soll die Selbstverantwortung der Angehörigen stärken. Der Austausch hilft, über die Alkoholkrankheit mehr zu erfahren. Kennenlernen kann man die Initiative auch beim kreisweiten Selbsthilfetag NRW am Samstag (7.8.) in Dülmen in der Innenstadt. In den Talkrunden (11 bis 15 Uhr) stellen sich auch Al-Anon-Gruppen vor. 0 Kontakt: Tel. 033878/907440.

https://al-anon.de

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