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Von der Fläche in den Raum: Arbeiten von Norbert Thomas / Renommierter Vertreter der konkreten Kunst

Winkel nach System

Kreis Coesfeld

Der Anfang ist immer ein Raster, das er dünn mit Bleistift aufträgt – ein quadratisches wie die Seiten im Rechenheft. Und Winkel. Norbert Thomas zieht Kärtchen, auf denen der Grad des Winkels notiert ist und dann fängt er an, sein Bild zu gestalten. Die Winkel zu malen. „Das System habe ich schon in meiner Studentenzeit in den 70er Jahren entwickelt“, sagt er gestern im Pressegespräch in Billerbeck. Seitdem wendet er es an. Es ist nie langweilig geworden. Es lässt immer wieder neue Bilder entstehen. Sie sehen alle anders aus, es entstehen neue geometrische Formen, Abstände, Farben, Figuren. Manchmal entnimmt Thomas sie auch dem Bild und konstruiert eine Skulptur. Die kann sich auch schon mal über mehrere Stockwerke ziehen.

Von Viola ter Horst

Das Bild „Billerbeck“ folgt strengen Vorgaben, nach denen Künstler Norbert Thomas vorgeht. Er zählt zu den renommierten Vertretern der konkreten Kunst. Foto: Foto: Viola ter Horst

„Von der Fläche in den Raum“ heißt denn auch die neue Ausstellung mit Werken des renommierten Künstlers, die der Kreis Coesfeld ab Sonntag (12. September) in der Kolvenburg in Billerbeck präsentiert. Thomas zählt zu den bekannten Vertretern der konkreten Kunst und war in zahlreichen internationalen Ausstellungen vertreten.

Warum er seine eigene Systematik entwickelte? „Ich wollte Strenge, aber auch einen einkalkulierten Zufall, mit dem die ursprüngliche Geometrie aufgelöst wird“, erklärt er. Für Willkür und künstlerische Freiheit ist kein Platz. Manchmal gibt es Farben, auch die sind auf den Kärtchen notiert. Manchmal sind seine Bilder schwarzweiß. So wie „Billerbeck“, das extra für die Ausstellung in der Kolvenburg entstand. „Die jeweils letzte Atelierarbeit nenne ich immer nach dem Ort, wo ich ausstelle“, erklärt Thomas. Auf dem ersten Blick könnten die geometrischen Figuren auch eine Vogelperspektive einer Stadt widerspiegeln – aber gerade solche Abstraktionen sind ganz und gar nicht das Metier von Thomas. Das Bild hätte ebensogut Kolvenburg heißen können oder gar keinen Titel haben. „Konkrete Kunst will eben nicht abstrahieren“, sagt Thomas. Es geht nicht um Gefühle, es geht nicht um etwas Vorhandenes, das umgesetzt wird, nicht um etwas Symbolisches, nicht um die Abbildung von Wirklichkeiten. Es geht um das System, das Thomas umsetzt, immer wieder um das System. Um die Winkel zwischen 0 und 360 Grad, die er aufträgt, so, wie es die Karten jeweils anzeigen. Um die Abbildung von Strukturen. Er bezeichnet sein Tun visuelle Forschung. Eine Idee, die er konkretisiert. Höchstens fragt er, ob dieses System Grenzen hat. Inwieweit er sie überschreiten kann. Inwieweit er noch reduzieren kann. „Aber jedes Bild muss ich wieder zurück zur Ausgangsform, zum ersten Winkel, führen können“, sagt er.

Manchmal, wenn das Bild fertig ist, gefällt es ihm nicht, was aus den Vorgaben herausgekommen ist. Dann ist es eben nichts geworden. „Norbert Thomas hat ein ausgesprochen gutes Gefühl für Ästhetik“, erläutert Kulturreferentin Swenja Janning. Mit seinen Gemälden, Grafiken und Skulpturen erwartet das Publikum „ein spannendes Wechselspiel mit der mittelalterlichen Architektur der Kolvenburg“, sagt Kulturdezernent Detlef Schütt, der am Sonntag die Gäste zur Eröffnung begrüßt. Die alten Gemäuer, die so gar nicht (mehr) einem strengen Muster folgen, bilden einen Kontrast zu den Arbeiten, „das ist eine tolle Herausforderung“, findet Thomas, der 1947 in Frankfurt geboren wurde und in Essen lebt. Er absolvierte sein Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Kassel. Ab 1987 lehrte er selbst. In der Ausstellung sind Arbeiten zu sehen, die zwischen 1970 und 2021 entstanden sind.

0 Eröffnung 17 Uhr. Einführung Kunsthistorikerin Dr. Gabriele Hovestadt. Bis 31. Oktober.

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