1. www.azonline.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Greven
  6. >
  7. Die Familien stehen unter Stress

  8. >

Wie Menschen mit Behinderung in der Corona-Krise leben

Die Familien stehen unter Stress

Greven

Menschen mit Behinderung leiden in der Corona-Pandemie besonders. Wir sprachen mit Vertretern der Lebenshilfe in Greven über die besondere Ausnahmesituation.

wn

Bild: (v.l.): Jan Tietmeyer, Nora Linden, Marita Dirks-Kortemeyer und Klaus Gellenbeck Foto: Lebenshilfed

Corona – die Pandemie hat auch das Leben vieler Menschen mit Behinderungen verändert. Die Arbeit in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung war unterbrochen, Freizeitaktivitäten konnten nicht stattfinden, die individuelle Betreuung war nur unter Auflagen möglich. Unser Redaktionsmitglied Günter Benning sprach mit Prof. Dr. Klaus Gellenbeck, Aufsichtsratschef der Lebenshilfe des Kreises, Nora Linden aus dem Lebenshilfe-Vorstand und Marita Dirks-Kortemeyer, „Urgestein“ des Vereins und ebenfalls im Vorstand über die aktuelle Situation.

Exklusion statt Inklusion

Menschen mit Behinderung unterliegen während der Corona-Zeit, wie alle, einer Exklusion. Das Gegenteil der gewünschten Inklusion. Wie macht sich das bemerkbar?

Klaus Gellenbeck: Viele Menschen mit Behinderung – nehmen wir mal meinen Sohn – benötigen eine klare Struktur, einen gewohnten Tagesablauf, in dem man sich auskennt und wohlfühlt. Das hat mit Kontakten zu tun, aber auch mit klaren Terminen zu festen Zeiten. Ich bin sehr glücklich, dass mittlerweile wieder alle in die Werkstatt gehen können und wir bei der Lebenshilfe viel Unterstützung bekommen…

Das war zwischendurch anders?

Gellenbeck: Ja, mein Sohn war knapp drei Monate zuhause. Es gibt auch Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Konstitution gefährdeter sind und seit über einem Jahr zuhause sind oder waren. Das ist für viele ganz schlimm, weil die Menschen eh schon Strukturprobleme haben. Viele Menschen mit Behinderung haben ja in dem Sinne keinen Freundeskreis, wie es Menschen ohne Behinderung zumeist haben.

Und auch digitale Kommunikation – per Video – ist sicher selten möglich?

Gellenbeck: Bei einigen geht das. Mein Sohn ist bei den Kickerfreunden von Lebenshilfe und Greven 09 aktiv, die machen jeden Sonntag von 10 bis 10.30 Uhr Online-Training. Von den 23 Spielern und Spielerinnen, die wir da haben, ist immer die Hälfte dabei. Das ist der Höhepunkt der Woche. Man sieht sich, man freut sich. Aber es gibt auch welche aus den verschiedenen Gruppen – zum Beispiel der Schwimmgruppe – die die Angebote total ablehnen oder mit der Technik nicht klarkommen.

Bleiben also nur die Familien?

Thema Langeweile

Gellenbeck: Ja, und die stehen total unter Stress. Vieles andere findet ja auch nicht statt. So hat mein Sohn in normalen Zeiten einmal in der Woche einen Betreuer vom familienunterstützenden Dienst (FUD), mit dem er sich trifft. Auch das findet nicht statt, oder nur am PC. Aber das ist kein wirklicher Ersatz.

Sich zu beschäftigen, fällt sicher schwer?

Petra Stange (Mitte) und Günter Brinker beim letzten „Karneval mit Herz“. Für das Prinzenpaar, das auf der großen Karnevalsparty im Ballenlager Anfang Februar ausgelost wurde, war die Fahrt auf dem Karnevalswagen eine Premiere. Foto: Lebenshilfe

Gellenbeck: Ja, das Hauptthema ist die Langeweile. Da ist eine große Herausforderung für die Lebenshilfe.

Frau Linden, auch Sie haben eine Schwester, mit geistiger Behinderung. Wie erlebt sie diese Zeit?

Nora Linden: Meine Schwester wohnt selbstständig, sie wird von der Lebenshilfe begleitet. Während der Werkstatt-Schließungen hat sie teilweise im Home-Office gearbeitet. Das heißt dann nicht, dass sie Zuhause am Laptop sitzt. Das geht in Richtung manueller Heimarbeit. Aber viele gewohnte Lebensinhalte waren in dieser Zeit nicht möglich.

Freizeit eingeschränkt

Was heißt das?

Linden: Sie hat eigentlich eine Begleitung, mit der sie Freizeitaktivitäten macht. Meine Schwester ist unternehmungslustig, aber sie braucht Orientierung. Früher sind sie nach Münster oder Rheine gefahren, in den Zoo, Kaffeetrinken, Shoppen gehen. Das geht nicht mehr. Ein Problem ist auch, bei der Flut an Veränderungen hinterherzukommen. Was geht heute, was geht morgen nicht mehr? Dass sich viele Sachen so schnell ändern, ist eine enorme Herausforderung.

Sicher versteht auch nicht jeder Mensch mit Behinderung ein abstraktes Konzept wie das Corona-Virus?

Linden: Ich erlebe es ja schon bei meinem kleinen Sohn, wie schwer es ist, etwas zu erklären, was man nicht sieht und das so in unser Leben eingreift. Man muss erst einmal verstehen, warum das Virus uns so eingrenzt.

Wie kommen die betroffenen Eltern mit dieser Situation klar?

Fußballturnier mit Behinderten in der Soccerhalle Greven Foto: Stefanie Behring

Marita Dirks-Kortemeyer: Das war anfangs ein großes Problem, weil wir alle Ängste hatten. Unsere Angebote im familienunterstützenden Dienst wurden gar nicht in dem Maße abgerufen, wie wir es gewohnt waren. Man wollte niemand anderen ins Haus lassen.

Ist das noch so?

Dirks-Kortemeyer: Das hat sich im Laufe des Jahres geändert. Man kann jetzt nicht gemeinsam ins Café gehen, aber doch mal miteinander spazieren gehen. Das hilft Familien auch. Wir haben auch sehr früh die freiwilligen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit Masken ausgestattet. Sie waren die Ersten, die wir zum Impfzentrum schicken konnten, weil im Bereich Pflege und Unterstützung im Alltag eingesetzt sind. So konnten wir phasenweise für ein bisschen Teilhabe sorgen.

Gab es Erleichterungen für die Eltern?

Freie Tage für Eltern

Dirks-Kortemeyer: Teilweise konnten Eltern von Menschen mit Behinderungen mehr Krankentage in Anspruch nehmen. Gesetzlich gab es da Möglichkeiten. Trotzdem bleibt es ein Balanceakt für die Familien.

Wie sieht es mit dem Impfen aus?

Dirks-Kortemeyer: Menschen mit Behinderungen gehören zur Impfgruppe 2. Sie sind zum größten Teil bereits über die Werkstätten geimpft worden. Wir konnten auch einige zum Impfen mitbringen, die aus Altersgründen nicht mehr in den Werkstätten arbeiten oder die nicht in den Werkstätten beschäftigt sind. In diesen Kontext gehören aber auch die pflegenden Angehörigen, die den Hauptjob machen. Da haben wir einen großen Hudel erlebt. Sie wurden relativ allein gelassen.

Gellenbeck: Wichtig ist, dass wir die betroffenen Leute mit viel Herzblut unterstützen, damit sie auch das bekommen, was ihnen rechtlich zusteht.

Zur Aufgabe der Lebenshilfe gehören Gemeinschaftsaktivitäten. Ist das alles ausgefallen?

Linden: Gott sei dank nicht alles. Im Sommer sind wir in den Urlaub gefahren. Viele Gruppen konnten sich treffen, aber in einem kleinen Zeitraum. Im Winter war dann Schluss. Und die Betreuungsgruppen sind noch nicht angefangen. Aber wir hoffen, dass wir in diesem Sommer wieder Ferienreisen machen können.

Die Lebenshilfe hat ja auch Tandem Berater und Beraterinnen, die anderen mit Behinderung helfen. Wie läuft das jetzt?

Dirks-Kortemeyer: Das ist ganz schwer, denn vielen fällt es schwer, die Situation zu verstehen. Und dann gehen halt manche Sachen nicht. Zum Beispiel bei der Vorbereitung auf das selbstständige Leben an der Nordwalder Straße, wo gerade Wohnungen für Menschen mit Behinderung entstehen. Da würden die Tandem-Berater am liebsten sagen, komm einfach in meine Wohnung, dann erkläre ich dir, wie das geht. Aber das verbietet sich gerade. Das erfordert von den Kollegen ohne Behinderung viel Kreativität.

Wie ist die Perspektive für den Rest des Jahres?

Gellenbeck: Mein Sohn hofft auf eine Woche Norderney mit der Lebenshilfe. Darüber spricht er von morgens bis abends. Und dass endlich wieder Fußball ist – nicht nur am Rechner, sondern samstags morgens auf dem Platz.

Dirks-Kortemeyer: Die Betreuungsgruppen könnten wir mit einem Testkonzept wieder anlaufen lassen. Da wollen wir abwarten, wie die Entwicklung weiter ist.

Startseite