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Erneuter Besucheransturm am Canyon / Polizei nimmt von rund 40 Besuchern Personalien auf

Ab in die verbotene Zone

Lengerich

Kaum sagen die Meteorologen einen richtig schönen Wochenendtag voraus, strömen aus Nah und Fern wieder Gäste herbei und schwärmen hinaus in den Teuto. Ein besonders beliebtes Ziel: der Canyon. Schilder mit Betretungsverboten werden ignoriert. Am Sonntag rückte die Polizei an.

Paul

Wieder einmal zeigte sich, dass Schilder und Barrieren nicht ausreichen, um das Naturschutzgebiet zu schützen. Foto: Gernot Gierschner

Am Sonntag ist genau das eingetreten, was aufgrund der Wettervorhersagen zu erwarten war: Es hat im Teuto und im Bereich des Canyon erneut einen massiven Besucherandrang gegeben. Am Nachmittag führte der, nach einem entsprechenden Hinweis eines Lengericher Bürgers, zu einem Polizeieinsatz im Naturschutzgebiet rund um das so beliebte Gewässer.

Die Personalien von 40 Ausflüglern, die sich dort trotz Zutrittsverbotes aufhielten, wurden von den Beamten aufgenommen. Gegen sie wird der Kreis nun Bußgeldverfahren einleiten. Zudem zeichnet sich nach einem Besuch von Landrat Martin Sommer in der vergangenen Woche ab, dass die Kreisverwaltung personell aufstocken wird, um sich verstärkt dem Besucher-Problem am Canyon und anderen „Hotspots“ im Kreis zu widmen.

Die Arbeit vor Ort sei „relativ ruhig“ abgelaufen, teilte Polizeisprecherin Heike Piepel am Montag gegenüber den WN zum Geschehen im Naturschutzgebiet mit. „Viele sagten, sie hätten nicht gewusst, dass das Betreten des Naturschutzgebietes verboten ist.“ Heiner Bücker, Leiter des Umwelt- und Planungsamtes beim Kreis, erklärt, dass die meisten wohl um die 50 Euro werden zahlen müssen. Allerdings werde in einer „langen Kartei“ auch nachgeschaut, ob „Wiederholungstäter“ unter den Betroffenen sind, die dann mehr bezahlen müssten.

Schon am Vormittag zeichnete sich ab, dass es ein „Großkampftag“ am Canyon werden würde. Die ersten Pkw mit auswärtigen Kennzeichen standen am Sundermanns Knapp, der Parkplatz Am Kleeberg war bereits voll. RE, BO, HH, BI, HF, EL – Lengerichs Ausflugsziel Nummer 1 zieht offenkundig Menschen weit über die Region hinaus an. Das zeigte sich auch wieder an diesem Sonntag.

Viele Besucher machten sich mit Mountainbike, Hund, Picknicktaschen und Kindern auf den Weg. Einige waren unverkennbar auf ein Sonnenbad direkt am Canyon aus. Etwa das junge Pärchen, das aus Cloppenburg nach Lengerich gekommen war. Im Gepäck hatten sie Decke und Handtücher, um es sich am Wasser bequem zu machen. Ohne Umschweife fragten die Beiden, wie sie ans Ziel kommen könnten. Den Hinweis, dass das verboten sei, nahmen sie eher achselzuckend zur Kenntnis.

Der Lengericher, der durch seinen Anruf die Polizei in Gang gesetzt hatte, berichtet, dass, während er auf einem der Wanderwege mit seinem Vierbeiner unterwegs war, etwa 40 bis 60 Menschen direkt unten am Wasser gewesen seien. „Am Nordende stand schon der erste Grill.“ Und ein paar Ausflügler seien sogar Schwimmen gewesen! „Zu meinem Verdruss durfte ich dann noch ein Gespräch eines Ehepaares auf der unteren Plattform mitbekommen, in welchem der Gatte zu seiner Frau bekundete, dass er mit seinen ,Jungs‘ am Vatertag nochmal zurückkommen werde und man sich hier zünftig einen zischen werde.“

Der Andrang an dem östlichen Aussichtspunkt war zeitweise so groß, dass die Leute förmlich Schlange standen, um einmal in den Canyon blicken zu können. Immer wieder kam dabei das Gespräch auf die Regeln, die in dem Naturschutzgebiet gelten. Während die einen sagten, dass das Betreten verboten sei, fragten die anderen: „Und warum sind dann da unten so viele Leute?“

Der große Andrang blieb indes auch beim Parkverkehr nicht ohne Folgen. Ob An der Bashake oder Parkplatz und Wendehammer am Krankenhaus, überall standen die Autos dicht an dicht. Gegen 12.30 Uhr setzte ein 18-Jähriger aus Damme beim Rangieren auf dem Parkplatz Am Kleeberg sein Auto gegen ein anderes. Schadenshöhe laut Polizei: rund 2500 Euro.

Ludger Dierkes, Leiter des städtischen Fachdienstes Zentrale Dienste, weiß um die Situation am Canyon und im Teuto. Er sagt, dass die Stadt am Wochenende kein Personal im Einsatz gehabt habe, aber es zwei Streifen gebe, die, „wenn es personell machbar ist“, unterwegs seien. Eine ist demnach eine Art Info-Team, das Aufklärungsarbeit unter den Besuchern leisten solle, das andere sei auch berechtigt, Knöllchen zu verteilen – die Stadt ist für den ruhenden Verkehr zuständig – und Personalien aufzunehmen.

Ebenfalls nichts präsent war nach Angaben von Heiner Bücker der Kreis. Er verwies zur Erklärung darauf, dass die Sicherheitsfirma, die in der Vergangenheit mit Kontrollen am Canyon beauftragt worden war, inzwischen nicht mehr tätig sei. Aus juristischen Gründen, es sei, so laute die Rechtsauffassung, hoheitliche Aufgabe des Kreises, das Naturschutzgebiet zu schützen. Somit müsse auch Personal des Kreises vor Ort sein. Man habe aber momentan lediglich zwei Ranger für das gesamte Kreisgebiet. Angedacht sei nun – und das sei auch Thema bei der Stippvisite des Landrats am Canyon gewesen – zehn 450-Euro-Kräfte anzustellen, die künftig für mehr Präsenz und Kontrollen in den bei Ausflüglern besonders beliebten Gebieten sorgen sollen. Dass das nicht immer konfliktfrei laufen wird, macht er mit den Worten deutlich, dass es in der Vergangenheit bei dieser Tätigkeit schon „reihenweise zu Bedrohungen“ von Mitarbeitern des Kreises gekommen sei.

Aus Rückmeldungen vom Tecklenburger Land Tourismus wisse man, erklärt der Amtsleiter weiter, dass es bei Besuchern immer wieder für Frust sorge, dass sie im Canyon nicht direkt ans Wasser können. Daran werde sich mit Rücksicht auf den Naturschutz aber nichts ändern, kündigt Bücker an. Mit weiteren Schildern und Tafeln sollen die Menschen aber mehr als bislang über den Wert der dortigen Flora und Fauna informiert werden. Des weiteren sei denkbar, bestehende Pfade im Naturschutzgebiet zurückzubauen, etwa die am Nordufer, die bislang von vielen der illegalen Besucher genutzt werden, um ans Wasser zu kommen.

Ludger Dierkes nimmt bei seiner Stellungnahme auch noch einmal das große Ganze in den Blick. Grundsätzlich, so der Fachdienstleiter, gehe es um zwei Aspekte: den Naturschutz und die Einhaltung der Corona-Regeln. Letzterer, so der Fachdienstleiter, stehe momentan nicht im Fokus, ersterer entwickle sich dagegen zu einem „Kampf gegen Windmühlen“.

Das Problem sei aus verschiedenen Gründen schwer in den Griff zu bekommen. Zum einen sei es „toll“, dass viele Gäste von auswärts nach Lengerich kommen. Doch das müsse im Einklang mit dem Naturschutz geschehen. Beides ins Gleichgewicht zu bringen, werde ein wichtiger Baustein sein, der in das Tourismuskonzept gehöre, das für Lengerich erarbeitet werden soll (WN berichteten). Ein zweiter Punkt: Da ein Großteil der Besucher ortsfremd sei, seien diese mit den Regeln vor Ort nicht vertraut. Wer aber von weither anreise, um sich direkt am Canyon in die Sonne zu legen oder dort Fotos zu machen, lasse sich oftmals auch nicht von Verbotsschildern oder Barrieren aufhalten. „Das geht nur übers Portemonnaie – wenn überhaupt“, glaubt Dierkes.

Das gesamte Areal beispielsweise massiv einzuzäunen oder sogar mit Hunden zu patrouillieren, würde über das Ziel hinausschießen, meint der Fachdienstleiter, weil es abschreckend auch auf jene wirken könnte, die sich an die Regeln halten und die als Gäste ja willkommen seien. Kurzfristig werde es somit wohl keine Strategie geben, mit der die Situation nachhaltig zu verbessern wäre. Er wisse um den Frust bei vielen Lengerichern, „und ich kann das auch verstehen“, betont Dierkes. Er bittet gleichwohl um Geduld.

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