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Wie Lengerich in den 1920er-Jahren zu einer Badeanstalt kam

„Eine Stätte des Frohsinns“

Lengerich

Endlich wieder ins Schwimmbad gehen, vielleicht ist das schon bald in Lengerich möglich. Vor fast 100 Jahren kam das Badevergnügen in der Stadt an – und sorgte für Schlagzeilen und große Worte.

Bernd Hammerschmidt

Die Erdarbeiten für das Schwimmbad wurden von der Lengericher Firma B. Backhaus übernommen. Foto: Stadtarchiv Lengerich

In diesen Tagen wartet die Lengericher Bevölkerung darauf, dass das Freibad nach der Corona-bedingten Schließung wieder geöffnet wird. Auch vor knapp 100 Jahren wartete man in Lengerich – auf die Neueröffnung einer Badeanstalt.

Seit Längerem hatte es Vorläufer gegeben, so etwa die private Badeanstalt beim Haus Intrup oder die „Lehmkuhle“ am Setteler Damm, wo Lehrer Fritz Altevogt den Kindern seiner Volksschule Settel 1 Schwimmunterricht erteilte. Seit 1923 beschäftigten sich die Verwaltung und die Vertreter des Amtes mit der Planung einer Badeanstalt, die einer Stadt von 12 000 Einwohnern angemessen sein sollte. Lange Zeit wurde dafür ein Grundstück an der Ecke Bahnhofstraße/Mühlenbreede, der Standort der Gempt’schen Villa, favorisiert, doch schließlich erwies sich dieser Plan als undurchführbar.

1926 flammte die öffentliche Debatte um eine Badeanstalt wieder auf, möglicherweise ausgelöst durch die Tatsache, dass der Besitzer der „Lehmkuhle“ das Schwimmen in dem stehenden Gewässer aus hygienischen Gründen täglich zwischen 17 und 20 Uhr untersagte, so dass die arbeitende Bevölkerung im Sommer dort keine Erfrischung mehr suchen konnte. Ein junger Leserbriefschreiber appellierte in der Lengericher Zeitung vom 17. Juli 1926 an die Amtsväter: „Schafft eine Badeanstalt! Bringt ihr das fertig, so fördert ihr die Gesundheit eurer Kinder und helft damit am Wiederaufbau des deutschen Vaterlandes.“

Damit waren zwei Aspekte benannt, die in der folgenden Debatte um eine Badeanstalt wiederholt auftauchen sollten. Einen dritten Aspekt thematisierte Lehrer Wilhelm Schürmann von der Deutschen Demokratischen Partei, indem er auf die schwierige finanzielle Lage der Stadt hinwies und die Bevölkerung zur Geduld aufrief.

Eine Lösung zeichnete sich erst ab, als der Arzt Dr. Schultebeyring ein Grundstück an der Ringeler Straße, auf dem sich seine Fischteiche befanden, zum Kauf und zur Umgestaltung als Badeanstalt anbot. Nach längeren Verhandlungen konnten sich beide Seiten auf einen für die Stadt akzeptablen Preis für den Erwerb der beiden westlichen Fischteiche einigen, und am 9. Mai 1928 beschloss die Stadtverordnetenversammlung „mit 13 Stimmen gegen 7 Stimmen bei 2 Stimmenthaltungen“ die „Errichtung einer Badeanstalt.“

Geplant wurde ein Freibad mit Schwimm- und Planschbecken, Brausen und „Auskleideräumen“; auf die angedachten Wannenbäder musste man aus finanziellen Gründen verzichten. Die Lengericher Zeitung beschrieb diese Entscheidung als „zum Besten der Volksgesundheit“. Diesen Aspekt betonte auch der Abgeordnete Schmidt (SPD), der darauf hinwies, dass die Mehrheit der Bevölkerung kein eigenes Bad zu Hause habe. Für die Stadt bedeutete diese Entscheidung die Aufnahme eines Darlehens in Höhe von 45 000 Reichsmark.

Die erforderlichen Erd- und Betonarbeiten wurden ausgeschrieben und schließlich am 20. November 1928 der Lengericher Firma B. Backhaus übertragen. Nach einem Ortstermin mit Bürgermeister Breidenstein berichtete die Lengericher Zeitung über den Baufortschritt und hob besonders das große „Luft- und Lichtbad“ hervor, eine Fläche von 2300 Quadratmetern, auf der die Menschen „in Gottes freier Natur ihren Körper in Luft und Sonne baden“ könnten. Insgesamt sei die Badeanstalt ein „Gesundborn für unsere gesamte Bevölkerung“.

Der Kreis Tecklenburger General-Anzeiger berichtete in ähnlicher Weise, bedauerte allerdings, dass ein Sprungturm für die „schwimmsporttreibende Jugend“ aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht vorgesehen sei. Dieses Thema wurde unmittelbar darauf in einem Leserbrief eines „Wassersportfreundes“ aufgegriffen; auch verschiedene Lengericher Sportvereine sowie der Amtslehrerrat wandten sich an die Stadtverordnetenversammlung mit der Bitte, auch ein Tauchbecken mit einem Sprungturm zeitnah zu errichten. Diesem Anliegen wurde am 25. Januar 1929 trotz des Widerstandes einiger Stadtverordneter Rechnung getragen; die zusätzlichen Kosten in Höhe von 10 000 Reichsmark konnten nur durch die Inanspruchnahme eines Kredits finanziert werden.

Schon vor der offiziellen Eröffnung am 9. Juni 1929 tummelten sich angesichts des sommerlichen Wetters zahlreiche Menschen im neuen Freibad. Die Lengericher Zeitung, die darüber berichtete, wies darauf hin, „dass auch für das männliche Geschlecht Badeanzüge vorgeschrieben sind.“ Ein Teil der Lengericher Bevölkerung besaß offenbar keine passende Badekleidung; daher kaufte die Stadt bei verschiedenen Firmen, darunter auch beim jüdischen Bekleidungsgeschäft Gebr. Kaufmann, Badeanzüge in verschiedenen Größen und stellte sie den Badegästen gegen eine Gebühr zur Verfügung.

Die Einweihung der „schönsten volkshygienischen Einrichtung unserer Stadt“, so die Presse, umfasste neben schwimmsportlichen Vorführungen eine Rede des Amtsbürgermeisters Breidenstein. Vor einer großen Menschenmenge – leider funktionierte die Mikrofonanlage nicht – dankte er den verschiedenen Beteiligten sowie den Firmen, die durch Sachspenden zur Fertigstellung des Projekts beigetragen hatten. Anschließend erklärte er, dass neben der geistigen auch die körperliche Bildung ihren Platz finden müsse, um für das Leben gerüstet zu sein. Früher habe die Wehrpflicht dafür gesorgt, dass die Jugend für den Kriegsdienst und den wirtschaftlichen Kampf gerüstet war, aber die sei vom Feind (nach dem Ersten Weltkrieg) verboten worden. In diesem Punkt sprach er breiten, konservativen Bevölkerungsschichten aus der Seele, wie auch ein Artikel im Kreis Tecklenburger General-Anzeiger vom 5. Mai 1928 verdeutlicht. Breiden-stein erklärte weiter: „Wenn wir kulturell und wirtschaftlich gegenüber anderen Staaten nicht unterliegen, wenn wir den Daseinskampf bestehen wollen, und das ist vaterländische Pflicht, dann müssen wir Ersatz schaffen durch eine körperliche Höherentwicklung des ganzen deutschen Volkes.“ Dafür sei, so Prof. Bürger aus Düsseldorf, die Reinlichkeit als Basis der Volkshygiene ein Grundpfeiler und das Schwimmen fördere Mut und Disziplin. Seine Rede beendete der Bürgermeister mit den Worten: „Unsere Badeanstalt mit ihren farbenfrohen kleinen Bauten und ihrer schönen Umgebung lassen Sie mich weihen als eine Stätte des Frohsinns, der Kameradschaft und der körperlichen Höherentwicklung, zum Segen unserer Stadt, zum Segen unseres Vaterlandes, dem wir in Liebe und Treue zugetan sind.“

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