Johanna Stening übte heimlich

Brinckwirths Erbe war die Übungspiste

Metelen

In den kommenden Jahren müssen alte Führerscheine nach und nach gegen EU-konforme Fahrerlaubnisse getauscht werden. Anlass für die Redaktion, Leserinnen und Leser aufzurufen, uns ihre alten Führerscheine zu zeigen und die Geschichten vom der ersten Alleinfahrt, der Führerscheinprüfung oder dem ersten eigenen Auto zu erzählen. Metelener Frauen machten den Anfang und blickten zurück auf die Zeit, als sie mit der Fahrlizenz auch ein Stück Unabhängigkeit erwarben.

Dieter Huge sive Huwe

Die ersten Fahrversuche und – nach bestandener Prüfung – auch die ersten Überlandfahrten machte Johanna Stening im Opel Kapitän. Foto: Privat

„Natürlich habe ich vorher schon geübt.“ Johanna Stening lacht herzhaft, als sie sich zurückerinnert an die Zeit vor ihrem Führerschein. Und die 87-Jährige erinnert sich noch genau an den wuchtigen Wagen, mit dem sie heimlich über Metelens Wirtschaftswege fuhr – schwarz, natürlich. „Da war ja damals nichts los“, beschreibt sie den übersichtlichen Straßenverkehr im Ort, der weiter draußen in den Bauerschaften noch mehr abebbte. Ein perfektes Terrain also, um mit ihrem damaligen Freund Bernhard Fahrpraxis zu sammeln. Besonders beliebt: Brinckwirths Erbe.

Schauen wir zunächst aber ein paar Jahre zurück. Johanna Stening, damals hieß sie noch Tölg, war mit ihrer Familie aus Schlesien nach Metelen gekommen. Keine einfache Zeit, denn den Menschen aus dem Osten begegneten viele Vorurteile. Doch die junge Frau machte ihren Weg, fiel in der Schule positiv auf und fand dank der Vermittlung ihres Lehrers den Weg in den Beruf. „Der sagte eines Tages zu mir ,Geh zu Gebhard und stell dich dort vor‘“, erinnert sich die Metelenerin noch genau. Und so bekam sie ihren Ausbildungsplatz im Büro des Textilbetriebs.

Auch privat fand sie ihr Glück. Bernhard Stening, Sproß eines örtlichen Bauunternehmers war die junge Frau aufgefallen. Eine Verbindung fürs Leben: In diesem Jahr wollen die beiden ihre Diamantene Hochzeit feiern.

Bernhard, der schon 1950 den Führerschein machte, war es auch, der seiner künftigen Frau die Grundzüge des Autofahrens beibrachte – mit dem wuchtigen Opel-Kapitän des Papas. Ob der wusste, dass der Junior seine Freundin über die Wirtschaftswege des Ortes fahren ließ? Johanna Tölg jedenfalls hatte rasch raus, wie sich der Opel-Bolide fahren und lenken ließ. „Der hatte damals die Schaltung direkt am Lenkrad“, erinnert sich die Seniorin.

Als sie sich in der Burgsteinfurter Fahrschule Kösters anmeldete, hatte sie die Grundzüge des Autofahrens längst intus. Und die Theorie war auch kein Problem für die pfiffige junge Frau. Praktisch geprüft wurde schließlich in Burgsteinfurt – und fortan hatte Johanna Tölg ihre Lizenz. „Nachtfahrten oder Fahrstunden auf der Autobahn gab es damals nicht“, berichtet sie und auch, dass sie 150 D-Mark für das graue, vierseitige Dokument bezahlen musste, das später noch einen Stempel mit der Namensänderung nach der Hochzeit bekam und seither in einer Mappe gut geschützt ist.

Fahrpraxis bekam sie rasch, und auch Überlandfahrten waren angesagt. Mit dem Schwiegervater fuhr sie etwa zu Baustellen, bis ins Ruhrgebiet. Natürlich in dem Auto, dass sie längst in- und auswendig kannte, dem wuchtigen Opel Kapitän mit der Schaltung gleich am Lenkrad.

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