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Jüdischer Friedhof

Am „Ort des Lebens“ den Blick gen Osten

Ochtrup

Den jüdischen Friedhof bezeichnet Dr. Guido Dahl als „Ort des Lebens“. Der Geschäftsführer des Kulturforums und Stadtarchivarin Karin Schlesiger erzählen spannende Geschichten über die von 1824 bis 1988 genutzte Grabstätte zwischen Laurenzstraße und Hellstiege.

Rieke Tombült

Der jüdische Friedhof an der Hellstiege steht unter Denkmalschutz. Der Geschäftsführer des Kulturforums, Guido Dahl, und Stadtarchivarin Karin Schlesiger können spannende Geschichten über diesen „Ort des Lebens“ erzählen. Foto: Rieke Tombült

Mit dem Gesicht nach Osten begraben liegen die insgesamt 43 Jüdinnen und Juden auf dem Friedhof zwischen der Laurenzstraße und der Hellstiege. Wenn auch nicht alle der Grabsteine ebenfalls in Richtung Jerusalem ausgerichtet sind, könne man davon ausgehen, dass es die 18 weiblichen und 25 männlichen Leichname darunter sind, weiß Dr. Guido Dahl, der Vorsitzendes des Kulturforums. Von 1824 bis 1988 fanden die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Ochtrup an der Hellstiege ihre letzte Ruhe. Allerdings sollte eher von Bestattungsort oder „Ort des Lebens“ als von Friedhof die Rede sein, erklärt Guido Dahl.

Endlosigkeit der Gräber

Verstab in den vergangenen Jahrhunderten ein Mitglied der jüdischen Gemeinde, musste er oder sie am selben Tag beerdigt werden, an dem das Grab ausgehoben wurde. Diese Aufgabe lag bei Nachbarn und Freunden. Ein weiterer Unterschied zu den christlichen Ruhestätten ist die Endlosigkeit der Gräber. Keine Frist begrenzt die Dauer der Grabstätten. Besonders ungewöhnlich für die kleine Ochtruper Gemeinde sind die hebräischen Inschriften auf nahezu jeder Gedenktafel. Dadurch, dass kein eigener Lehrer oder Rabbiner zur Verfügung stand, sei es unwahrscheinlich, dass die Juden der Töpferstadt über ausschweifende Hebräischkenntnisse verfügten. An dieser Stelle lasse sich nur spekulieren. Grabinschriften zu verfassen, die für die eigenen Leute nicht verständlich sind, ergebe wenig Sinn, weshalb ein Grundwissen der Sprache vorhanden gewesen sein müsse, betont Guido Dahl. „Dies waren die Gemeindemitglieder schon ihrem jüdischen Selbstverständnis schuldig“, beschreibt er in seinem Buch „Ochtruper Schätze – Ochtruper Geschichte“. Jedenfalls reichte die Sprachkompetenz aus, um Eigenschaften, Familienstand sowie Todesursache und -datum niederzuschreiben. Der Verstorbenen Suß’cha (Süßchen, Sophie) Alexander wurde zum Beispiel mit folgender Formulierung gedacht: „hier ruht eine teure, bedeutsame Frau, eine tugendsame Frau, Zierde ihres Gatten, Krone ihrer Kinder – Frau Suß’cha, Tochter des Kohen Jitzchak, Frau des verehrten Michael, sein Andenken sei uns zum Segen, sie ging ein in ihre Welt und verstarb am 2. Tag der Woche (Montag), am 18. Siwan des Jahres 642 ‚kleiner Zeitrechnung‘ ‚Ihre Seele sei eingebunden in das Bündes des Lebens!‘“

Bei dem 1933 verstorbenen Viehhändler Josef Heimann heißt es: „… durch die Hand eines Mörders“. Damals hätten die Ochtruper akribisch versucht, nachzuweisen, dass es sich bei dem Mord um keine antisemitische Tat handelte. Tatsächlich erwies sich das Motiv als eher wirtschaftlicher Natur, ist in den Geschichtsbüchern zu lesen.

Ruhestätte am Rande der alten Stadtmauern

Für Guido Dahl und Stadtarchivarin Karin Schlesiger ist es erstaunlich, dass die Ruhestätte am Rande der alten Stadtmauern während der Nazi-Herrschaft von 1933 bis 1945 gänzlich von nationalsozialistischen Übergriffen verschont blieb. Das Gebetszentrum der jüdischen Gemeinde am Kniepenkamp hingegen wurde in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 verwüstet und teilweise zerstört. Von den 44 in Ochtrup lebenden Juden im Jahr 1933 wurden 29 ermordet, nur 15 überlebten. Sie flüchten in die ganze Welt. Heute erinnern nur noch die Stolpersteine an sie. „Leider sind die aber häufig schmutzig“, ärgern sich Stadtarchivarin Karin Schlesiger und Guido Dahl. „In anderen Orten bleiben die Leute stehen und machen sie sauber.“ Die Verfolgten hätten angesichts ihrer Historie das nötige Maß an Respekt verdient.

Eine von ihnen ist Alga Wilkom. Sie war Gefangene im Konzentrationslager Bergen-Belsen und kam nach dem Krieg zurück nach Ochtrup. Kurz darauf starb sie an den Folgen ihrer Haft und liegt nun unter dem Grabstein 24 – an ihrem „Ort des Lebens“.

Jüdisches Leben in Deutschland

Seit 1700 Jahren leben Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland. Das Jubiläum wird ein Jahr lang bundesweit mit vielen Veranstaltungen gewürdigt. Den Auftakt bildete ein Festakt am 21. Februar in der Kölner Synagoge. Im Jahr 321 erließ der römische Kaiser Konstantin ein Gesetz. Danach durften Juden öffentliche Ämter besetzen. Mit Samson Ansel wurde 1720 der erste Jude in Ochtrup registriert. Bundesweit werden in diesem Jahr rund 1000 Veranstaltungen wie Konzerte, Ausstellungen, Filme, Podcasts und Theaterstücke ausgerichtet. Unter dem Namen „#2021JLID – Jüdisches Leben in Deutschland“ wird nicht nur gefeiert, sondern ebenso ein Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt.

Alga Wilkom war Gefangene im Konzentrationslager Bergen-Belsen und kam nach dem Krieg zurück nach Ochtrup. Kurz darauf starb sie an den Folgen ihrer Haft. Foto: Rieke Tombült
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