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Saatkrähenkolonien plündern Maisäcker und stören Anwohner

Ärger mit der „schwarzen Luftwaffe“

Ochtrup

Gleich mehrere Kolonien mit Saatkrähen sorgen derzeit in Ochtrup für Ärger. Die schlauen Vögel klauen den Landwirten den Mais von den Äckern, treiben Anwohner mit ihrem Gekrächze in den Wahnsinn und räubern die Gelege anderer Vögel aus. Viel ausrichten kann man gegen die Saatkrähen nicht, denn sie dürfen nicht bejagt werden. In Ochtrup formiert sich trotzdem Widerstand.

Anne Steven

Kolonien von Saatkrähen gibt es in Ochtrup zu Hauf. Besonders setzen die klugen Tiere derzeit den Landwirten zu, indem sie den Mais von den Äckern klauen. Doch auch viele Anwohner sind von dem Radau und dem Dreck der Tiere genervt. Foto: dpa

Paul Issinghoff ist sauer, stinksauer, um genau zu sein. Ende April hat er auf seinem Acker Mais gelegt. Ein paar Tage später wollte er nach dem Rechten schauen und musste feststellen: Der Mais ist weg. „Innerhalb von einer halben Woche haben die Saatkrähen mir den Acker blank gemacht“, ärgert sich der Landwirt aus der Oster. Und das ist kein Einzelfall.

Wirtschaftlicher Schaden für Landwirte

„Allein bei unserer Kundschaft gibt es mindestens 140 Hektar Fraßschaden“, hat Michael Struck vom Lohnunternehmen Agrarservice Wessendorf ausgerechnet. Um diesen Schaden zu beheben, muss Mais nachgelegt werden. Das kostet natürlich zusätzlich. Hinzu kämen die Ertragseinbußen. Dieser Zustand sei nicht mehr hinnehmbar, findet der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Ortsvereins, Thomas Ostendorf. Deshalb wollen sich die Bauern in Och­trup jetzt gegen die „schwarze Luftwaffe“ zusammenschließen. „Wir müssen eine gesetzeskonforme Lösung für dieses Problem finden“, betont Ostendorf.

„Saatkrähen unterliegen nicht dem Jagdrecht. Das heißt, sie dürfen nicht bejagt werden“, stellt Hegeringsleiter Bernd Schwartbeck klar. Er und die anderen Mitglieder würden vielfach von Ochtruperinnen und Och­trupern angesprochen, doch ihnen seien „die Hände gebunden“.

Die Vergrämung, also beispielsweise das Aufstellen von Vogelscheuen, welcher Art auch immer, sei die einzige legale Möglichkeit. Allerdings: „Ich wüsste keine effektive Vergrämung.“ Er habe schon davon gehört, dass Falkner, sich mit ihren Vögeln den Saatkrähen annehmen, berichtet Schwartbeck. Letzteres hat Paul Issinghoff bereits versucht. Normalerweise werde ein Falke etwa sieben Jahre alt. Der Falkner, mit dem er gesprochen habe, setzte seine Tiere nicht mehr auf Saatkrähen an, weil er sonst alle zwei bis drei Jahre einen neuen Falken benötige.

Saatkrähen sind Nesträuber

Natürliche Feinde hat die Saatkrähe offenbar keine. Zudem klauen die schlauen Vögel nicht nur den Mais von den Feldern, sie räubern auch die Gelege anderer Vögel aus, das des Kiebitzes zum Beispiel. „Diese Frühlingsboten findet man gar nicht mehr“, hat Paul Issinghoff festgestellt. Umfahre er ein Nest auf seinem Acker, markiere er die Stelle sozusagen für die Saatkrähen. „Die sagen, dann ‚Danke, Paul’ und greifen zu“, ärgert sich der Landwirt schon wieder.

Verscherzt haben es sich die Saatkrähen in Ochtrup aber nicht nur mit den Landwirten. „Das ist wie in dem Film von Hitchcock“, sagt Mathilde Beile. Sie wohnt mit ihrer Familie an der Parkstraße vis-à-vis des Stadtparks und hat damit eine der größten Saatkrähenkolonie in direkter Nachbarschaft. Nicht nur, dass ihre und die Terrasse ihrer Tochter Barbara Viermann nebenan sowie sämtliche Fenster, Türen und Autos regelmäßig mit Vogelkot beschmutzt sind. Vielmehr störe der Radau, den die Saatkrähen den ganzen Tag veranstalteten. Vor allem in den vergangenen Wochen und Monate, als coronabedingt Homeschooling angesagt war, sei ihr Nervenkostüm arg strapaziert worden, erzählt Barbara Viermann. Radio hören, sich in Ruhe unterhalten, lernen – das alles geht bei ihnen nur noch mit geschlossenem Fenster. „Man könnte die Parkstraße glatt in Krachmacherstraße umbenennen“, weiß auch Josef Hartmann, stellvertretender Vorsitzender des Stadtparkvereins, um das Problem. Weitere Kolonien der Tiere gibt es im ganzen Stadtgebiet, etwa im Bereich Witthagen/Kreuzweg, an der Hellstiege oder in Langenhorst. Die Liste ließe sich noch weiter ergänzen.

Kräfte gegen Saatkrähen bündeln

Die Landwirte haben die Thematik im Rahmen eines Ortstermins am Freitagnachmittag nun an Christa Lenderich herangetragen. Och­trups Bürgermeisterin kennt die Situation, sie wohnt selbst in der Oster-Bauerschaft. Ihr Vorschlag: das Thema „politisch angehen“. Einfach so eine Kolonie umzusetzen, Nester zu entfernen oder dergleichen sei keine Option, stellte die Verwaltungschefin klar. „Wir müssen gucken, was wir dürfen“, warb sie um Verständnis. Gleichzeitig gab sie aber das Versprechen, sich um das Problem zu kümmern.

Landwirt Markus Paßlick kam schließlich auf den ursprünglichen Ansatz Thomas Ostendorfs zurück, nämlich, die Kräfte zu bündeln: „Man muss von allen Seiten an die Sache herangehen.“ In diesem Zusammenhang brachte sich auch Reinhard Wiggenhorn, der als Vertreter der Landwirtschaftskammer am Ortstermin in seiner Heimatstadt teilnahm, ein. Er erinnerte an die Fragebögen, die die Landwirtschaftskammer bereits im vergangenen Jahr an die Landwirte verschickt hatte, um Daten zur Problematik zu sammeln. Nur mit belastbaren Daten habe man überhaupt eine Chance.

Derweil ziehen die Saatkrähen in Sichtweite zum Acker von Paul Issinghoff unverdrossen ihre Kreise. „Die warten nur darauf, dass ich Mais nachlege“, meint der Landwirt kopfschüttelnd.

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