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„Jugendfrei“-Redaktion traf sich zum Interview mit Vertretern der Suchtberatungsstelle in Münster

Keine Macht den Drogen

Viele Jugendliche kommen irgendwann mal in Berührung mit Drogen. Mal startet es mit einer Tüte und endet mit der Abhängigkeit. Für diesen Fall gibt es Anlaufstellen wie die Caritas in Borghorst oder auch die Drogenberatung in Münster. Die Jugendfrei-Redaktion hat sich mit Georg Piepel und Miriam Möllers aus Münster für ein Interview getroffen.

wn

Der Weg in die Sucht kommt oft sehr überraschend und ohne Ankündigung, auch schon im jungen Alter. Was es für Angebote und Möglichkeiten gibt, um Hilfe zu bekommen, hat uns die Beratungsstelle in Münster erzählt. Foto: dpa

Anfang der 80er kam die Generation unserer Eltern an Christiane F(elscherinow)s „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und der eindeutigen Warnung vor Drogen, wenn man nicht genau so enden wollte, nicht vorbei. Dabei war es auch eine Erzählung über die Problematik eines restriktiven Hilfesystems, sozialer Ungerechtigkeit und dem Versagen der Jugendhilfe. 40 Jahre später, im Februar 2021, erschien die gleichnamige Serie und wirbelte, trotz der Nachahmung des Berlins der 1970er-Jahre, die Frage auf, wie staatliche Hilfsangebote für suchterkrankte Jugendliche heute aussehen. In der Jugend wird die Nachfrage nach dem H(eroin) im Gegenzug immer seltener. Aus der Redaktion der „Jugendfrei“ hat sich Imke Rüße mit Georg Piepel, Fachstellenleiter der Drogenhilfe der Stadt Münster und seiner Kollegin Miriam Möllers, zuständig für die Beratung von Jugendlichen und deren Bezugspersonen, online getroffen, um diese Entwicklung nachzuvollziehen.

Wo kann man Ihre Arbeit im Bereich der Drogenhilfe verorten? Sind Sie die erste Anlaufstelle?

Piepel: Wenn es um den Suchtmittelkonsum von Jugendlichen geht, sind wir in Münster die erste Anlaufstelle. Als kleine Einordnung, wo wir überhaupt mit unseren Angeboten zu verorten sind: Die vier großen Säulen in der Suchthilfe bestehen aus der Prävention, der Beratung, der Behandlung und der Nachsorge. Wir als Drogenhilfe haben unsere Schwerpunkte im Bereich Prävention und Beratung. In Münster haben wir die spezielle Aufteilung zwischen legalen und illegalen Drogen. Im illegalen Bereich ist die städtische Drogenberatung und der niedrigschwellige Suchthilfeträger INDRO e.V. zuständig. Im legalen Bereich sind es die Suchtberatungsstellen der Diakonie und der Caritas. Im Jugendbereich haben wir diese Einteilung nicht.

Wie alt sind die Jugendlichen, die bei Ihnen die Beratung in Anspruch nehmen?

Piepel: Ungefähr 30 Prozent aller unserer Klienten sind unter 21 Jahre alt. Die meisten Jugendlichen kommen mit 16 zu uns, Zwölfjährige bilden eher die Ausnahme. Jugendliche kommen meistens, anders als die Erwachsenen, fremdmotiviert zu uns. Das heißt, sie erscheinen nicht aus eigenem Problembewusstsein, indem sie erkennen, dass sie ein Problem mit Drogen haben.

Möllers: In den meisten Fällen nehmen die Eltern den Kontakt zu uns auf, weil sie merken, dass sich was im Verhalten ihrer Kinder ändert. Jemand, der vorher sehr zuverlässig war, lässt auf ein Mal alles schleifen. Im besten Fall kommen Eltern und Kind zusammen in die Beratung, sodass wir dann sehen können, welche Situation vorliegt. Denn nicht jeder Konsum ist direkt ein Suchtverhalten. Gerade in der Pubertät probieren viele rum, es geht in vielen Fällen oft um eine Risikoermittlung, aber auch ganz viel um die Vermittlung von Hintergrundwissen und Grundlagen, wie Süchte entstehen und ab wann man von riskantem oder abhängigem Konsum spricht.

Sollten Jugendliche bei Bedenken ihre Familie mit einbeziehen?

Möllers: Die Jugendlichen wohnen in der Regel noch mit ihren Eltern zusammen. Da ist es ganz wichtig, dieses System „Familie“ miteinzubinden. Erst recht, wenn ein problematischer Konsum existiert, ist dieser meist ein Symptom für andere Problematiken. Es geht darum zu ergründen und zu schauen, warum jemand auf den Konsum als Bewältigungsmuster zurückgreift. Um letztendlich den Konsum überflüssig zu machen, muss man sich fragen, was das Grundproblem ist und wie man es lösen kann. Wenn man sich alleine auf den Konsum stürzt, ändert das nichts am grundlegenden Problem.

Hat sich durch Corona im vergangenen Jahr eine höhere Nachfrage nach Beratungen ergeben?

Möllers: Die Nachfrage gerade in der Jugendberatung, ist eigentlich immer hoch. Mit der Zeit, die die Pandemie mittlerweile andauert, merkt man, dass sich Konflikte noch stärker herauskristallisieren. Momentan verbringen die meisten die Zeit zu Hause mit ihren Eltern, obwohl in dieser Phase eigentlich ganz andere Dinge angesagt wären. Momentan führt es dazu, dass wir eine erhöhte Nachfrage bemerken. Nach dem ersten Lockdown mussten wir uns auch erstmal neu sortieren und uns auf die neue Situation einstellen. Innerhalb dieser fünf Wochen haben wir vorwiegend telefonisch beraten. Für Not- und Krisenfälle waren wir aber natürlich vor Ort zur Stelle und ansprechbar. Neu hinzugekommen ist bei uns die Online-Beratung. Wir hatten diese schon ziemlich lange angedacht und durch die Corona-Pandemie hat sich das Vorhaben beschleunigt.

Wie sieht ein Entgiftungsprozess bei einer Abhängigkeit aus und was ist der Unterschied zum Entzug?

Möllers: Eine Entgiftung meint einen qualifizierten Entzug in stationärem Rahmen. Dieser dauert im Jugendbereich um die drei Wochen und findet überwiegend in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie statt. Dies ist der erste Schritt, um eine konsumfreie Zeit aufzubauen. Für eine Entgiftung gibt es verschiedene Gründe, manche trauen sich den Entzug nur in einem stationärem Rahmen, weil dort rund um die Uhr auf einen aufgepasst wird. Einen festen Plan für einen Entzug gibt es nicht, jede Sucht ist individuell. Gott sei dank schaffen die meisten Jugendlichen aber vor einem stationären Aufenthalt, den Konsum einzustellen oder erste Anzeichen zu bekämpfen.

Wie beugt Ihr möglichen Rückfällen nach einer Entgiftung vor?

Möllers: Eine 14-tägige Entgiftung bedeutet nicht, dass das Thema damit erledigt ist, im Gegenteil, denn es fängt da erst richtig an. Nun gilt es, im Alltag und dem gewohnten Umfeld die Abstinenz aufrecht zu erhalten. Dabei bietet die Jugendberatung auf Wunsch eine engmaschige Begleitung und Unterstützung zur Rückfallprophylaxe an. Über die Jahre hat sich der Blickwinkel ziemlich verändert. Eben dahingehend, dass man nicht nur auf den Drogenkonsum schaut, sondern man arbeitet mit einem ganzheitlichen Ansatz, in dem man schaut, wie die Dinge eigentlich zusammenhängen. Nur dann, so finde ich, kann das Ganze nachhaltig verändert werden.

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