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Verein „WieWollenWirLeben“

Pionier in Sachen Klimaschutz und Nachhaltigkeit

Steinfurt

Er soll eine Ideenschmiede sein, ein „Think Tank“ für die Zukunft: Seit rund anderthalb Jahren gibt es in Steinfurt den Verein „WieWollenWirLeben“. Auf lokaler Ebene soll versucht werden, Lösungen drängender Zukunftsfragen von Klimaschutz bis hin zur Digitalisierung und ihren Auswirkungen auf die Arbeitswelt zu finden. Schlüsselfigur und Initiator ist Uli Ahlke – ein Porträt.

Ralph Schippers

Uli Ahlke war in der Kreisverwaltung Steinfurt über Jahrzehnte von Berufs wegen Umweltschützer. Im Ruhestand macht er in dieser Mission weiter. Foto: Ralph Schippers

Klimaschutz, Nachhaltigkeit, dezentrale, auf regenerative Quellen setzende Energieversorgung – über viele Jahre hat sich Uli Ahlke in leitender Funktion beim Kreis Steinfurt beruflich damit beschäftigt, den Umweltschutz in der Region voranzutreiben. Jetzt ist der 65-jährige Burgsteinfurter im Ruhestand – doch die Hände in den Schoß zu legen und die Dinge fortan von außen zu betrachten, liegt ihm fern. Ahlke war die treibende Kraft, als im August 2019 in der Kreisstadt der Verein „WieWollenWirLeben“ gegründet wurde. Mit zunächst acht Mitgliedern machte man sich gemeinsam auf den Weg. Die zentrale Frage lautet: „Wie können die Lebensgrundlagen gesichert, wie ein zukunftstauglicher Lebensstil entwickelt werden?“

„Klar ist doch“, macht Ahlke unmissverständlich deutlich, „dass unser jetziger Lebensstil mit seinem überbordenden Konsum, dem alsbald nach Corona wohl wieder ungebremsten Reisen und einem ökologisch nicht vertretbaren Ernährungsverhalten angesichts weiter steigender Weltbevölkerung nicht haltbar ist.“ Und so seien die Verantwortung gegenüber künftigen Generationen und die ungelöste Frage nach globaler Gerechtigkeit seinerzeit die Hauptgründe gewesen, den Verein ins Leben zu rufen. Nachhaltiges Wirtschaften und zukunftstaugliche Lebensstile – diese Ziele können Ahlke zufolge nur durch eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung erreicht werden. Nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern vor allem die Zivilgesellschaft sei gefragt, Einfluss zu nehmen.

Corona als Brennglas

Ahlke vergleicht die aktuelle Situation ganz bewusst mit der Protestbewegung, die vor etwas mehr als drei Jahrzehnten zur friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR geführt hat. Seine Erkenntnis aus seiner beruflichen Zeit, die durch die Vereinsarbeit gestärkt worden ist: „Die Zweifel an der Zukunftsfähigkeit unseres aktuellen Lebensstils mit einem auf permanentem Konsum ausgerichteten Wohlstandsgedanken beschäftigt mehr Menschen als vermutet – und Corona hat die Nachdenklichkeit weiter verstärkt. Wie durch ein Brennglas wird deutlich, wo die Schwächen des Systems liegen.“ Es sei die Zeit gekommen, darauf mit demokratischen Mitteln zu reagieren.

Wichtig ist dem Burgsteinfurter, einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs in Gang zu bringen. Dass das Bildungsbürgertum sich einbringt, erwarte er. Aber was ist mit Randgruppen? Ahlke: „Wir müssen in diesem Zusammenhang Lösungen einer aufsuchenden Beteiligung finden.“

„Wie wollen wir leben?“ wächst trotz Pandemie

Wie Veränderungsdruck durch Einmischen erfolgreich erzeugt werden kann, macht nach Meinung des 65-Jährigen die Jugendbewegung „Fridays for Future“ in beeindruckender Weise vor. Den Schülern sei es gelungen, die Bedrohung der Lebensbedingungen zukünftiger Generationen deutlich stärker in den Fokus der öffentlichen Diskussion zu rücken – und Reaktionen der Politik, zum Beispiel hinsichtlich des früheren Erreichens von Klimazielen, auszulösen. In „WieWollenWirLeben“ sieht Ahlke, der sich weniger als klassischer Vorsitzender denn vielmehr als Moderator und Begleiter einer von vielen getragenen Vereinsarbeit versteht, ein Instrument für das Einmischen auf lokaler Ebene. Etwas gebremst wurde das Engagement der Beteiligten allerdings durch Corona. Just nach Festlegung eines ersten Aktionsprogramms brach die Pandemie aus und hat besonders die angestrebte Projektarbeit konterkariert. „Wir konnten uns nicht treffen und nicht alle Vereinsmitglieder haben eine Online-Affinität.“ Dennoch ist Ahlke nicht unzufrieden mit der Vereinsentwicklung. Die Mitgliederzahl ist trotz der Einschränkungen um mehr als das Doppelte auf 57 angestiegen. Übrigens nicht nur Steinfurter, sondern auch viele aus der Region haben sich „Wie wollen wir leben?“ angeschlossen. Einige Web-Werkstattgespräche ersetzten die geplanten, teils schon gebuchten Präsenzvorträge. Themen wie zum Beispiel „Bedingungsloses Grundeinkommen“, „Alternative Wohnformen“ oder „Gesundheitsstadt Steinfurt“ seien sehr gut angekommen und hätten interessante Perspektiven eröffnet. Das Prinzip lautete: Fachleute mit dem Blick von außen zu Wort kommen lassen oder, wie im Beispiel Gesundheitsstadt, die Visionen mehrerer lokaler Entscheidungsträger zusammenführen und anschließend gemeinsam zu diskutieren. Eines steht für Uli Ahlke indes auch fest: „Ohne die Pandemie hätten wir sicher noch eine stärkere Dynamik entwickelt.“ Der Nachholbedarf ist groß. Die Mitglieder stehen in den Startlöchern.

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