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Bürgermeister geben Einblick in das Tecklenburger Leben vor 300 Jahren

Keine Weinberge, wenige Bierbrauer

Tecklenburg

Mit der Übergang von den Tecklenburger Grafen an das Königreich Preußen setzte in Tecklenburg ein langsamer Niedergang ein. Das geht aus einem Bericht der damals zwei Bürgermeister hervor. Der Weinanbau war anscheinend in Vergessenheit geraten, Bierbrauer gab es nur noch wenige in der Stadt.

Dr. Christof Spannhoff

Die erste Seite des Berichts der Tecklenburger Bürgermeister Leonhard Altmann und Arnold Meese vom 30. August 1724 im Bestand Kriegs- und Domänenkammer Minden, Nr. 1248 des Landesarchivs NRW, Abteilung Westfalen in Münster. Foto: Christof Spannhoff

Wie sahen die Verhältnisse in der Stadt Tecklenburg vor 300 Jahren aus? Eine Antwort auf diese Frage kann ein Bericht geben, den die damaligen Bürgermeister Leonhard Altmann und Arnold Meese am 30. August 1724 an die Kriegs- und Domänenkammer in Minden schickten. Sie hatten von der vorgesetzten Regierungsbehörde zuvor einen Fragebogen erhalten, der ihre Ausführungen strukturierte.

Ungefragt und nicht ohne Stolz gaben sie allerdings zunächst das angeblich hohe Alter der Stadt an. Tecklenburg sei bereits in der Geographia des Claudius Ptolemäus († nach 160 n. Chr.) als Tekelia genannt worden. Diese Information entnahmen sie aber nicht etwa der Beschreibung der Grafschaft Tecklenburg des Gerhard Arnold Rump (1629-1691) von 1672, sondern den Werken der Geografen Abraham Ortelius (1527-1598) und Philipp Clüver (1580-1622), auf die sie sich ausdrücklich beriefen.

Tekelia-Gründungsmythos war weit verbreitet

Wo dieses antike Tekelia aber wirklich gelegen hat, wird sich wohl kaum noch zweifelsfrei klären lassen. Man vermutet es heute etwa bei Elsfleth. Interessant ist aber, dass dieser Gründungsmythos in den gelehrten Bürgerkreisen Tecklenburgs Anfang des 18. Jahrhunderts bekannt war.

Weiter führten Altmann und Meese aus, dass die Stadt auf einem hohen Berg liege und daher keine gute Verkehrsanbindung habe. An der einen Seite finde sich das königliche Gehölz des sogenannten Sunderns, an der anderen Felsen und Saatland.

Das Schloss als Residenz der ehemaligen Grafen von Tecklenburg habe einst zwei Besonderheiten aufgewiesen: zum einen den fünfeckigen, schiffsförmigen Turm, der ursprünglich sehr hoch gewesen sein soll. Wegen eines Brandes sei er aber verkleinert und nun gänzlich abgebrochen worden, weil das Schloss auf königlichen Befehl aktuell neu befestigt werde. Zum anderen verwiesen die Bürgermeister auf einen zwei Meilen langen, unterirdischen Gang, der aus der Stadt geführt haben soll. Dieser Geheimweg sei aber durch Umbauten ebenfalls zerstört worden.

Der Magistrat der Stadt Tecklenburg bestehe aus sechs Mitgliedern, nämlich den zwei Bürgermeistern und vier Ratsherren. Neben der evangelischen Pfarrkirche gebe es in der Stadt eine Latein- und eine Elementarschule (Deutsche Schule).

Zum Magistrat gehörten zwei Bürgermeister und vier Ratsherren

Zu gräflicher Zeit (vor 1707) habe vor allem die Hofhaltung den wirtschaftlichen Schwerpunkt des Städtchens gebildet. Seit dem Übergang an das Königreich Preußen sei dieser Verdienstzweig allerdings weggebrochen und die Bürger der Stadt verarmten. Verstärkt würde dieser beklagenswerte Zustand noch durch die Abgaben an das in Tecklenburg stationierte Militär.

Ansonsten ernährten sich die Tecklenburger vorwiegend durch die Herstellung von Löwendlinnen aus Flachs und Hanf, das vor allem nach England exportiert werde. Denn der steinige Untergrund lasse nur wenig Ackerbau zu, „so daß das Land, wan es aufs sorgfältigste cultiviret wird, kaum das 4te Korn wieder liefert, gleiche Bewandtniße hat es mit dem Wiesewachß und allen andern“.

Auffällig ist die lapidare Angabe, dass sich keine Weinberge fänden. Der ehemalige Weinanbau in Tecklenburg scheint damals bereits vollkommen in Vergessenheit geraten zu sein. Einzig die Legge, in der das Leinen geprüft und zertifiziert werde, sei Anlaufstelle für die ganze Grafschaft und führe Bauern und Händler nach Tecklenburg. Das Bierbrauen werde nur in geringem Maße betrieben, auch gebe es keine Salz- oder Bergwerke. Nach den Angaben der beiden Bürgermeister war die Stadt völlig unbefestigt und hatte 145 Häuser, von denen einige unbewohnt waren. Die meisten befänden sich in schlechtem Zustand und könnten wegen fehlender Mittel nicht renoviert werden. Tecklenburg habe zwar lange Zeit keinen Brand erlitten, aber auch keine besonderen alten Bauwerke aufzuweisen.

Zwei Märkte werden im Jahr veranstaltet

Die Einwohner seien vorwiegend reformiert bis auf einige wenige Lutheraner. Zweimal im Jahr werde Markt gehalten: ein Viehmarkt am 28. Oktober (Simon Judae) und ein Vieh- und Schweinemarkt am 30. Mai (Andreae). Die Stadtrechte seien Tecklenburg 1669 vom Tecklenburger Grafen Moritz (1615–1674) verliehen worden. Danach würden die Bürger alle zwei Jahre am 6. Dezember (Nicolai) Bürgermeister und Rat aus ihrer Mitte wählen. Zudem dürfte die Stadtobrigkeit Beleidigungen und Schlägereien, bei denen kein Blut fließe, gerichtlich ahnden. Auch das Bürgerrecht könne durch den Magistrat gegen Gebühr an Zugezogene verliehen werden. Ferner sei es gestattet, eine Steuer auf das Bierbrauen (Bier-Accise) zu erheben und im städtischen Keller auswärtige Biere zum Verkauf einzulagern. Der Magistrat dürfe zudem Geburtsurkunden und Lehrbriefe ausstellen, Jahrmärkte abhalten und Sonderabgaben (Collekten) erheben sowie Gilden genehmigen.

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