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Inhaber des Gasthofs Strietholt dürfen nach sechs Monaten erste Gäste bewirten

Lichtblick nach dem Lockdown

Everswinkel

Für Existenzgründer muss es ein wahrer Albtraum sein. Geplant, investiert, vorbereitet – und dann kann man nicht loslegen. Vor acht Monaten traten sie als neues Pächterpaar für den früheren Gasthof Arning ins Rampenlicht, vor mehr als sechs Monaten wollten sie ihren Gasthof Strietholt eröffnen. Doch Steffen Strietholt und seine Frau Annika Haarmann waren in ihrem Tatendrang durch einen gefühlten „Never-ending-Lockdown“ gefesselt.

Klaus Meyer

Steffen Strietholt und Annika Haarmann fiebern nach mehr als sechs Monaten Wartezeit der Teilöffnung in der nächsten Woche entgegen. Das Bild zeigt beide im „Roten Salon“ des Gasthofs, der nach der Renovierung auch künftig seinem Namen gerecht wird – auch durch die passenden Bilder, die Annika Haarmann selbst gemalt hat. Foto: Klaus Meyer

„Wir wussten ja, auf was wir uns einlassen. Die Gefahr war da. Aber so lange – da hat niemand mit gerechnet“, schüttelt Haarmann den Kopf. „Es hat auch nicht immer Freude gemacht“, gibt Strietholt zu. Das „Essen-to-go“ kann für einen kreativen Küchenchef kein dauerhafter Ersatz sein. Nun läuft die Gastronomie – zunächst nur draußen – langsam wieder an. Ein Hoffnungsschimmer.

Die vergangenen sechs Monate hätten viel Geduld erfordert. Eine Zeit, in der die Stimmung bei dem Paar auf Talfahrt war. Hatte man anfangs noch gedacht, ab Januar öffnen zu können, hat sich die Hoffnung dann Monat um Monat verschoben, und Prognosen gab man schließlich auf. „Der Frust, so in Pappkartons anzurichten, ist schon größer geworden“, blickt Strietholt zurück. „Wir sind angefangen, um Gastgeber zu sein. Ein frisch gezapftes Bier und ein gutes Essen dazu – dafür sind wir angetreten.“

Steffen Strietholt

Stattdessen wurde das Essen aus dem Haus getragen. Zunächst mit riesiger Resonanz. Die Neugier auf das junge Paar und seine Küchenkünste drückte sich in der Nachfrage aus. Sieben Tage die Woche die Küche geöffnet, und zeitweilig gingen über 100 Essen am Abend raus. Ohne die Unterstützung der Eltern, die selbst noch Vollzeitjobs haben und abends mithalfen, wäre es gar nicht gegangen mit dem Außer-Haus-Angebot, erzählen beide. Koch Markus Rieping habe früh seine Hilfe angeboten, sei derzeit samstags da. „Er ist das einzige Personal, das wir uns geleistet haben“, sagt Annika Haarmann.

Die Nachfrage sei inzwischen „krass zurückgegangen“, das Pächterpaar ist nun bekannt, und die Essenslust leidet unter dem Lockdown. „Wir beschränken das jetzt auf das Wochenende, mehr macht aus wirtschaftlichen Gründen keinen Sinn“, sagt Haarmann, die unter anderem die Buchführung macht. Schnitzel, das „Alverskirchener Duett“, die selbst gemachten Nudeln – das sind so die Renner des „Lockdown-Menüs“, das es nun schon in fünfter Auflage gibt. Wirtschaftlich lohne der Außer-Haus-Aufwand „eher nicht“, sondern es gehe „in erster Linie darum, ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben“, bilanzieren beide.

In den ersten beiden Monaten „haben wir etwas Unterstützung vom Bund bekommen“, aber es sei eben schwierig, wenn es ein neuer Betrieb sei. „Seit Januar kommt gar nichts mehr“, zuckt Strietholt mit den Schultern. Das Paar ging an die verbliebenen Reserven und vertagte weitere Ausgaben, etwa den Austausch der ganzen Küchengeräte. „So lange der Laden nicht sauber läuft, sind wir vorsichtig mit Investitionen“, sagt Strietholt. „Ein paar Sachen, die wir gerne schon angegangen wären, schieben wir jetzt“, ergänzt seine Frau, die ihren Optimismus aber nicht verloren hat. „Wir sind ein eingespieltes Team geworden und haben versucht, das Beste draus zu machen und trotzdem mit guter Laune heranzugehen.“ Ideen wurden entwickelt, und vermehrte Anfragen und Aufträge vom Standard-Büfett bis zum Vier-Gänge-Menü für Hochzeits- und Geburtstage, Bulli-Dinner mit Wohnmobilen oder auch Gourmet-Pakete für den Elferrat von BSHV und MGV „waren immer wieder Lichtblicke für uns“.

Annika Haarmann

Jetzt geht es mit dem Biergarten und den 45 Plätzen dort erst einmal am Donnerstag nach Pfingsten vorsichtig los. Bis dahin werden die seit Februar laufende Renovierung der Toiletten abgeschlossen und der Getränkebestand wieder aufgefüllt sein. Das Corona-Konzept für den Open-Air-Start steht laut Haarmann schon. Gäste mit Tischreservierung vorne durch die Gasthof-Tür, Kontrolle von negativem Corona-Test, Impf- oder Genesungsbescheinigung und dann Begleitung nach draußen zum Tisch. „Wer kurzfristig Lust hat, ist auf jeden Fall auch willkommen“ – wenn frei ist. „Wir haben einfach Bock, dass es jetzt losgeht“, freut sich Haarmann auf die beginnende Entfesselung vom Lockdown.

Etwa 60 Tischplätze wird der Gasthof – der plakativ auf der Homepage mit „No Racism. No Homophobia. No Sexism. No Violence“ dafür steht, „dass jeder willkommen ist“ – mal bieten, wenn es wieder normal läuft. Bei Veranstaltungen auch mehr. Doch bis dahin dauert es noch. Strietholt und Haarmann hoffen auf den Herbst, „aber es ist schwer abzusehen“. Nicht minder schwer ist die Suche nach qualifiziertem Personal. Das Pächter-Ehepaar sucht derzeit einen Koch, eine Service- und Thekenkraft und bietet einen Ausbildungsplatz für einen Koch oder eine Köchin. „Das ist in der Branche in den letzten Jahren immer schwerer geworden“, blickt Strietholt auf die generelle Personallage und hat so recht keine Erklärung dafür. „Einen Koch brauchen wir unbedingt. Ich möchte auch gerne wieder ausbilden. Das finde ich auch wichtig. Es ist meine Leidenschaft und ich möchte es auch weitergeben. Wenn es keine Köche mehr gibt, wäre das schlecht.“ Stimmt. Dann gäbe es irgendwann nämlich auch keine Gasthöfe mehr.

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