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Aloys Röhr lebte zeitweise in Albersloh

Kunst gegen Speck und Eier

Albersloh

Der Bildhauer und Grafiker Aloys Röhr hat nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Tod viele Jahre in Albersloh gelebt und gearbeitet. Der Albersloher Theo Rüschoff erinnert sich an seinen Verwandten „Onkel Alvis“ als einen freundlichen, ruhigen Mann mit Pfeife im Mund.

Christiane

Der Bildhauer und Grafiker Aloys Röhr lebte und wirkte auch einige Jahre in Albersloh. Foto: Husmann

Die, die ihn noch kennenlernen durften, beschreiben ihn als eigentümlichen Westfalen mit einem außerordentlichen Talent. Die Rede ist von Aloys Röhr, Bildhauer und Grafiker, der viele Jahre bis zu seinem Tod in Albersloh gelebt und gearbeitet hat. Unsterblichkeit erlangte er durch seine Kunst, die man nicht nur am Rathaus in Münster bewundern kann, sondern gewiss auch in einigen Albersloher Häusern.

Aloys Röhr wurde 1887 als eines von fünf Kindern der Eheleute Carl und Gertrud Röhr in Münster geboren. Der Vater – gelernter „Photographengehülfe“ und später Inhaber eines Fotoateliers – förderte laut Biografieunterlagen das Talent des schon als Kind zeichnenden Sohnes, der im Alter von 17 Jahren eine Ausbildung beim Münsteraner Bildhauer Anton Rüller begann. Mit 21 Jahren schrieb er sich an der Akademie der Bildenden Künste in München ein und studierte in der Bildhauerklasse von Professor Erwin Kurz. Anfänglich inspiriert vom Jugendstil, machte er sich später einen Namen als bedeutender expressionistischer Bildhauer der 1920er Jahre. In dieser Zeit, kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs, gründete er mit fünf weiteren Künstlern die „Freie Künstlergemeinschaft Schanze“. Nach dem Zweiten Weltkrieg schätzte man ihn als Wiederaufbauhelfer des zerbombten Münster. So findet man heute seine Figuren und Ornamente unter anderem am Rathaus, am Dom und an einigen Geschäftshäusern des Prinzipalmarktes wieder.

Die Witwe Frankenstein

Der Zweite Weltkrieg war es auch, der ihn nach Albersloh brachte. Zuvor lebte er in einer Wohnung in der Münsteraner Ostmarkstraße. Archivunterlagen erzählen von einer kleinen Wohnung, in der Röhr nicht nur mit Papageien und Molchen zusammenlebte, sondern auch mit einer Kriegswitwe namens Frankenstein. Dabei soll es sich um eine rein platonische Beziehung des bekennenden Junggesellen gehandelt haben. Im Jahr 1944 wurde die gemeinsame Wohnung zerbombt.

In einer Werkstatt in Münster fertigte Aloys Röhr Modelle, wie den Wächter fürs Rathaus. Foto: Foto: Privat

„Ich kann mich noch sehr gut an Onkel Alvis erinnern“, erzählt Theo Rüschoff, in dessen Elternhaus in der Bauerschaft West II Aloys Röhr als Verwandter bis zu seinem Tod gelebt hat. Dorthin war er gezogen, nachdem er zuvor mehrere Jahre bei Familie Rose an der Bahnhofstraße wohnhaft gewesen war. „Ich habe ihn als freundlichen, ruhigen Mann mit Pfeife im Mund vor Augen“, so Rüschoff, der aber auch vom Witz des Malers und Bildhauers zu erzählen weiß: „Wir mussten sonntagnachmittags immer in die Christenlehre. Dann kam der Sonntag, an dem der Männergesangverein ein Theaterstück im Saal bei August Kordt aufführte. Mein Kumpel und ich hatten Karten. Das hat leider Kaplan Fischedieck, bei dem wir nicht nur die Christenlehre, sondern auch Religionsunterricht hatten, spitz bekommen. Als erzieherische Maßnahme wurde mir auferlegt, 150 Mal ‚Ich darf die Christenlehre nicht versäumen‘ zu schreiben. Um Zeit zu sparen, schrieb ich den Satz nur ein Mal und setzte Strichelchen darunter. Das gab am nächsten Tag natürlich Ärger. Eine schriftliche Entschuldigung wurde verlangt, die Onkel Alvis gerne verfasste.“ Unterschrieben mit „De Öhm“ habe diese vermocht, den Vikar von weiterer Strafe absehen zu lassen.

Theo Rüschoff

Wenn „De Öhm“ Aloys Röhr gerade nicht mit dem Anbau von Pfeifentabak beschäftigt gewesen sei, habe er Figuren geschnitzt oder Bilder gemalt. „Das waren meist christliche Motive“, erzählt Theo Rüschoff, der dem starken Raucher häufig bei der Arbeit über die Schulter geschaut habe. „Viele seiner Arbeiten hat er bei Bauern gegen Speck und Eier getauscht, um die in Münster lebende Witwe Frankenstein damit zu unterstützen“, erinnert sich der Albersloher an seinen Verwandten, der nicht nur mit einer künstlerischen, sondern auch sehr sozialen Ader ausgestattet gewesen sein soll. So kann es also sein, dass nicht nur in Museen, am Münsteraner Rathaus, auf dem Prinzipalmarkt und andernorts, sondern auch in verschiedenen Albersloher Wohnzimmern noch immer Figuren stehen, Bilder hängen oder Karikaturen gute Laune machen, die aus der Hand des Künstlers stammen. Beispielsweise im Haus der Familie Rose, für die Aloys Röhr ein „Rose-Album“ mit Zeichnungen einiger Familienmitglieder gefertigt hat. „Meine Mutter Hedwig hätte bestimmt eine Menge über Aloys Röhr zu erzählen gewusst“, glaubt Astrid Rose. Im Nachlass sind neben dem Album noch einzelne Schnitzereien des Künstlers zu finden, die einen Ehrenplatz eingenommen haben. So bleibt Aloys Röhr wohl auch in Albersloh vielerorts für immer präsent.

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