1. www.azonline.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Sendenhorst
  6. >
  7. Motorisch und mental auffällig

  8. >

Legasthenie- und Dyskalkulie-Trainerin aus Albersloh schlägt Alarm

Motorisch und mental auffällig

Albersloh

Dass insbesondere Kindern die derzeitige Situation schwer zu schaffen macht, weiß Britta Maus leider nur allzu gut. Die Legasthenie- und Dyskalkulie-Trainerin begleitet seit rund zehn Jahren diejenigen, die ohnehin Schwierigkeiten mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen haben. Doch im Moment ist sie häufig eher als eine Art Psychologin tätig.

Nicole Evering

Dass insbesondere Kindern die derzeitige Situation schwer zu schaffen macht, weiß Britta Maus leider nur allzu gut. Foto: Nicole Evering

„Jeder leidet auf eine andere Weise, der eine mehr, der andere weniger.“ Dass insbesondere Kindern die derzeitige Situation schwer zu schaffen macht, weiß Britta Maus leider nur allzu gut. Die Legasthenie- und Dyskalkulie-Trainerin begleitet seit rund zehn Jahren diejenigen, die ohnehin Schwierigkeiten mit dem Lesen, Schreiben und Rechnen haben. Doch im Moment ist sie häufig eher als eine Art Psychologin tätig. „Die Kinder haben großen Redebedarf und wollen sich mitteilen. Da kommen wir oft gar nicht so richtig zum eigentlichen Training.“

Maus, die im vergangenen Sommer mit ihrem Therapie-Netzwerk von Sendenhorst nach Albersloh umgezogen ist, beobachtet seit Beginn der Corona-Pandemie Veränderungen bei einigen Mädchen und Jungen, mit denen sie arbeitet. Diese sind zum einen motorischer Natur. Gerade bei den Jüngsten, die das Schreiben von Grund auf lernen müssten, seien vermehrt falsche Ansätze zu erkennen, weil niemand ihnen zeige, wie es richtig geht, berichtet Britta Maus von ihren Eindrücken. Ober- und Unterlängen der Druckbuchstaben würden zum Beispiel nicht richtig ausgeschrieben. „Oder die Buchstaben neigen sich zu sehr nach links. Wie sollen die Kinder so später jemals die Schreibschrift richtig beherrschen?“.

Kinder spüren die Sorgen der Eltern

Zum anderen machten sich die vielen Monate des Abstandhaltens auch mental bemerkbar. „Natürlich spüren die Kinder, wenn die Eltern zu Hause Sorgen haben“, zielt Maus auf die wirtschaftlichen Folgen der Krise wie Kurzarbeit oder sogar Jobverlust ab. Auch die vielen persönlichen Einschränkungen – kein Vereinssport, keine Treffen im Freundeskreis, kein Besuch bei Oma und Opa – setzten ihnen mehr und mehr zu. „Soziale Kontakte und damit auch der Austausch untereinander fehlen“, berichtet Britta Maus von Kindern, die nichts lieber täten, als endlich wieder regelmäßig jeden Morgen um 7 Uhr aufzustehen, um zur Schule zu gehen. „Die Situation derzeit ist ja nicht mit den Sommerferien vergleichbar – die sind nämlich endlich“, sagt die Trainerin. Das sei die Pandemie zumindest absehbar nicht. Der Rhythmus fehlt. Maus weiß von Kindern, die an manchen Tagen das Bett gar nicht mehr verlassen wollen. „Alles dreht sich nur noch um Corona. Da bilden sich richtiggehend Depressionen aus“, so Maus.

Auch der ständige Wechsel zwischen Distanz-, Wechsel- und Präsenzunterricht belaste die Kinder. „Sie brauchen mehr Verlässlichkeit.“ Eltern und Lehrern will sie dabei keineswegs Vorwürfe machen. „Die tun sicher, was sie können.“ Und doch sei es für die Pädagogen eben nicht möglich, jedes Kind über die Entfernung gleich gut im Blick zu behalten. Das sei schon in normalen Zeiten bei großen Klassen schwierig, meint Maus. Den Eltern falle derzeit eine Doppelrolle zu, die sie ohne didaktische Ausbildung gar nicht ausfüllen könnten. „Und die Kinder wurschteln sich dann irgendwie durch, nur um irgendwas abzuliefern, egal wie“, berichtet die Albersloherin von Schülern, die sich Lösungen im Internet suchen und abschreiben – „aus lauter Verzweiflung, weil sie die Eltern mit den eigenen Problemen nicht noch zusätzlich belasten wollen“.

Gemeinsame freie Zeit bleibt auf der Strecke

Was dabei dann oft auf der Strecke bleibe – gerade, wenn mehrere Kinder gleichzeitig im Homeschooling beaufsichtigt werden müssten –, sei es, auf andere Weise Zeit miteinander zu verbringen. „Das alles ist ja auch eine enorme Belastung für die Eltern, die doch froh sind, wenn sie abends mal eine Stunde Ruhe haben.“ Die Folge: Der Nachwuchs verbringt ungezählte Stunden vor irgendwelchen Bildschirmen. Morgens beim Unterricht und nachmittags, um irgendwie Kontakt zu den Freunden zu halten, sei es per Videochat oder bei Online-Videospielen. „Dabei bin ich überzeugt: Wenn sie dürften, würden sich die Kinder viel lieber draußen zum Spielen treffen.“

Der Bedarf nach psychologischer Unterstützung steige, und das nicht nur bei Kindern, die sowieso aus schwierigen Familienverhältnissen kämen, sagt die Legasthenie- und Dyskalkulie-Trainerin, die auch an Fachärzte weiterverweist, wenn sie überzeugt ist, dass ein anderer Therapieansatz besser helfen könnte. Mehrfach hat Britta Maus versucht, die Politik auf das Problem aufmerksam zu machen. Zunächst musste auch ihr Angebot eingestellt werden: Es galt als Nachhilfe. Erst mehrmaliges Nachhaken und Rücksprache mit dem Kreis machten deutlich: Es ist eigentlich Therapie. Viele Logopäden bilden sich in diesem Bereich zusätzlich fort. Seit den Osterferien hat Britta Maus wieder geöffnet, Hygienekonzept inklusive.

Nun hofft sie, dass durch die sinkende Inzidenz und die damit verbundene Rückkehr zum Wechselunterricht wieder mehr Struktur in den Alltag kommt. Und dass es im besten Fall auch dabei bleibt. „Das ständige Hin und Her macht die Kinder ganz ‚kirre‘.“ Britta Maus denkt, dass aus den Entwicklungen des vergangenen Jahres noch viel Arbeit erwächst. „Es wird sehr lange dauern, das verloren gegangene Vertrauen in eine sichere Zukunft wieder aufzubauen.“

Startseite