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Entwicklungshilfe

Medizinische Hilfe aus Münster in Tansania

Die Idee war einfach, die Umsetzung ein Hindernislauf. Für drei Monate als Arztehepaar Entwicklungshilfe in Afrika leisten, das war das Ziel von Friederike und Simon Bosche.

Von Michael Baar

Simon Bosche übt mit den Kollegen die Vorbereitung eines kleinen Patienten auf einen Eingriff. Foto: Privat

Doch die Anfragen der Mediziner aus Münster bei bekannten Hilfsorganisationen, wie beispielsweise Ärzte ohne Grenzen, liefen ins Leere. „Wir hatten das Gefühl, die setzen eher auf erfahrene, ältere Ärzte“, fasst die 30-jährige Friederike Bosche die Eindrücke zusammen. Weiteres Handicap der jungen Mediziner: Ihnen fehlt noch die ­Anerkennung als Facharzt. Und ihre Fächerkombination – sie Augenärztin, er Anästhesist und Notfallarzt – scheint nicht gefragt zu sein.

Eine Freundin von Friederike Bosche vermittelt schließlich den Kontakt zu Dr. Thomas Brei. Der katholische Priester und Arzt baut seit 2015 im nordtansanischen Mwanza ein Krankenhaus auf, die St. Clare Clinic – und ist hoch erfreut, als er vom Wunsch des Paares hört. „Kann ich gebrauchen“, ist seine erste Reaktion.

Bei der Ankunft in Mwanza fällt den beiden Medizinern sofort ein Kontrast auf: Viele medizinische Geräte, von Thomas Brei über Kontakte in Deutschland organisiert, die nicht genutzt werden. „Die Geräte kommen hier an und keiner weiß, wie die zum Laufen gebracht werden“, beschreibt Simon ­Bosche die Situation. Was angesichts deutschsprachiger Gebrauchsanweisungen nicht verwundert. „Thomas hat gar nicht die Zeit, sich darum zu kümmern“, verweist Friederike Bosche auf seine Aufgaben als Priester und beim Klinikaufbau.

Unterwegs: Friederike und Simon Bosche mit Thomas Brei und dem Klinik-Krankenwagen am Rand der Serengeti. Foto: privat

In der ersten Woche sammelt das junge Paar Eindrücke, wie in der Klinik gearbeitet wird. „Das ist nicht so, dass man dort mit einem Halleluja begrüßt wird“, beschreibt ihr Mann die ersten Kontakte. „Der größte Fehler, den man machen kann ist der, sofort zu sagen, dass müsst ihr aber so oder so ­machen.“ Wenn man als Weiße nach Mwanza komme, sei das in etwa so, als wenn Außerirdische in Deutschland landen und sofort sagen, macht mal das oder das besser so.

Blasebalg läuft mit Luftdruck

Beobachten, wie es die Einheimischen machen, nachfragen, Vorschläge machen – diese Taktik zahlt sich aus. Der 31-Jährige wühlt sich durch das Lager mit den Geräten, studiert Betriebsanleitungen und bringt so manche Maschine in Gang. Beim Beatmungsgerät sorgt sein Eingreifen für eine deutliche Kostenreduzierung. „Die hatten den Blasebalg auch an die Sauerstoff-Versorgung angeschlossen.“ Was er nicht als Vorwurf formuliert, sondern schlicht auf Unkenntnis zurückführt. Pro Minute gingen so rund 25 Liter des ­teuren Sauerstoffs für das Auf und Ab des Blasebalgs drauf. Ein Patient atmet während dieser Zeitspanne etwa einen ­Liter Sauerstoff. Jetzt läuft der Blasebalg mit Druckluft.

Apotheker – Straßenheiler – Arzt

Die Ärzteausbildung in Tansania läuft – auf dem Papier – ähnlich wie in Deutschland. Sechs Jahre Studium, dann ein praktisches Jahr. „In Deutschland ist man dann ein kleiner Assistenzarzt und weiß, dass man noch viel lernen muss.“ In Tansania gibt es keine Form der Weiterbildung. „Thomas versucht, das am St. Clare in Stück weit zu realisieren.“ Ein junger tansanischer Arzt sitze in seinem Zimmer und warte auf Patienten.

Dass das 30-Betten-Krankenhaus nicht voll belegt ist, verwundert kaum mit Blick auf das Gesundheitswesen in dem Land südlich des Viktoriasees. „Ein Patient muss eine Untersuchung selbst bezahlen“, erläutert Friederike Bosche. In der Regel werde vor einem Arzt erst ein Apotheker gefragt, dann ein Straßenheiler. Sind die Beschwerden dann noch nicht weg, wird ein Arzt konsultiert.

Simon Bosche  demonstriert an einem Freiwilligen die Handhabung eines Defibrillators. Foto: privat

Antibiotika müssen sein

Wer bei der Augenärztin auf dem Stuhl Platz nimmt, muss 15 000 Schilling zahlen. Umgerechnet fünf Euro, „für die Menschen dort viel Geld“. Ohne Antibiotika geht keiner aus dem Raum. Das heißt, der Patient muss erst zur Kasse, das Medikament bezahlen, die Quittung vorlegen und erhält dann die Arznei. Und wenn Medizin nicht erforderlich ist? „Wer einen Patienten ohne Antibiotika gehen lässt, gilt als schlechter Arzt – im Zweifelsfall tut‘s auch ein Tränenersatzmittel.“ Eine Sichtweise, an die sie sich gewöhnen müssen. Das gilt auch für die „Schickeria“, die Friederike Bosche ihre Aufwartung macht. „Einige Wohlhabende sind wohl nur ­gekommen, weil sie die weiße Ärztin sehen wollten“, zuckt sie mit den Schultern.

Friederike Bosche hat zwei kleine Patienten in der Sehschule. Foto: privat

Brille ist auch Statussymbol

Im Alltag ist sie von den Fähigkeiten der einheimischen Assistentinnen und Assistenten angetan. Auch was Operationen betrifft. „Glaukom-OPs können die.“ Das Problem liegt woanders: Viele Patienten kommen erst in die Klinik, wenn die Heilungschancen schon verschwindend gering sind. „Die freuen sich wahnsinnig, wenn sie wieder Umrisse oder Farben erkennen können“, hat die 30-Jährige immer wieder beobachtet. In Deutschland wären die Reaktionen wohl anders ausgefallen. Ach ja, in Tansania ist eine Brille nicht nur Sehhilfe, sondern auch Statussymbol.

Während ihrer drei Monate in dem afrikanischen Land ­haben sich Friederike und Simon Bosche viele weitere Krankenhäuser angeschaut. „Weil Thomas darauf gedrängt hat, damit wir die Unterschiede zu Europa erkennen.“ St. Clare sei im Vergleich schon gut aufgestellt, „auch wenn wir nur einen Ausschnitt der Klinik kennengelernt haben“, ziehen sie Bilanz nach „teils erbärmlichen Zuständen in ­anderen Krankenhäusern, auch staatlichen Kliniken“.

Einige Dinge haben sie angestoßen, um Abläufe zu vereinfachen und auch Patienten zu helfen. Da sind sie sicher. „Aber wir wollen auf alle Fälle wieder dorthin.“ Nicht für drei Monate, zwei Wochen würden schon reichen. Schließlich kennen sie Menschen und Klinik schon. Der Bedarf an Unterstützung ist riesengroß, wissen sie. Gefreut haben sie sich deshalb über das Engagement des gemeinnützigen Vereins Interplast-Germany bei ihrem Aufenthalt. Die Münsteraner wollen Thomas Brei weiter unterstützen. „Aber ein bisschen sind wir auch neugierig, ob die Anstöße, die wir gegeben ­haben, noch Bestand haben.“

Die Idee war einfach, die Umsetzung ein Hindernislauf. Für drei Monate als Arztehepaar Entwicklungshilfe in Afrika leisten, das war das Ziel von Friederike und Simon Bosche.

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