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Landwirte leiden unter Absatznachfrage für Fleisch

Schwarzer-Peter-Spiel ändert nichts

Münster

Eine Branche kämpft ums Überleben. Der Preisdruck für Schweinefleisch treibt viele tierhaltende Betriebe an den Rand ihrer wirtschaftlichen Existenz. Die Ursachen für den Preisverfall und die Aussichten für die Branche im Überblick.

Von Frank Polke

Die tierhaltenden Betriebe in der Region stehen aktuell wirtschaftlich unter Druck. Zum einen lastet die Corona-Pandemie und die Nachfragezurückhaltung auf den Bilanzen, zum anderen ist der große Markt China abgeschottet. Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Die Stimmung ist nicht besonders gut. Der Preisverfall vor allem auf dem Schweinemarkt setzt die Bilanzen der tierhaltenden Betriebe unter Druck. dazu kommt eine gesellschaftliche Debatte über Tierschutz, bei der vieles im Vagen bleibt. Ein Überblick über die Lage.

Wie ist die aktuelle Lage in der Landwirtschaft?

Die Corona-Krise hat im vergangenen Jahr dazu geführt, dass die Nachfrage nach Fleisch und Wurst in Deutschland zurückgegangen ist. „Wir hatten extreme Marktverwerfungen vor allem beim Rind- und Kalbfleisch“, sagt Hubertus Beringmeier. Der im Februar 2020 gewählte westfälische Bauernpräsident sah sich durch den Ausbruch der Corona-Pandemie schon nach wenigen Wochen einer großen Herausforderung im Amt gegenüber. „Viele Schlachthöfe vor allem in Westfalen hatten ja nach den ersten Massenausbrüchen geschlossen. Unsere tierhaltenden Betriebe hatten ihre Ställe mit Tieren voll, die viel zu schwer waren. Die Vermarktung brach damals zusammen. Das war dramatisch, darunter leiden noch heute viele.“ Nach dem Abflauen der Corona-Ausbrüche bei Tönnies und Westfleisch (Münster/Coesfeld) gibt es jetzt ein politisches Verbot, Arbeitskräfte aus dem Ausland durch eine Verkettung von Werksverträgen im Schlachtgewerbe einzusetzen. Dies führt zu einer verschärften Wettbewerbslage der Branche.

Wie wirkt sich der öffentlich diskutierte Bewusstseinswandel gerade im Sinne des Tierschutzes für die Branche aus?

„Wir haben das Grundproblem, dass viele Verbraucher Produkte im Supermarkt gar nicht mehr mit der Landwirtschaft in Verbindung bringen“, sagt WLV-Präsident Beringmeier, der selbst in Ostwestfalen einen tierhaltenden Betrieb führt. „Die Hoffnung war da, dass das öffentlich geäußerte Bekenntnis vieler Verbraucher, für mehr Tierwohl und mehr Biodiversität in der Landwirtschaft auch höhere Preise zahlen zu wollen, auch in entsprechende Taten münden würde. Aber die höheren Erlöse sind bisher bei uns nicht angekommen.“ Psychologen konstatieren das Vorhandensein eines „Schwarzer-Peter-Spiels“ in der deutschen Gesellschaft. Konkret bedeutet dies, dass alle Beteiligten – Handel, Landwirtschaft, Politik und Interessengruppen – die Verantwortung für Veränderungen am reformbedürftigen System nur bei anderen Gruppen sehen. Da sich aber alle Gruppen im System eingerichtet haben und in gewisser Weise auch davon profitieren, ändert sich nichts.

Passiert wirklich nichts?

Doch. Es gibt verschiedenen Ansätze von Handel, Politik und auch Landwirtschaftsverbänden. „Wir wollen weg vom Image des Problemverursachers hin zum Problemlöser. Doch dafür brauchen wir kostendeckende Preise“, so Beringmeier. Ein Beispiel ist die Initiative Tierwohl. Handel, Schlachtbranche und Landwirte haben sich auf ein mehrstufiges Label geeinigt, durch das der Verbraucher sieht, welche Standards bei der Haltung, dem Transport und der Schlachtung der Tiere eingehalten werden. Die Betriebe erhalten pro Tier einen Bonus, wenn sie höhere Tierwohl-Standards erfüllen. Zehntausende Betriebe haben sich beteiligt. Problem: Die Nachfrage nach Fleisch und Wurst der höheren Kategorie ist eher schwach.

Wie geht es nach der Bundestagswahl weiter?

Das hängt von der Regierung ab. Die Union dürfte im Fall einer Regierungsführung das Landwirtschaftsministerium für sich beanspruchen. Hier gilt Silvia Breher aus Niedersachsen als eine mögliche Kandidatin, Julia Klöckner strebt nach Höherem. Sollten die Grünen das Amt – zusammen mit Verbraucherschutz – erhalten, wäre Robert Habeck ein möglicher Kandidat. Dieser gilt als pragmatisch. Die anderen Parteien haben bisher wenig Interesse an diesem Amt geäußert, die AfD versucht, die Verunsicherung bei den Landwirten für sich zu nutzen. Bisher ohne Erfolg.

Kommentar: Preisverfall setzt Bauern zu

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