Die Thomaner und Andreas Reize

Thomaskantor sitzt sicher im Sattel

Münster/Leipzig/S...

Die Sache war im Dezember 2020 klar: Der Schweizer Andreas Reize soll Thomaskantor in Leipzig werden. Doch dann rührte sich im Traditionschor Widerstand gegen den Beschluss von Findungskommission und Leipziger Rat. Jetzt aber scheinen die letzten Unstimmigkeiten ausgeräumt zu sein. Im Herbst soll Reize in Leipzig jedenfalls antreten. Ein Schweizer Katholik in den Fußstapfen von Johann Sebastian Bach.

Johannes Loy

Die Thomaner in Leipzig sind einer der traditionsreichsten Chöre in Deutschland. Foto: Matthias Knoch/Theater Solothurn/dpa

In der Szene der Evangelischen Kirchenmusik gibt es kaum ein Amt, das derart im Zentrum des Interesse steht wie das Amt des Thomaskantors in Leipzig – in der Nachfolge von Johann Sebastian Bach (1685-1750). Im Moment hat den Posten Gotthold Schwarz (68) inne. Er wird im Sommer nach sechsjährigem Interregnum im Gefolge von Georg Christoph Biller (1992-2015) in den Ruhestand gehen. Sein Nachfolger wird, wie unter anderem in einem ausführlichen Interview in dieser Zeitung berichtet, ein Katholik aus der Schweiz: Andreas Reize (45).

Einstimmiges Votum

Das Berufungsverfahren war Ende 2020 längst abgeschlossen, Findungskommission und Leipziger Stadtrat hatten einstimmig für Reize votiert. Doch im März regte sich Widerstand aus dem Chor selbst. Etliche Thomaner hatten sich mit einem Brandbrief an die Öffentlichkeit gewandt, darin An­dreas Reize als Thomaskantor abgelehnt und sich für David Timm als Chorleiter ausgesprochen. Der frühere Thomaner, zurzeit Universitäts-Musikdirektor in Leipzig, war hinter Reize im Bewerbungsverfahren auf Rang zwei gelandet.

Andreas Reize ist designierter Thomaskantor. Foto: Theater Solothurn

Die Unruhe in der Leipziger Musik- und Thomanerszene war bundesweit zu vernehmen, doch nun sind einige Wochen ins Land gegangen – und der Zwist scheint beigelegt. Prof. Dr. Christfried Brödel, Präsident der Neuen Bachgesellschaft in Leipzig, teilte auf Anfrage unserer Zeitung mit: „Ich hoffe, das ist ausgestanden!“ Brödel verwies auf aktuell durchgeführte Elternabende, in deren Verlauf Andreas Reize Programm und pädagogische Ziele für die Thomaner präsentiert habe. Der Thomaskantor sei „nun optimistisch“, das die Zusammenarbeit ab Herbst 2021 fruchtbar sein werde. Reize selbst möchte sich zu diesem Thema bis zum Amtsantritt nicht mehr äußern.

Vorurteile gegen einen Katholiken?

Christfried Brödel verwies im Gespräch auf das glasklare und eindeutige Auswahlverfahren in Leipzig. Der Zweitplatzierte David Timm erwies sich nach dem Zwist im März zudem als fairer Zweiter und teilte mit, dass er nicht zur Verfügung stehe, weil er das Berufungsverfahren akzeptiere.

Der offene Brief, der Mitte März in Leipzig und weit darüber hinaus kursierte, stammte wohl von einigen Oberstufenschülern. Ob dahinter auch noch weitere „selbsternannte Gralshüter der Bach-Tradition“ standen, so hieß es in einem Online-Artikel bei „BR Klassik“, ist unklar. Spekuliert wurde auch, dass es möglicherweise Vorbehalte gegen Andreas Reize gebe, weil er katholisch sei und aus der Schweiz stamme. Christfried Brödel findet solche Vorurteile höchst problematisch und lässt an der Qualifikation von Andreas Reize, der unter anderem Chordirektor des Zürcher Bach-Chores sowie seit 2019 Erster Gastdirigent am Theater Biel-Solothurn für den Bereich Alte Musik ist, keinerlei Zweifel: „Wir haben bei den musikalischen Vorstellungen vier hervorragende, erstrangige Musiker erlebt, alle mit unterschiedlichen Profilen.“ Sodann: „Wir haben denjenigen vorgeschlagen, der uns in der Gesamtheit seiner musikalischen, pädagogischen, theologischen, planerischen und menschlichen Fähigkeiten als der Geeignetste erscheint – und das war Andreas Reize.“

Pädagogisches Geschick

Etliche jener Schüler, die sich jetzt schriftlich gegen Reize ausgesprochen haben, werden in Kürze frischgebackene Abiturienten sein und dann nicht mehr zum Thomanerchor zählen. Andreas Reize habe, wie es weiter hieß, bei seinem Probedirigat ein enormes pädagogisches Geschick im Umgang vor allem mit den jüngeren Thomanern bewiesen.

Christfried Brödel ist nicht nur mit Blick auf den designierten Thomaskantor hochzufrieden, sondern freut sich zugleich darauf, mit Münster 2024 ein „sehr professionelles Umfeld“ für das 99. „Bachfest der Neuen Bachgesellschaft e. V.“ gefunden zu haben. Mit dem Dresdner Kreuzchor-Kantor Roderich Kreile hatte sich Brödel ausführlich in Münster umgesehen. Generalmusikdirektor Golo Berg, der in Weimar sein musikalisches Rüstzeug erhielt, Apostelkirchen-Kantor Andreas Paul, der in Leipzig studierte, und Domkapellmeister Alexander Lauer sowie GWK-Geschäftsführerin Dr. Susanne Schulte führten den Gästen plastisch vor Augen, welch fruchtbares Feld Münster für Bach-Musik ist. Ob 2024 auch der neue Thomaskantor Münster seine Aufwartung macht, bleibt abzuwarten.

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