Herzensziele

Vier Menschen aus dem Münsterland und ihre Missionen

Münsterland

Klimaprotest, Auslandseinsatz, Landjugend, Freiwilligendienst – die Missionen von Carla Reemtsma, Don Wentink, Sarah Schulte-Döinghaus und Barbara Biesemann könnten unterschiedlicher kaum sein. Was die vier Münsterländer verbindet: Sie setzen sich mit Leidenschaft für ihre Herzensziele ein.

Annegret Schwegmann

Don Wentink, Carla Reemtsma, Sarah Schulte-Döinghaus und Barbara Biesemann (ivon oben links im Uhrzeigersinn) sind in ihrer jeweiligen Mission unterwegs. Foto: privat, KLJB, Biederstädt

Sarah Schulte-Döinghaus

Vorige Woche haben die Teilnehmer der Hauptversammlung sämtlicher katholischer Jugendverbände entschieden, was an sich ohnehin schon beschlossene Sache war: Die 72-Stunden-Aktion wird im Jahr 2024 fortgesetzt. Alle Delegierten waren sich einig, dass es undenkbar wäre, eine derart erfolgreiche Aktion einfach einzustellen. Ein Selbstläufer quasi, der in den vergangenen Jahren so viele Menschen mobilisiert und damit etliche sinnvolle Gemeinschaftsprojekte auf den Weg gebracht hat. Sarah Schulte-Döinghaus gehört zu den Mitgliedern der Hauptversammlung, die diese Entscheidung ganz besonders gefreut hat. Schließlich war es die Landjugend, die das Sozial- und Gemeinschaftsprojekt initiiert hat. Die Bundesvorsitzende der KLJB ist überzeugt von der Flächenwirkung des Projektes: „2019 haben in ganz Deutschland 160.000 Leute teilgenommen.“ Das soll den Jugendorganisationen erst einmal jemand nachmachen.

Was dahinter steckt? Zunächst einmal eine solidarische Idee, die 1993 im Landesbezirk Oldenburg entwickelt worden ist. „Die KLJB hatte sich überlegt, dass sie etwas für ihren Ort tun wollte“, erzählt Sarah Schulte-Döinghaus. Etwas Solidarisches, Uneigennütziges. Niemand wird damals geahnt haben, dass die 72-Stunden-Aktion Jahre später den Rahmen der Landjugend sprengen würde. Mittlerweile sind alle 20 Jugendverbände der katholischen Kirche am Projekt beteiligt. Und viele Ideen und Initiativen haben längst ökumenischen Charakter. Und manchmal ist die Jugend eines ganzen Dorfes beteiligt.

Sarah Schulte-Döinghaus ist Bundesvorsitzende der KLJB Foto: KLJB

In 72 Stunden kann erstaunlich viel entstehen. Manche Gruppen richten vernachlässigte Wanderwege wieder her oder legen Barfußpfade an, die allen zugute kommen. Spielplätze, die vorher nicht einmal die bewegungsfreudigsten Kinder zum Toben einluden, sind nach diesen 72 Stunden nicht mehr wiederzuerkennen. „Manche von uns arbeiten durch“, erzählt die Bundesvorsitzende, die das selbst schon häufiger erlebt hat. In Rietberg, ihrem Geburtsort, hat ihre Gruppe 2019 viele Kinder zum Zeltlager mit Nachtwanderungen, Spielen und einem fast greifbaren Gemeinschaftsgefühl eingeladen. „Wir hatten da vielleicht zwei/drei Stunden Schlaf. Mehr war nicht drin.“ Und das sollte auch gar nicht anders sein: „Die 72-Stunden-Aktion ist eine Ausnahmesituation“, meint Sarah Schulte-Döinghaus. „Wir nehmen damit unsere Zukunft selbst in die Hand und erleben eine unglaublich starke Gemeinschaft.“ 2019 hat sich die KLJB ganz besonders über eine öffentliche Auszeichnung gefreut. Die Landjugend erhielt den Bambi und damit einen der angesehensten Medien- und Fernsehpreise. „Für uns war das eine tolle Bestätigung.“

Der Preis hat die Seele gestreichelt. Letztendlich gelingt das der Landjugend aber schon mit dem Miteinander während der Aktionstage. „Wir sind alle stolz, dabei zu sein“, sagt die Vorsitzende. Und dieses „Weißt du noch, damals bei der 72-Stunden-Aktion, als wir . . .“ sei längst bei vielen Beteiligten zu einem geflügelten Wortgeworden.

Barbara Biesemann: Mit 50 im Freiwilligendienst

Wie sie sich fühlt, wenn sie abends nach Hause kommt? „Einfach nur gut“, sagt Barbara Biesemann. Am Tag vor dem Interview hat sie Metalldrähte repariert, die eine Obstwiese der Nabu-Naturschutzstation Münsterland säumen. Eine Arbeit, die sie fast so sehr mag wie ihre Lieblingsbeschäftigung im Freiwilligendienst des Naturschutzbundes: Zäune freischneiden und auf Vordermann bringen. „Wenn Sie das den ganzen Tag lang machen, denken Sie nach ein paar Stunden nicht mehr. Der Kopf ist völlig frei.“ An solchen Tagen kehrt sie so entspannt nach Hause zurück wie selten zuvor in ihrem bisherigen Leben.

Wenn Barbara Biesemann Menschen, die sie gerade kennengelernt hat, erzählt, womit sie seit einigen Monaten beschäftigt ist, geschieht meistens dies: Die Fremden mustern sie mit einer Mischung aus Verwunderung und Hochachtung. Und einige von ihnen fassen ihr Erstaunen in Worte: „Mit 50 machen Sie ein Freiwilliges Ökologisches Jahr? Das ist ja bemerkenswert!!“

Barbara Biesemann macht ein Freiwilliges Ökologisches Jahr. Foto: privat

Und das ist es tatsächlich – jedenfalls für Außenstehende. Für Barbara Biesemann eher nicht. Es macht ihr nichts aus, dass ihre neun Kolleginnen und Kollegen im Freiwilligendienst fast 30 Jahre jünger und damit im Alter ihrer Kinder sind. Und dass sie die Auszeit, die sie sich schon lange einmal gönnen wollte, nicht auf der Gartenliege, sondern mit oft harter körperlicher Arbeit verbringt – auch das findet sie naheliegend. Engagement ist eine Art Lebensmotto für sie. Sie ist Sozialarbeiterin geworden, weil sie sich für Menschen und ihr Schicksal interessiert. Mit der Natur verhält es sich ganz ähnlich. Der Freiwilligendienst ist eine Art Vehikel. „Er ist meine Möglichkeit, dazu beizutragen, Natur zu erhalten.“ Eineinhalb Jahre lang will die 50-Jährige für den Nabu arbeiten. Was danach kommt? „Das weiß ich noch nicht.“ Vielleicht ein anderes Naturprojekt. Oder Sozialarbeit. Oder etwas ganz anderes.

In der Naturschutzstation in Münster-Hiltrup und in den Naturreservaten, die der Nabu unterhält, lernt sie täglich dazu. In Heidegebieten rupft sie junge Kiefern aus der Erde, um die Landschaft zu erhalten. Sie pikiert Sommerblumen, kümmert sich um die Gemüse- und Bienenbeete. Und in dem Innengarten, der im zum Haus passenden Stil der 60er Jahre erhalten geblieben ist, lernt sie die Namen von Pflanzen und Blumen kennen. Zinnien beispielsweise. Ihr eigener Garten lernt gewissermaßen mit. Ein Stückchen freiliegende Erde im Rasen ist schon längst kein Ärgernis mehr. „Für Bienen ist das optimal. Sie können darin ihre Eier ablegen.“ Und großflächiges Umgraben ist sowieso die schlechteste aller Ideen: „In jeder Erdschicht sind verschiedene Lebewesen.“ Gelegentliches Auflockern reicht vollkommen aus. Wer weiß, was sie noch alles lernen wird.

Carla Reemtsma engagiert sich bei Fridays for Future

Wer ihren Namen googelt, erlebt wenig Überraschendes in Zeiten der Häme und des Neides in sozialen Netzwerken. In der Rubrik „Ähnliche Fragen“ ist an erster Stelle diese aufgelistet: „Wer ist der Vater von Carla Reemtsma?“. Die Menschen, die diese Frage stellen, sind davon überzeugt, dass die 23-Jährige selbstverständlich zum Clan des Tabakgiganten Reemtsma gehört und damit quasi mit goldenen Löffeln in der Hand in einer Villa in bester Hamburger Lage aufgewachsen ist. Die Vorstellung, dass sie eine vom Reichtum gelangweilte junge Frau sei, die die Leere ihres Lebens mit Klimaparolen füllt – von denen sie natürlich gar nichts versteht –, behagt diesen Menschen. Dass all das gar nicht stimmt, nun, das dürfte diesen Neidern eher nicht gefallen. „Mit den Reemtsmas bin ich nur um tausend Ecken verwandt.“

Seitdem sich die Studentin, die zuerst in Münster und jetzt in Berlin Ressourcenökonomik studiert, bei Fridays for Future für den Klimaschutz engagiert und zu den bekanntesten Aktivistinnen der Bewegung gehört, muss sie sich mit Verunglimpfungen auseinandersetzen – oder auch nicht. „Ich kann die ausblenden“, sagt sie. Obwohl das nicht immer leicht ist. „Mir ist schon alles angedroht worden: Gewalt, sexuelle Gewalt, Hasskommentare.“ Rechtsextreme sehen in ihr und anderen jungen Frauen der Bewegung ein neues Feindbild.

Aufhalten kann sie das nicht. Der laute und aktive Einsatz für den Klimaschutz ist längst zu einem großen Teil ihres Lebens geworden. Am Tag des Interviews beispielsweise hat sie an einer mehrere Stunden dauernden Telefonkonferenz teilgenommen und auf Einladung des ARD-Hauptstadtstudios das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes kommentiert. Für sie ist es ein Meilenstein. Dass das oberste Gericht Deutschlands die Politik zur Generationengerechtigkeit verpflichtet und die Klimaschutzmaßnahmen, die die Regierung bislang auf den Weg gebracht hat, für komplett unzureichend erklärt, empfindet sie als eines der wichtigsten Signale der jüngsten Zeit. „Das ist ein historisches Urteil“, sagt sie.

Carla Reemtsma ist eine der führenden Klimaaktivistinnen. Foto: Pjer Biederstädt

Klimaschutz hat sie schon bewegt, ehe Greta Thunberg an einem Freitag im Sommer 2018 nicht zur Schule ging und stattdessen mit einem Schild in der Hand vor dem Reichstag in Stockholm protestierte. Vielleicht lag es an Carla Reemtsmas Großmutter, die seit Jahrzehnten aktives Mitglied der Umweltbewegung ist. Klimaschutz ist für sie etwas, das täglich gelebt werden muss. Sie selbst fährt kein Auto und ernährt sich vegetarisch und weitgehend vegan. Und wenn andere Menschen sie fragen, was sie machen können, um den Klimawandel in seiner vollen Härte zu verhindern, rät sie ihnen dieses: „Kommen Sie zum Klimastreik.“ Dass der selbst in Zeiten von Corona funktioniert, obwohl er sich nicht mehr als Massenprotest auf der Straße darstellen kann, macht sie besonders stolz. „Wir sind weiterhin da.“ Greta Thunberg hat dabei ihre Rolle als Leitfigur verloren. „Sie war für den Anstoß sehr wichtig“, meint die Studentin. „Doch heute ist die Bewegung unabhängig.“

Und sie hat noch viel zu tun. Die Argumentation der Energiekonzerne ärgert die Studentin ganz besonders. „Ihre Strategie zielt seit Jahren darauf ab, den Konsumenten ein schlechtes Gewissen einzureden.“ Nach dem Motto: Wir würden ja einen klimafreundlichen Weg einschlagen. Aber ihr hindert uns daran, weil ihr alles so billig wie möglich haben wollt. Auch „die Untätigkeit der Parteien“ ärgert sie. Im Programm keiner Partei sieht sie die Chance, den Klimawandel zu durchbrechen.

Seitdem sie sich auf Bundesebene engagiert, beantwortet Carla Reemtsma immer wieder diese Frage: „Wollen Sie in die Politik gehen?“ Ihre Antwort: „Ich bin doch längst drin.“

Don Wentink im Afghanistan-Einsatz

Mission heißt Sendung, und das trifft auch auf die Auslandseinsätze von Solda­ten zu. Major Don Wentink ist Niederländer, sein Kamerad Stabsfeldwebel Frank Rieder Deutscher. Beide dienen beim Deutsch-Niederländischen Korps in Münster, beide sind sie erfahren, was Auslandsmissionen angeht. In Afghanistan warjeder von ihnen drei Mal. Nach rund 20 Jahren geht der Nato-Einsatz in den nächsten Wochen zu Ende. „Dass das irgendwann so kommen würde, war ja klar“, sagt der Deutsche.

Wer Afghanistan nicht aus eigener Anschauung kennt, sieht ein Land, in dem die Gewalt Oberhand hat und Fortschritt ein Fremdwort zu sein scheint. Das stimmt natürlich nicht. Wer den beiden Soldaten zuhört, wie sie von ihren Einsätzen erzählen und den Menschen, auf die sie trafen, der merkt sofort: Das schnelle Urteil taugt oft wenig und Erfolg ist nicht immer eine Frage der Größe.

Dass Mädchen zur Schule gehen dürfen oder ein entlegenes Dorf einen Brunnen hat, „diese Erfolge machen einen stolz“, sagt Wentink. Und traurig, wenn das Rad der Geschichte die Entwicklung zurückdrehen sollte. Aber: „Das können wir nicht ändern.“

Don Wentink (l.) war drei Mal als Soldat in Afghanistan. Foto: privat

Lektion eins: Soldaten in Auslandsmissionen dürfen sich natürlich von dem Land, in das sie geschickt werden, berühren lassen. Das darf aber nicht so weit gehen, dass sie ihre professionelle Distanz verlieren.

Sowohl der Stabsfeldwebel, der 2003, 2010 und 2014 in Afghanistan eingesetzt war, als auch der Major, der 2009, 2011 und im vergangenen Jahr dort Dienst tat, war unter anderem mit der Ausbildung afghanischer Soldaten befasst. „Die afghanische Armee hat sich gut entwickelt“, sagt Wentink. „Vom Material und der Ausbildung her können sie ihr Land verteidigen“, ergänzt Rieder. Für die wieder von den Taliban bedrohte Zentralmacht in der Hauptstadt Kabul ist eine gerüstete und gut ausgebildete Armee existenziell.

Lektion zwei: Afghanistan ist nicht Deutschland und auch nicht die Niederlande. Meint: Die eigenen Maßstäbe sind nicht automatisch maßgebend. Und möglicherweise nicht immer besser. Aus hiesiger Sicht mag für einige die afghanische Truppe nicht effektiv sein, aus der Perspektive der Afghanen geht vielleicht nicht mehr. Wer das akzeptiert und verinnerlicht hat, blickt anders auf das Land und die Menschen, findet eigene Antworten auf die Frage nach dem Erfolg oder Misserfolg. „Man darf eben nicht immer erwarten, das große Ziel zu 100 Prozent zu er­reichen“, sagt der Major. Und müsse überdies lernen, sich in Geduld zu üben.

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