Erste Ausgangssperre am Samstagabend

Wenn die Welt still steht

Greven

Befremdliche Ruhe: Auch in Greven gilt seit Samstag eine nächtliche Ausgangssperre. Doch wie sieht die Stadt aus, wenn so eine Sperre gilt? Wir haben eine Runde gedreht.

Peter Beckmann

Die Innenstadt ist genau so menschenleer wie die Straßen in den Wohngebieten. Foto: Peter Beckmann

Samstagabend, 22 Uhr – es gilt eine Ausgangssperre. Wann gab es das zum letzten Mal? Während des Zweiten Weltkrieges? Vermutlich. Aber auch jetzt wird ja eine Art Krieg geführt, ein Krieg gegen ein Virus und gegen die Unvernunft einiger Menschen.

Der erste Eindruck an der frischen Luft: Es ist ruhig, beängstigend ruhig. Kein Auto, kein Gespräch, keine Musik – es ist einfach nur still. Selbst das Dauerdröhnen der Autobahn ist nicht zu hören. Beängstigend, so etwas sind die Menschen dieser Zeit gar nicht mehr gewohnt.

Die Fahrt führt über die Königstraße, die Rathausstraße, die Umgehungsstraße. Nur ganz wenige Autos sind unterwegs. Man hat das Gefühl, das die wenigen Fahrer ängstlich herüber schauen und schnell nach Hause wollen. Fußgänger? Fehlanzeige. Aber doch, da ist jemand. Eine Frau läuft mit ihrem Hund auf dem Bürgersteig. Das darf sie auch, laut Verordnung.

Befremdliche Fahrt durch Wohngebiete

Dann ein ganz neues Gefühl. Die Ampel an der Molkerei-Kreuzung und an der Nordwalder Straße beweisen, dass sie wirklich Anforderungsampeln sind. Heißt: Die werden grün, wenn ein Auto kommt. Und da niemand anderes unterwegs ist folgt wie von Geisterhand eine nicht enden wollende grüne Phase.

Bei McDonalds, wo normalerweise um diese Zeit gut zu tun ist, ist es dunkel. Selbst die goldene Möwe leutecht nicht – für wen auch. Die Fahrt durch die Wohngebiete ist befremdlich. Nirgendwo ein Mensch, die Fenster der Häuser sind beleuchtet, ein auf und ab flackerndes Licht lässt darauf schließen, dass fast überall der Fernseher läuft. Und endlich wieder ein Mensch, in Begleitung eines Hundes schaut der Mann misstrauisch in Richtung des im begegnendes Auto.

Dann, nach ganz viel Ruhe und Tristesse ein Licht. Die Westfalen-Tankstelle an der Königstraße ist hell erleuchtet. Und tatsächlich ist der Shop geöffnet. Eine junge Frau begrüßt den Kunden freundlich. „Ist doch bestimmt gleich Feierabend“, so die nichts ahnende Frage, die auf eine Antwort wartet. Denn ein Kunde ist gekommen, der nicht getankt hat, aber wohl Hunger hat und sich die ausgelegten Backwaren aussucht. Wo soll er denn auch sonst seinen Hunger stillen, wenn er nichts zu Hause hat? Herbert und Co. haben dicht.

Eine Tankstelle ist geöffnet

Zurück zu der jungen Frau. Paulina Andrysiak heißt sie und sie hat Nachtschicht. „Wirklich jetzt? Für wen denn?“ Die junge Frau lächelt. „Wir sind die einzige Tankstelle weit und breit, die geöffnet hat und es gibt immer jemanden, der noch tanken muss“, erklärt sie und zählt Polizei, Feuerwehr oder einfach Menschen, die zur Arbeit fahren müssen, auf.

Viel Betrieb wird sicher nicht sein, da ist sie sich sicher. Aber: Langeweile kommt bei ihr nicht auf. „Ich mache derzeit eine Ausbildung und schreibe in der kommenden Woche eine Klausur, dafür kann ich heute Nach gut lernen.“

Dafür wird sie sicherlich ganz viel Zeit haben. Denn auch auf der Hauptstraße wird der Autoverkehr immer weniger. Kein Auto zu sehen. Allerdings taucht gerade ein Polizeiwagen auf. Die Beamten schauen herüber, mustern mein Auto und sehen wohl keinen Anlass den Fahrer anzuhalten. Sie fahren weiter. Verstöße haben sie nicht festgestellt, war gestern von der Leitstelle zu hören.

An der Martinischule zwei Taxen. Die Wagen stehen entgegengesetzt nebeneinander, die Fahrer unterhalten sich. Taxis während einer Ausgangssperre? „Wir haben Beförderungspflicht rund um die Uhr“, erklärt einer der Fahrer. Es könne ja auch mal zu Notfällen kommen, bei denen ganz schnell ein Taxi benötigt wird. „Aber ganz viel wird das heute sicherlich nicht werden“, sind sich die beiden einig. Hoffentlich haben sich die beiden noch viel zu erzählen.

Gespenstische Ruhe

Zum Schluss der Weg zur Autobahnbrücke in Verlängerung der Schützenstraße. Es fahren Auto, allerdings nur ganz wenige. Viele der Fahrzeuge sind Lkw, die vermutlich Lebensmittel von A nach B transportieren. Irgendwie kommen Erinnerungen an die autofreien Sonntage während der Öl-Krise auf – die Älteren werden sich erinnern. Auch damals war die Autobahn leer, fuhren sogar Fahrräder über den Highway.

Zurück nach Hause, der Weg führt durch die Wöste. Auch hier ist kein Mensch zu sehen, nur eine Frau führt ihren riesigen Hund Gassi und schaut strafend in Richtung des Ruhestörers.

Und dann raus aus dem Auto. Wieder überfällt einem die gespenstische, tosende Ruhe, nicht einmal der Wind weht. Die Welt steht still und versteckt sich vor dem Virus, könnte man meinen.

Hoffentlich kommt bald das normale Leben zurück – ein Wunsch, der aus jedem Fenster der Häuser zu tönen scheint . . .

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